Der gebürtige Stuttgarter Samuel Kummer prägte die Dresdner Frauenkirche. Foto: Achim Zweygarth (li.), Sebastian Kahnert/dpa (o.re.), Arno Burgi/dpa (u.re.)

Er geht als Klangkünstler der Dresdner Frauenkirche in die Geschichte ein. Mit 56 Jahren verstirbt Samuel Kummer unerwartet. Ein Artikel aus unserer Reihe „Unsere besten Reportagen“.

Hinweis: Diese Reportage erschien erstmals am 17. März 2009.

 

Als am 13. Februar 1945 der Tod vom Himmel kommt, scheint das Dresdner Gotteshaus zunächst den Bomben zu trotzen. Zwei Tage später, am frühen Morgen, hören die Umstehenden ein Knirschen, dann bricht die Frauenkirche zusammen. Mit den Jahren wandelt sich der Trümmerberg zum Mahnmal, zunächst offiziell gegen den Krieg, dann subversiv gegen das DDR-Regime. Der Wiedervereinigung des Volkes folgt der Wiederaufbau der Kirche. Ein Wunder, in Sandstein gegossen. Ein Symbol, 91 Meter hoch. Ein Mythos, durch Spenden aus aller Welt finanziert.

Samuel Kummer gibt darin den Ton an. „Meine Aufgabe ist es, die Herzen der Menschen zueinander und zu Gott zu bringen“, sagt er. „Durch Musik kann das gelingen.“ Kummers Instrument besteht aus 4876 Pfeifen und einigen Barockengeln, die ihn lächelnd betrachten, während seine schlanken Finger über die Tasten huschen. Das breite Publikum, sagt Samuel Kummer, wünsche Bach, immer wieder Bach. Am liebsten Toccata und Fuge d-Moll. Ein Musikstück, das die Massen verschlingen wie die original sächsische Hausmannskost, die in den Touristenfallen ringsum serviert wird.

Schwäbischer Pfarrerssohn aus Stuttgart

Kummer mag es extravaganter. Nachdem das Geläut der Friedensglocke die Mittagsandacht eröffnet hat, ertönt Felix Mendelssohn Bartholdy. Sechs Präludien und Fugen für Klavier in der Orgelfassung von Christoph Bossert. Als der letzte Ton verklungen ist, fordert der Pfarrer zum Gebet auf: „Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. Amen.“

Ruine der barocken Frauenkirche in Dresden, die kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges nach der Bombennacht vom 13. zum 14. Februar 1945 am 15. Februar in sich zusammen fiel. Foto: Gerig/dpa

Samuel Kummer ist ein schwäbischer Pfarrerssohn, geboren in Stuttgart, aufgewachsen in Michelbach an der Bilz. Bereits als Sechsjähriger durchforstet er die väterliche Schallplattensammlung und entdeckt seine große Liebe zu Mozarts Messen und Bachs Oratorien. Mit zehn begleitet der Wunderknabe seinen ersten Gottesdienst am Klavier. Nach dem Abitur studiert er an der Stuttgarter Musikhochschule, besucht Meisterkurse und schließt im Fach Orgelimprovisation mit der Note 1,0 ab. Kummer besitzt eine besondere Gabe, ein Geschenk, das ihm sein Herrgott in die Wiege gelegt hat: „Bei mir geht alles über das Gehör.“

Stationen in Kirchheim unter Teck – und rund um den Globus

1998 sichern sich die Protestanten in Kirchheim unter Teck die Dienste des Virtuosen. Samuel Kummer wird Bezirkskantor an der Martinskirche, wo er sieben Jahre lang an der größten rein mechanischen Kirchenorgel Süddeutschlands seine Künste verfeinert. Nebenher konzertiert er rund um den Globus – Maastricht, Warschau, Riga, Salt Lake City, Guatemala-Stadt. Ein Künstler seines Formats verbringt nicht sein ganzes Musikerleben unterhalb der Teck. Das Neue, Unbekannte lockt.

Der Karrieresprung ins Elbtal kommt dennoch überraschend. Als der Stiftungsrat der Frauenkirche im Herbst 2004 einen Organisten sucht, bewerben sich 37 Fachmänner aus drei Ländern, darunter einige Professoren, die ihren Ruhm in einem weltweit beachteten Ort mehren wollen. Doch die Findungskommission entscheidet sich für den Bezirkskantor Samuel Kummer. Dem jungen Schwaben traut sie zu, dass er einerseits mit seiner Kreativität das Dresdner Kulturleben bereichert und andererseits zuverlässig seine Pflichtaufgaben erledigt: fünfhundert Andachten und Gottesdienste pro Jahr musikalisch begleiten, vier Konzertreihen organisieren. Der Alltag des Traumjobs ist mitunter nüchtern.

500 Andachten und Gottesdienste im Jahr

Der Pfarrer spricht den Segen und fordert zum gemeinsamen Singen auf. „Nun danket all und bringet Ehr.“ Samuel Kummer interpretiert das Paul-Gerhardt-Kirchenlied in warmen Farben, die Menschen in den Bankreihen bleiben stumm. Woher sollen sie die Melodie kennen? Drei von vier Sachsen sind konfessionslos.

Erst wenn der Sommer kommt und mit ihm die Reisegruppen aus dem Südwesten der Republik, wird das sozialistische Erbe durch gottesfürchtige Korntaler, Herrenberger und Backnanger kompensiert, die die Schlager aus dem evangelischen Gesangbuch in den barocken Kuppelbau schmettern. Schließt Samuel Kummer dann die Augen, fühlt er sich fast wie früher in Kirchheim, wo hinter ihm kein Publikum, sondern eine Gemeinde saß.

Nun musiziert er abgehoben. Fast zwanzig Meter über den Menschen beginnt sein Instrument, knapp unter der Decke endet es. Die Orgel der Frauenkirche ist, wie das gesamte Gebäude, ein Neubau mit historischem Vorbild. Äußerlich gleicht sie dem Original, das der Sachse Gottfried Silbermann 1736 mit 43 Registern auf drei Manualen konstruiert hat. Doch unter der barocken Hülle lassen nun vier Manuale mit 68 Registern, ein französisch-romantisch geprägtes Schwellwerk und ein elektrischer Fernspieltisch die Pfeifen brausen. Das beziehungsreiche Miteinander aus Alt und Neu hat der Straßburger Meister Daniel Kern geschaffen – zum Verdruss einflussreicher Traditionalisten, die jahrelang für eine Silbermann-Kopie kämpften und die Vergabe des Auftrags ins Elsass als einen Affront gegen die Zunft der sächsischen Orgelbauer werteten.

Mut zur Moderne – CD „Frauenkirche Dresden“

Der Mut zur Moderne beschert Samuel Kummer beinahe unbegrenzte musikalische Möglichkeiten. An seinem Arbeitsplatz kann er ein Repertoire abdecken, das von der Alten Musik bis in die Gegenwart reicht. Gleich nach seinem Amtsantritt vereinigt er auf der CD „Frauenkirche Dresden“ Johann Sebastian Bachs Partita „Sei gegrüßet, Jesu gütig“ von 1708 und Maurice Duruflés Suite Opus 5 von 1932. Und bei einer literarischen Orgelnacht lässt Kummer Staatsschauspieler Texte des Barockdichters Andreas Gryphius lesen, während er und der Free-Jazz-Schlagzeuger Günter Baby Sommer dazu improvisieren. Von den 1800 Besuchern verlassen 400 während der Vorstellung pikiert das Gotteshaus, der Rest jubelt. „Ich habe in Dresden alle Freiheiten“, sagt Kummer. „Ich kann mich verwirklichen.“

Die Künstlerwelt des 40-Jährigen ist überschaubar. Tagsüber konzentriert sich Samuel Kummer auf seine Orgel, über die er wie über eine Diva spricht. „Sie teilt sich sehr direkt mit“, sagt er. „Sie verzeiht keine Fehler.“ Die Feierabende verbringt er mit Frau und Kindern in der sanierten Jugendstilwohnung im Stadtteil Striesen. Seine meisten Bekanntschaften stammen aus der örtlichen Versöhnungskirche.

Dresdner wie die Schwaben „bodenständig und leistungsorientiert“

Samuel Kummer sagt, er fühle sich wohl in Dresden. Die Menschen seien „wie die Schwaben bodenständig und auf eine positive Art leistungsorientiert“. Die Stadt sei kulturell interessant und das Umland im Gegensatz zur zersiedelten Region Stuttgart „so was von himmlisch-ursprünglich“.

Keine negativen Erfahrungen? Kummer starrt nachdenklich auf seine Notenblätter. Zehn Sekunden, zwanzig Sekunden, eine halbe Minute. Dann sagt er: „Manche Menschen in den neuen Bundesländern sollten endlich erkennen, dass es neben dem materiellen Besitz noch etwas anderes gibt.“ Pause. Kopfschütteln. „Bitte streichen Sie das. Denn die Aussage trifft auf die Leute im Westen mindestens genauso zu. Das Anspruchsdenken nimmt in der ganzen Republik zu. Ich habe ein Beispiel.“

Das Kummersche Gleichnis vom selbstsüchtigen Deutschen geht so: Wenn in der Hauptsaison die Touristenmassen in die Frauenkirche drängen, kommt es am Eingang regelmäßig zu Auseinandersetzungen. Vor allem Herrschaften in den besten Jahren neigen zu handfesten Argumenten, wenn das Symbol der Einheit wegen Überfüllung geschlossen ist. Draußen wird gerangelt, drinnen bittet Samuel Kummer musikalisch um göttlichen Beistand – Lied 322, Vers 6: „Er lasse seinen Frieden ruhn auf unserem Volk und Land.“

Was ist seither geschehen?

Siebzehn Jahre lang ist der Schwabe Samuel Kummer Organist in der Dresdner Frauenkirche. Dann, am 2. Januar 2022, wird ihm gekündigt, weil er zu einem Gottesdienst nicht erschienen ist, den er musikalisch begleiten sollte. Die Stiftung Frauenkirche teilt mit, dass es in der Vergangenheit bereits ähnliche Vorfälle gegeben habe – der Kirchenmusiker sei drei Mal abgemahnt worden.

Kündigung nach 21 Dienstjahren

Samuel Kummer klagt gegen die Entlassung. Vor der Ersten Kammer des Dresdner Arbeitsgerichts argumentiert er, er habe lediglich E-Mails zu seiner Vertretung eines Kollegen übersehen. Den Richter überzeugt diese Darstellung nicht: Es wäre Kummers Pflicht gewesen, „ordnungsgemäß eingehende Diensteinteilungen auch zur Kenntnis zu nehmen und sich entsprechend zu organisieren“. Die Stiftung Frauenkirche habe zurecht an der Zuverlässigkeit des Organisten gezweifelt, der trotz Warnungen und Abmahnungen sein Verhalten nicht geändert habe. Die Kündigung sei somit wirksam.

In Fachkreisen stößt das Urteil auf Unverständnis. Mehr als 1300 Organisten, Kantoren, Theologen, Bildende Künstler und Architekten solidarisieren sich öffentlich mit Samuel Kummer. Per Online-Petition fordern sie, dass er auf den Posten in der Frauenkirche zurückkehren darf.

Dazu kommt es nicht. Am 14. April 2024 spielt Kummer sein letztes Orgelkonzert: In der evangelischen Stadtkirche in Giengen an der Brenz interpretiert er Werke von Bach und Max Reger auf der von ihm besonders geschätzten Link-Orgel. Neun Tage später bricht Samuel Kummer im Dresdner Hauptbahnhof zusammen. Alle Wiederbelebungsversuche bleiben vergeblich. Kummer stirbt im Alter von 56 Jahren. Die Trauerfeier findet in der Dresdner Christuskirche statt, die Beisetzung auf dem Johannisfriedhof.