Albert Kunze (links) als Sänger und Erzähler und Volodya Romanov am E-Piano gestalteten die Gedenkfeier zur Reichspogromnacht 1938. Rechts: der Vorsitzende des Gesprächskreises Ehemalige Synagoge Helmut Opferkuch. Foto: Thomas Kost

Kaum eine Beschreibung trifft die Situation in der Nacht vom 9. November 1938 besser als diese von Mordechai Gebirtig 1936 verfassten Zeilen.

Sie sind zu einem der bekanntesten Lieder des jüdischen Widerstandes geworden.

 

Der am 4. Mai 1877 in Krakau geborene Dichter und Komponist gilt als der Vater des jiddischen Liedes. Und als Zeitzeuge ohnehin: Denn er hat den relativen gesellschaftlichen Aufstieg der jüdischen Bevölkerung im deutschsprachigen und polnischen Raum genauso miterlebt, wie deren fast völlige Auslöschung. Er selbst wurde zum Opfer der nationalsozialistischen Terror-Regimes: Im Alter von 65 Jahren erschossen am 4. Juni 1942 im Krakauer Ghetto.

Lieder und Texte von Gebirtig standen beim Auftritt des „duos eyla“ im Rahmen der vom Gesprächskreis Ehemalige Synagoge am Sonntag veranstalteten Gedenkfeier zur Reichspogrom-Nacht 1938 im Mittelpunkt. In jener Nacht vom 9. auf den 10. November vor 87 Jahren zeigten die Nationalsozialisten ganz offen ihre Fratze: Synagogen und jüdische Häuser wurde angezündet oder demoliert, Juden wurden misshandelt, verhaftet und ermordet.

Auch Stücke von Itzik Manger

Alfred Kunze als Sprecher und Sänger und Volodya Romanov am E-Piano hatten aber nicht nur Lieder vom „Sänger der Not“ im Gepäck, sondern auch Stücke des 1901 in der Ukraine geborenen Schriftstellers Itzik Manger, der die Shoah überlebte und 1969 in Israel starb sowie zwei Stücke der 1924 als Esther Loewy in Saarlouis geborenen Esther Bejarano; eine deutsch-jüdische Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück, die 2021 in Hamburg verstarb. Sie spielte im Mädchenorchester des KZ Auschwitz.

Viel Applaus vom Publikum

Die von Kunze vorgetragenen Lieder und Sprechgesänge sollten vor allem eines vermitteln: die enge Verzahnung des Jiddischen und des „Judenteutsch“ mit der germanischen Sprache und das Streben des osteuropäischen Judentums nach gesellschaftlicher Anerkennung und Integration. Letztendlich ist es den Menschen jüdischen Glaubens verwehrt geblieben.

Lieder wie „Der Generalstreik“, „Mayn Fayfele“ oder das Abendlied „Stiller Abend. Dunkelgold“ bekamen vom Publikum viel Applaus.

Antisemitismus ist auf dem Vormarsch

Ähnlich bewertete der Gesprächskreisvorsitzende Helmut Opferkuch die aktuelle Situation. „Antisemitismus ist auch bei uns auf dem Vormarsch. Diesbezüglich haben wir eine klare Position. Antisemitismus ist in keiner Form zu tolerieren. Auch für religiöse Intoleranz ist in unserem Land kein Platz.“

276 Jüdinnen und Juden von Haigerloch aus deportiert

Opferkuch erinnerte nicht nur an die in der Reichspogromnacht demolierte Synagoge und den Unterrichtsraum im israelitischen Gemeindehaus in Haigerloch, sondern insbesondere an die elf Männer, die am 12. November 1938 ins KZ Dachau deportiert wurden. Insgesamt in den Jahren 1941 und 1942 laut Opferkuch mindestens 276 Jüdinnen und Juden von Haigerloch aus deportiert. 110 davon stammten aus Haigerloch, die anderen wurden seit 1941 von den Nazis im jüdischen Wohnviertel Haag zwangsangesiedelt.