Sophie von Bechtolsheim, Enkelin von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, hielt bei der Gedenkfeier den Festvortrag. Das Bild zeigt sie mit Albstadts Oberbürgermeister Klaus Konzelmann und Lautlingens Ortsvorsteher Heiko Peter Melle (rechts). Foto: Eyrich

Wohl kaum ein Vortrag, der in den vergangenen Jahren zum Gedenken der Männer des 20. Juli in Lautlingen gehalten wurde, war so persönlich wie der diesjährige. Sophie von Bechtolsheim erzählte von ihrer Familie, den Stauffenbergs, und was ihnen Lautlingen bedeutet.

Albstadt-Lautlingen - Was die im Schlosshof versammelten Lautlinger von der Enkelin von Claus Schenk Graf von Stauffenberg zu hören bekamen, war eine veritable Huldigung an den "Genius Loci". Im vergangenen Herbst war unerwartet ihr zweitältester Onkel Heimeran gestorben und danach nicht etwa in seinem Wohnort Zürich, sondern in Lautlingen beigesetzt worden. Weshalb Lautlingen? Weil, so die Nichte, "hier seine Wurzeln waren". In Lautlingen hatten die Stauffenberg-Kinder während ihrer Schulzeit "herrliche, entspannte Ferien" verbracht, in Lautlingen hatten Gräfin Nina und ihre fünf Kinder nach dem Krieg Zuflucht gefunden. Gräfin Caroline, die Matriarchin, hatte in Lautlingen ihren Lebensabend verbracht – und zuvor die schweren Zeiten nach dem 20. Juli 1944, als die Stauffenbergs im gesamten Land verfemt waren.

Im ganzen Land? Nicht in Lautlingen – die Lautlinger standen zu ihrer früheren Ortsherrschaft und versorgten sie, der Gestapo zum Trotz, mit Informationen und allen Dingen des täglichen Bedarfs. Als die Kinder der Stauffenberg-Brüder von den Nazis verschleppt wurden, erteilte ihnen der Lautlinger Pfarrer zum Abschied unerschrocken seinen priesterlichen Segen. Und in den Nachkriegsjahren, als die Hinterbliebenen vieler anderer Männer des 20. Juli angefeindet und ihre Frauen "Verräterwitwen" geschimpft wurden, da blieben die Stauffenbergs vom "Trauma der Ausgrenzung" verschont. "Davon hat mein Onkel ein Leben lang gezehrt", bekannte Sophie von Bechtolsheim. "Für ihn und meinen Vater ist die Alb immer ihre eigentliche Heimat gewesen."

Das tödliche Nessushemd angezogen

Und nicht nur für sie. In ihrem jüngsten Werk "Zwölf Begegnungen mit der Geschichte" stellt die Historikerin von Bechtolsheim zwölf Biografien vor, deren gemeinsamer Nenner der Bezug zu Lautlingen ist. Einer der Zwölf, Hans Niederer, war nach den Krieg und einer Odyssee durch ganz Deutschland von Familie Weiß auf ihrem Hof auf dem Tierberg aufgenommen worden und zwei Jahre dort geblieben – er gestand der Enkelin Stauffenbergs später, in dieser Zeit einen der Stauffenberg-Söhne geohrfeigt zu haben. Erinnern konnte sich von diesen keiner mehr; Niederer hätte sich dennoch gerne entschuldigt, doch zu seiner Rückkehr zum "Sehnsuchtsort Tierberg" kam es nicht mehr: Auch er ist im vergangenen Jahr gestorben. "Jetzt hat er den besseren Überblick."

Den Erinnerungen ließ Sophie von Bechtolsheim abschließend philosophische Betrachtungen zum Vermächtnis der Männer des 20. Juli folgen, in dem sie in Zeiten, da jeder möglichst gesund, erfolgreich, leistungsfähig und langlebig sein wolle, eine "Riesenprovokation" darstelle. Sie hätten die Möglichkeit des Scheiterns bewusst einkalkuliert, sie hätten ihr Schuldigwerden als unausweichlich angesehen, sie hätten sich, mit den Worten Henning von Tresckows, bewusst das tödliche "Nessushemd" angezogen.

Diese Bereitschaft, Verantwortung und damit zugleich Schuld zu übernehmen, mache sie in Krisenzeiten zu Vorbildern – nicht für diejenigen, die sie in Bronze gießen wollten, sondern für die, die bereits seien, "das Potenzial ihres eigenen Gewissens zu ergründen".

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