In Schmieheim sollen Anfang nächsten Jahres Gedenksteine verlegt werden. Sie alle erinnern an jüdische Einwohner, die aus ihrer Heimat vertrieben oder ermordet wurden.
„Erinnerungskultur ist ein Teil unserer demokratischen Pflicht“ – mit diesen Worten hatte Ortsvorsteher Michael Hartman die Ortschaftsratssitzung eröffnet. Bereits im Jahr 2004 hatte der Gemeinderat den Beschluss gefasst, in Kippenheim Stolpersteine zum Andenken an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus zu verlegen. Die ersten sechs kamen am 13. Januar 2005.
In Schmieheim gibt es dagegen noch keinen Stolperstein, da es bislang niemanden gab, der sich mit der geschichtlichen Aufarbeitung der Schmieheimer Juden beschäftigt hatte – bis zuletzt. Diese Aufgabe nahmen sich nämlich das Pfarrer-Ehepaar Juliane und Martin Grüsser, der Förderverein Ehemalige Synagoge Kippenheim sowie Jürgen Ernst, ehemliger Gemeinde- und Ortschaftsrat, an. Letzterer führte das Gremium anhand einiger Beispiele verfolgter Schmieheimer Juden und deren Häuser durch deren von Leid durchzogene Geschichte. 29 Stolpersteine sind geplant, weitere sollen kommen.
Berta Lichtenauer: Ein besonders tragisches Schicksal ist das der Berta Lichtenauer. Geboren wurde sie im Jahr 1876; die Machtergreifung der Nazis führte zur Zerstörung ihres Wohnhauses in der Schlossstraße 12. „Sie musste das Haus aufgeben und nach Freiburg umsiedeln“, berichtete Ernst.
Er erzählt, dass das Haus in der Zeit, in der sie es noch bewohnte, demoliert worden war: „Die Fassade wurde zerstört, die Fensterscheiben eingeschmissen, es wurde unbewohnbar und sie musste es schließlich aufgeben.“ 1939 folgte die Flucht nach Freiburg, knapp elf Monate später wurde die 64-Jährige nach Gurs deportiert. Ihr Schicksal ist ungewiss, denn dort verscholl sie im Jahr 1942.
Familie Weyl: Die in der Dorfstraße 40 vor der Villa Weyl geplanten fünf Steine erzählen das Schicksal der gleichnamigen Familie. Henry Weyl wurde 1863 in Kippenheim geboren und heiratete seine Ehefrau, die 1876 in Schmieheim geborene Frieda Dreyfuß, im Jahr 1907. Das Eheglück nahm durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten eine dunkle Wendung: Am 11. November 1938 wurde Henry Weyl im Alter von 75 Jahren mit der Häftlingsnummer 20445 im Block 10 des Konzentrationslagers Dachau inhaftiert.
Die Familie intervenierte beim Stuttgarter US-Konsul Samuel Honaker, schließlich wurde Weyl auf dessen Eingreifen noch im selben Jahr entlassen. Sein Glück war, dass Weyl die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besaß. Knapp drei Monate später meldete sich das Ehepaar aus Schmieheim ab, ließ sein Haus hinter sich und floh von Rotterdam nach New York. 14 Monate vor Ende des Zweiten Weltkriegs starb Henry Weyl im Alter von 80 Jahren. Sein letzter bekannter Wohnort war Salt Lake City.
Für die erlittenen Torturen wurden Frieda Weyl im Jahr 1959 insgesamt nur 1189,84 D-Mark Entschädigung vom Landesamt für Wiedergutmachung zugesprochen. Sie starb zwei Jahre später. Insgesamt fünf Stolpersteine sollen an die Eheleute samt Angehörige erinnern.
Familie Hofmann: Jürgen Ernst berichtete in seiner Rede auch vom Schicksal der Familie Hofmann. „Der Name dürfte einigen bekannt sein“, führte er aus. Das Gebäude in der Schlossstraße 28 diente der Familie als Wohnhaus und Arbeitsplatz, denn sie waren Besitzer einer Drahtfabrik, die Gartenzäune und Flechtwerk produzierte. Der Familienälteste Leopold wurde nach Dachau verschleppt und dort so misshandelt, dass er im Juni 1939 an den Folgen seiner Verletzungen starb.
Ein anderes Mitglied der Familie, Max Hofmann, leitete ein Wirtschaftsbüro in Stuttgart. Er hatte eine vielversprechende Karriere vor sich, erhielt jedoch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein Berufsverbot. Hofmann floh nach Spanien, wo er versuchte, an seine Karriere anzuknüpfen. In dem Unternehmen, das er nach seiner Flucht aus Deutschland leitete, nahmen jedoch Diebstähle zu.
Als er versuchte, diese bei der spanischen Polizei zur Anzeige zu bringen, wurde er von dieser festgenommen und kehrte nie wieder zurück. Er starb 1936. An die Schicksale beider Hofmanns sowie an zwölf weitere Familienmitglieder, die allesamt den Krieg überlebten, sollen künftig Stolpersteine erinnern.
Familie Maier: Ein tragisches Schicksal erlitt die Familie Maier. Das Haus der Familie in der Schützenstraße 6 wurde 2007 abgerissen, keiner der Familienmitglieder hatte das Grauen der Nationalsozialisten überlebt. Bella und Jakob Maier wurden 1942 nach Mannheim verschleppt. Im selben Jahr wurde Bella Maier in Theresienstadt ermordet, Jakob wurde in das KZ Auschwitz gebracht und dort ebenfalls 1942 ermordet. Thekla Maier wurde nach ihrer Deportation nach Izbica im Alter von 52 Jahren ermordet. Der Familie sollen vier Steine gewidmet werden.
Familie Offenheimer und Karger: Ein ähnlich Schicksal erlitten die Familien Offenheimer und Karger. Einzig der 1933 geborene Günther Karger überlebte: 1939 kam er mit einem Kindertransport nach Schweden, ein Jahr nach Kriegsende in die USA und konnte so das NS-Regime überleben. Sein Großvater Gustav Offenheimer wurde nach seiner Schutzhaft in Dachau 1938 im Jahr 1940 nach Gurs verschleppt und starb noch im selben Jahr an den Folgen des Lagers. Auch seine Großmutter Sara wurde nach Gurs deportiert und kam 1942 nach Auschwitz, wo sie ermordet wurde.
Enkel Günther machte nach seiner Flucht in die USA Karriere bei der NASA und arbeitete bei Boeing. Er wurde zudem ausgewählt, dem Nationalen Sicherheitsteam von Präsident John F. Kennedy beizutreten. Für seine Arbeit erhielt er im Alter von 35 Jahren die Auszeichnung „Outstanding Young Man of America” (zu Deutsch: Herausragender junger Mann Amerikas). Fünf Steine sollen in Schmieheim an beide Familien erinnern.
Die Verlegung
Die Stolpersteine sollen allesamt am 27. Januar 2027 verlegt werden. Die Kosten – rund 150 Euro pro Stein – werden durch Spenden finanziert. Auch der Förderverein Ehemalige Synagoge beteiligt sich daran.