Museumsleiterin Lena Hauser berichtete über das Leben von Otto Dünkelsbühler in der Zeit des Nationalsozialismus. Foto: Wiebke Jansen

In einem Vortrag über den Nagolder Maler Otto Dünkelsbühler ging es darum, wie er um sein Recht kämpfte  und was Hermann Göring damit zu tun hatte, dass er seine Kinder nicht sehen durfte.

Eine kämpferische Natur mit einem tragischen Schicksal – so lässt sich das Bild beschreiben, dass die Nagolder Museumsleiterin Lena Hauser von dem „bekanntesten Maler“ der Stadt, Otto Dünkelsbühler, in einem Vortrag im Kubus zeichnete.

 

Das Rahmenthema: Der Nationalsozialismus. Mitten drin: Dünkelsbühler, nach Nazi-Bezeichnung ein „Mischling 1. Grades“. Sein Vater war gebürtiger Jude, die Mutter Katholikin. Dünkelsbühler wurde katholisch erzogen, der Vater trat aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft aus. Ursprünglich kam Dünkelsbühler aus München. „Ein Nagolder Maler ist er aufgrund seiner Verfolgung“, erklärte Hauser. Denn erst die Verfolgung brachte Dünkelsbühler nach Nagold.

Starker Karrierestart nach der Ausbildung

Eigentlich ging es für den jungen Maler gut los. Er heiratete Elisabeth Keimer, hatte zwei Kinder, studierte Kunst. „Er wurde relativ schnell nach Abschluss ein erfolgreicher Maler und Werbegrafiker“, berichtete Hauser. Die Ehe zerbrach, Dünkelsbühler heiratete später Elisabeth Schaible. Der Lebensstandard war hoch, der junge Maler erfolgreich.

Doch dann kommen die Nationalsozialisten an die Macht.Ausstellungen werden abgesagt, „Seine Bildverkäufe stagnierten, er erhielt keine Zulassung zur Reichskulturkammer.“ Die Aufträge blieben aus. Der arbeitslose Dünkelsbühler kann den Lebensstandard seiner Familie nicht mehr halten, muss Wertgegenstände unter Wert verkaufen, wie viele andere Menschen jüdischer Abstammung auch.

Seine Ex-Frau stirbt schließlich bei einem Unfall. Dünkelsbühler will seine Kinder aus erster Ehe zu sich holen, doch die Familie Keimer und „Hermann Göring persönlich wollen das verhindern“, erzählt Hauser. Elisabeth Keimer war mit Görings Frau befreundet.

Als Dünkelsbühler in Berlin festgenommen wird, wird er direkt zu Göring gebracht. Der rät ihm, „das jüdische Blut seines Vaters zu verleugnen.“ Dünkelsbühler verweigert das. In der Folge darf er seine Kinder nicht mehr sehen.

Die Schläge reißen nicht ab. Sein Vater nimmt sich 1935 das Leben, Dünkelsbühler 1936 wird mit einem Malverbot belegt. „Ich dachte lang, das sei ein Berufsverbot, weil er ja Maler ist und nicht mehr arbeiten darf, aber es gab tatsächlich auch Malverbote“, erläutert Hauser. Dünkelsbühler plant die Flucht ins Ausland, aber die Gestapo nimmt seiner Frau den Pass ab. Dünkelsbühler bleibt und die Familie zieht in die Heimat seiner Frau: Nach Gaugenwald und später nach Nagold. Heimlich richtet er sich ein kleines Atelier ein, wird verhaftet und wieder freigelassen.

Als „Halbjude“, der weder mit einer Jüdin verheiratet ist noch die jüdische Religion praktiziert, ist Dünkelsbühler zwar nicht von der Deportation bedroht, allerdings von der Zwangsarbeit. 1944 wird er vom Nagolder Bürgermeister Hermann Maier gemeldet. Doch wegen einer Kriegsverletzung aus dem 1. Weltkrieg ist Dünkelsbühler arbeitsunfähig.

Kein Schutz vom Gesundheitsamt

„Dass er nicht zum Arbeitseinsatz geschickt wurde, war nicht, weil ihn das Gesundheitsamt geschützt hätte. Er galt – hart gesagt – als unbrauchbar“, stellt Hauser klar.

Nach dem Krieg wird er als Opfer eingestuft. Zwölf Jahre kämpft er um Entschädigung. Dafür braucht er einen Beleg, dass sein Vater Jude war und er selbst deshalb verfolgt wurde – ein zäher Verwaltungsakt. Unter anderem rät ein Amt absurderweise, sich für Papiere über seinen Vater an die Kirche zu wenden, „wo seinerzeit die Taufe stattgefunden hat“.

Dünkelsbühler wird um Stelle gebracht

Eine Stelle an der Kunstakademie Stuttgart platzt – jemand sagt in Dünkelsbühlers Namen ab. Als Werbegrafiker hat er nach der langen Auszeit ohnehin keine berufliche Zukunft mehr. Er verschuldet sich, auch für die Ausbildung der Kinder.

Am 6. Februar 1977 stirbt Dünkelsbühler in Nagold. Alle vier Kinder absolvierten erfolgreich eine Ausbildung, anders als bei vielen anderen wurden die Schulden nicht vererbt. Doch ob jemand, der nicht Dünkelsbühlers Stolz, Bildung und sein Netzwerk hatte, ähnliches hätte erreichen können? Hauser hat ihre Zweifel.

Gaspard Dünkelsbühler (rechts) bei der Unterzeichnung der Stiftungsurkunde im Jahr 2019 mit Oberbürgermeister Jürgen Großmann (Archivbild) Foto: Stadt Nagold

„Jetzt ist es an uns, an der Stadt Nagold, an mir, an seinen Enkeln, wir erhalten sein Leben und sein Werk, wir halten ihn in Erinnerung “, sagt sie. Dünkelsbühlers Sohn Gaspard hat eine Stiftung gegründet. Diese wird von der Stadt Nagold getragen.

Das Buch „Der Kreis Calw in der Zeit des Nationalsozialismus“

Das Buch „Der Kreis Calw in der Zeit des Nationalsozialismus“ wurde von Gabriel Stängle und Thorsten Trautwein herausgegeben und erschien im Morija-Verlag. Thematisch geht es im Buch um Nationalsozialismus in den ehemaligen Oberämtern Calw, Nagold und Neuenbürg, die 1938 im Kreis Calw aufgingen. Es umfasst 700 Seiten , 262 Fotos und Grafiken, sowie 32 Beiträge von 23 Autoren, darunter Lena Hauser, die sich mit Otto Dünkelsbühler beschäftigt hat. Das Werk kostet 30 Euro.