Lesung mit Rudolf Guckelsberger anlässlich des Tages des weltweiten Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus in der Hechinger Alten Synagoge.
Betrachte, ob dies ein Mensch ist / Der im Schlamm arbeitet / Der keinen Frieden kennt / Der um ein Stück Brot kämpft / Der stirbt wegen eines Ja oder Nein“ – mit seinem erschütternden Bericht über das Erlebte und Erlittene im KZ Auschwitz mit seinem Nebenlager Monowitz III, in dem er inhaftiert war, stellt Primo Levi eines der eindrücklichsten Zeugnisse des Holocaust aus. Er hat diese von Menschen aus Deutschland geschaffene Hölle überlebt. Und er hat sein weiteres Leben der Zeugenschaft gewidmet: „Sie kehrten zurück ins Leben – doch die Erinnerungen an die Zeit, in der sie keine Menschen waren, bleiben eingebrannt.“ Primo Levis Bericht „Ist das ein Mensch?“ – im Original „Se questo è un uomo“ – zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschienen – gehört zu den bedeutendsten Erinnerungsbüchern des 20. Jahrhunderts.
Ende des Jahres wurde er gefangen genommen
Geboren 1919 in Turin studierte Primo Levi Chemie und schloss sich 1943, nach der Errichtung des faschistischen Reststaates im Norden Italiens, der Resistenza an. Ende des Jahres wurde er gefangen genommen und im Februar 1944 nach Auschwitz deportiert. Er leistete Zwangsarbeit in einer chemischen Fabrik der IG Farben in Auschwitz-Monowitz. Wenige Tage vor der Befreiung des Lager-Komplexes durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 erkrankte Primo Levi an Scharlach. Aufgrund verschiedener glücklicher Umstände konnte er den Todesmärschen der Deutschen entkommen und wurde befreit. Im darauffolgenden Oktober kehrte Levi nach einer mehrmonatigen und sehr beschwerlichen Odyssee zurück nach Turin, wo er seine Arbeit als Chemiker wieder aufnahm und Lucia Morpurgo heiratete. 1987 starb Primo Levi in seiner Heimatstadt.
In „Ist das ein Mensch?“ schildert, wie der Kampf um das Überleben – ein Stück Brot, einen Löffel Suppe – zum einzigen Ziel eines jeden Tages wurde und wie jeder Einzelne immer wieder auf dieselben Fragen zurückgeworfen wurde: Was macht einen Menschen eigentlich zu einem Menschen und ist es überhaupt möglich, in einer solch todbringenden Umgebung das Menschliche nicht zu verlieren. Mit sorgsam ausgewählten Kapiteln aus den Romanen Primo Levis und weiteren Aufzeichnungen, Gedichten und Kurzgeschichten gestaltete Rudolf Guckelsberger seine eindringliche Lesung in der Alten Synagoge in Hechingen.
Er fasst seine zwölfmonatige Heimkehr zusammen
Teils verhalten, teils leidenschaftlich traf er dabei stets den richtigen Ton des zugleich gebrochenen und doch gnadenlos den Alltag der Lagerinsassen von Auschwitz schildernden Zeitzeugen. Aber auch den literarischen Tonfall der Texte – Lakonie, Einfallsreichtum, Gewitztheit, Komik und Psychologie – ließ er gekonnt in seinen Vortrag einfließen.
Als einer von ganz wenigen Gefangenen seines Transportes ist Levi am 27. Januar 1945 bei der Befreiung durch die Rote Armee dabei. Er fasst seine zwölfmonatige Heimkehr mit Leidensgenossen auf aberwitzigen Umwegen und mit oft auch seltsam komischen Gegebenheiten – bedingt durch die Wirren der ersten Nachkriegszeit – in seinem Bericht „Die Atempause“ (La Tregua) zusammen.
Lukas Holocher umrahmt die Veranstaltung musikalisch
In seinem letzten Werk „Die Untergegangenen und die Geretteten“ von 1986 analysiert Levi seine Erfahrungen über Auschwitz „Es sind nicht die Besten, die überlebten, sondern die rücksichtslosesten oder glücklichsten.“ Gleichzeitig reflektiert er über die Unzuverlässigkeit von Erinnerung. Dies war auch Gegenstand der Einführungsrede der Co-Vorsitzenden der Initiative „Alte Synagoge“ Martina Frey, die vermerkte, dass der Holocaust kein fernes, abstraktes Ereignis gewesen sei und dass die schwindende Erinnerung daran Raum lasse für Verharmlosung, Leugnung und Hass. Das „Nie wieder“ sei keine leere Floskel, sondern Verpflichtung der Menschenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus entgegenzutreten.
Mit harmonisch angemessenen Klavierstücken umrahmte Lukas Holocher die Veranstaltung, an deren Ende minutenlang beklommene Stille herrschte.