Die Gruppe mit dem Thema "Krieg in der Ukraine". Die Schülerin in der Mitte stammt selbst aus der Ukraine. Foto: Pütz

In familiärer Runde versammelt man sich auf dem Vorplatz der evangelischen Martinskirche in Wildberg, um seiner Verstorbenen zu gedenken. Seitdem hier vor einigen Jahren ein Gedenkstein aufgestellt wurde, muss die Gemeinde am Ewigkeitssonntag nicht mehr bis zum Friedhof hinunterwandern. Aber von Anfang an.

Wildberg - Zum Einzug in den Gottesdienst interpretiert Organistin Anja Saur Flötensonaten von Bach, bevor Pfarrer Michael Frey mit dem Bibeltext "Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen" daran erinnert, dass man zu jeder Zeit für die Reise in die Ewigkeit gerüstet sein sollte. Diese Kirche geht mit der Zeit: Die Gottesdienste können inzwischen zu Hause über das Internet gestreamt werden und die Liedtexte werden an die Wand gebeamt.

Wer darf ein Engel sein?

Währenddessen findet im Gemeindezentrum die Kinderkirche statt. Federführend organisiert von Elke Wachlin und der Leiterin der Kindergruppe, Simone Deuble, werden in dieser Runde Geschichten erzählt sowie passende Bilder gemalt, gebastelt oder Spiele gespielt. Heute wird das Krippenspiel vorbereitet: Die Geschichte des kleinen Hirten soll aufgeführt werden. Gespannt lauschen die fast 20 Kinder im Vorschulalter und freuen sich: Wer darf ein Engel sein? Inzwischen ist auch der reguläre Gottesdienst zu Ende, die Stadtkapelle hat sich aufgestellt und greift das Thema der Lesung erneut auf. Mit Schuberts Opus 96/3 "Wandrers Nachtlied (Über allen Gipfeln ist Ruh)" erinnern Goethes Worte: "Warte nur, balde ruhest du auch".

Stärke des Rechts steht über dem Recht des Stärkeren

Die stellvertretende Bürgermeisterin, Margit Gärtner, begrüßt die Anwesenden. Der aktuelle Krieg in der Ukraine mache uns bewusst, dass die vergangenen Jahrzehnte Frieden in Europa nicht selbstverständlich sind, sondern dass ein solcher Frieden immer wieder neu erarbeitet werden muss, indem man sich täglich auch im Kleinen für die demokratischen Werte einsetzt. Die Stärke des Rechts steht über dem Recht des Stärkeren. So gedenkt sie der Menschen, die in diesem Krieg und durch Gewalt überall auf der Welt ihr Leben gelassen haben und schließt mit einem Satz aus der Bergpredigt (Matthäus 5,9): "Selig sind, die Frieden stiften".

"Gas wird teurer werden, aber die Freiheit ist unbezahlbar"

Helmut Dolderer, Leiter des VdK-Ortsverbands, der bisher als Kavalier für Margit Gärtner den Regenschirm gehalten hatte, übernimmt nun das Mikrofon. Er macht darauf aufmerksam, wie bedrohlich nahe der Krieg ist und sich auch auf unser Leben auswirkt. So sind unterbrochene Lieferketten und steigende Preise in allen Bereichen bereits Alltag. Er zitiert die Ministerpräsidentin von Estland: "Gas wird teurer werden, aber die Freiheit ist unbezahlbar." Dolderer möchte aber nicht nur der Opfer von Krieg, Gewalt und Terror gedenken, sondern auch an die Soldaten, Polizisten und Ehrenamtlichen erinnern, die täglich ihr Leben einsetzen, um unsere Sicherheit zu gewährleisten. "Wer einen dieser Helferinnen und Helfer bedroht, bedroht uns alle."

Diese Gedenkreden unterstreicht die Stadtkapelle sinnlich und bewegend mit Ludwig Uhlands Gedicht vom guten Kameraden, das in der Vertonung von Friedrich Silcher bekannt ist.

Eigene Gedanken können auf farbige Kärtchen geschrieben werden

Vier Themen aus dem Religions- und Ethikunterricht haben sich die Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe 9 des Bildungszentrums ausgesucht und gemeinsam mit ihrer Lehrerin Annika Blumenstock kreativ aufbereitet. Als Ergebnis gibt es fundiert zusammengestellte, ergreifende Info-Kollagen über Menschen, die Ihr Leben im Krieg verloren haben, die ihr Leben im Kampf um Recht und Freiheit verloren haben, die an Hunger sterben sowie über Menschen, die auf der Flucht in ein besseres Leben sterben. Eigene Gedanken können auf farbige Kärtchen geschrieben und für eine spätere Aufbereitung in eine eigens hierfür entworfene Box gelegt werden.

Dirigent Achim Olbrich und die Stadtkapelle verabschieden die Gemeinde mit einem wunderbar getragenen "Heilig, heilig, heilig" aus Schuberts Deutscher Messe.