Arbeiten die Deutschen tatsächlich zu wenig? Es geht um Qualität, nicht um Quantität, meint unser Autor.
Zu viele Krankheitstage, zu viel „Lifestyle-Teilzeit“, oder anders: Die Deutschen sind faul und arbeiten zu wenig. Nicht nur in der Politik, auch am Mittagstisch wird darüber diskutiert, wie die Wirtschaft wieder leistungsfähiger wird. Ist „mehr Arbeit“ die Lösung?
Ich möchte hier für eine Generation sprechen, die erlebt hat, was (zu viel) Arbeit mit Menschen im Alter machen kann: Körperliche und mentale Probleme, Vernachlässigung der eigenen Gesundheit und der eigenen Familie. An dieser Stelle möchte ich fragen: Sollte man dem wirklich nachstreben? Ist es nicht vernünftiger, auf sich selbst Acht zu geben?
Die Universität Münster stellte 2024 die Ergebnisse einer Studie vor. 45 Organisationen hatten sich sechs Monate lang eine Vier-Tage-Woche auferlegt. Die Prämisse: Wer ausgeruht an die Arbeit geht, ist auch effizienter. Das Resultat: Die Produktivität blieb gleich, hat sich teilweise sogar leicht erhöht. Sicher lässt sich die Idee nicht in allen Branchen einwandfrei umsetzen. Doch eine Umfrage unserer Redaktion in der Region hat diese Woche gezeigt: Teilzeitmodelle sind nicht mehr wegzudenken.
Es ist befremdlich, dass oftmals nur auf die Stundenzahl geschaut wird. Dabei kommt es doch offensichtlich darauf an, was die Menschen mit ihrer Arbeitszeit anfangen – nicht wie viele Minuten sie sammeln. Wer unter Anspannung steht und eine E-Mail dreimal neu anfangen muss, bevor er sie versendet, verliert wertvolle Zeit. Und wer Däumchen dreht, weil keine Arbeit mehr zu erledigen ist, den muss man nicht an den Arbeitsplatz fesseln. Es geht um Qualität, nicht um Quantität.
Mehr Freizeit heißt auch mehr Zeit fürs Ehrenamt
Denn ganz nebenbei: Nur weil jemand viel Freizeit hat, heißt das nicht, dass er die Stunden nicht wertvoll verbringt. Es bleibt so nämlich mehr Raum fürs Ehrenamt (das könnten wir gut gebrauchen), für die Kindererziehung oder die Partnerschaft. Unterm Strich bleibt Zeit fürs gesellschaftliche Miteinander.
Der Tag hat nun mal nur 24 Stunden. Wer einen Weg gefunden hat, diese möglichst effizient zu nutzen, sollte ihn ohne schlechtes Gewissen gehen dürfen. Nicht mehr Arbeitszeit macht uns leistungsfähiger, sondern ein kluger Umgang mit den Stunden, die wir haben.