Die Gedenkfeier mit (von links) Oberbürgermeister Jörg Lutz, Pfarrer Michael Hoffmann, Rabbiner Moshe Flomenmann, den Musikern der Gruppe „Haiducken“, der Landtagsabgeordneten Sarah Hagmann, Stadträtin Ulrike Krämer und Pfarrerin Gudrun Mauvais Foto: Willi Adam

Klare Worte, anrührende Musik und am Ende ein selbstbewusster, fast trotziger Optimismus – das waren die Tonlagen der Lörracher Gedenkfeier zur Reichspogromnacht.

Erinnern bezieht sich immer auf Geschichte. Das war auch bei den Lörracher Feiern zum 9. November nicht anders. Doch sowohl bei der Mahnwache im Synagogengässle als auch beim Konzert der Freiburger Band „Haiducken“ im Veranstaltungssaal der Lörracher Synagoge war das Gedenken unüberhörbar gegenwartsbezogen in Bezug auf die Abwehr des aktuellen Antisemitismus.

 

Über allem steht die Frage: Wie konnte das geschehen?

„Schön, dass Sie da sind.“ Mit dieser schlichten Begrüßung wollte Oberbürgermeister Lutz auch zum Ausdruck bringen, wie wichtig die Teilnahme an solchen Veranstaltungen heutzutage ist. Tatsächlich war trotz des starken Regens eine ansehnliche Menschenmenge zusammengekommen – es dürften an die 150 gewesen sein. „Wie konnte das geschehen?“, lautete die offene Frage des Oberbürgermeisters. Erklärungsversuche, wie die des als Schmach empfundenen Friedensvertrags von Versailles, die wirtschaftlich schwierige Zeit oder ein fehlgeleitetes Volkstum wollte Jörg Lutz nicht als Ausrede gelten lassen. Die deutschlandweite Zerstörung der Synagogen und die weiteren Stationen des Holocaust blieben „ein monströses Unglück für Deutschland“, sagte Lutz.

Beim Blick auf die heutiges Situation bediente sich Lutz eines Zitats des neben ihm stehenden Rabbiners Moshe Flomenmann. Dieser, so Lutz, habe gesagt, „Negativität ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten können.“ In diesem Sinn beharrte Lutz auf der Vorstellung einer offenen Stadt als Gegenentwurf zu aktuellen antisemitischen Tendenzen.

Antisemitischen Tendenzen keinen Raum geben

Er wolle an der „positiven Vision“ einer Stadt festhalten, in der sich auch Menschen mit Kippa sicher bewegen könnten. „Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten“, rief Lutz der Versammlung zu.

Deutliche Worte fand Pfarrer Michael Hoffmann, der für die Gruppe Abraham sprach. Dieses Forum für die drei monotheistischen Religionen im Raum Lörrach wende sich gegen jede Form von Rassismus und Antisemitismus. Mit Blick auf das Massaker am 7. Oktober 2023 sprach Hoffmann davon, dass Juden „wieder Opfer eines fürchterlichen Verbrechens wurden.“ Dieser Überfall sei eben kein Befreiungskampf gewesen, sagte Hoffmann. Er kritisierte „die Zustimmung und das Verständnis für die Täter“, bei denen Hoffmann als Motiv „den Hass auf Juden“ sieht, „nur weil sie Juden sind.“

Auch Rabbiner Moshe Flomenmann fand einen gegenwärtigen Zugang zum Gedenktag. Er sagte, mit dem Erinnern an den 9. November 1938 könne man sich „vor Augen führen, was passiert, wenn wir schweigen.“ Er rief dazu auf, „daran zu arbeiten, dass der neuen Synagoge nicht das widerfährt, was mit der Alten geschah.“

Gedenktag klingt musikalisch aus

Den letzten Beitrag des Abends, das Konzert mit den „Haiducken“ im nahe gelegenen israelitischen Gemeindezentrum, leitete Moshe Flomenmann mit einer rhetorischen Frage ein: „Darf man an einem solchen Gedenktag ein Konzert veranstalten?“ Ehe die Band mit ihrer teils herzzerreißenden, teils ausgelassen fröhlichen Klezmer-Musik eine künstlerische Antwort gab, löste auch der Rabbiner seine Frage auf. Es sei der Plan der Nazis gewesen, jüdisches Leben in Deutschland auszulöschen. „Doch das ist nicht gelungen“, schloss Flomenmann.

Übrigens: Am kommenden Sonntag feiert die Lörracher Gemeinde 30 Jahre Wiedergründung.