Im Gechinger Mordprozess vor dem Landgericht Tübingen wurden am Freitag weitere Zeugen gehört. Foto: Bernklau

Die Ermordung der eigenen Mutter gilt als eine monströse Tat – und Habgier als besonders verwerfliches Motiv. Es ist fast ein Jahr her, dass sich die Bluttat von Gechingen ereignete. Der Prozess in Tübingen tritt in seine entscheidende Phase.

Gechingen/Tübingen - Es ist der dritte Verhandlungstag vor dem Landgericht Tübingen, als Zeuge ist ein Polizeibeamter aus Calw geladen, ein 38-jähriger Mann mit einem jugendlichen Gesicht und dunklen Locken. "Es war der 26. Oktober vergangenen Jahres, gegen Abend kam die Info, dass eine ältere Frau zu Tode gekommen sei." Die Leiche befinde sich in einem Wohnhaus in Gechingen, "es soll sehr viel Blut geben". Es heißt, der Enkel habe das Opfer entdeckt. "Er habe sie neben ihrem Bett liegend aufgefunden", rekapituliert der Beamte. "So nahm die Sache ihren Lauf".

Vorwurf: 18 000 Euro von Konten genommen

Rückblick: Die Anklage in dem Prozess, der vor rund einem Monat begonnen hat, lautet Mord aus Habgier sowie Betrug und Urkundenfälschung. Die Staatsanwaltschaft wirft der 48-jährige Tochter vor, die Bankkonten der Mutter geplündert zu haben, auf insgesamt fast 18 000 Euro hätten sich die Abbuchungen belaufen.

Als die Mutter dies entdeckt und die Tochter zur Rede gestellt habe, sei es zur Eskalation gekommen. Zunächst habe die Tochter versucht, die 75 Jahre alte Mutter mit einem Kissen im Bett zu ersticken – doch diese habe sich gewehrt. Später habe die Angeklagte mit einer Eisenstange auf ihr Opfer eingeschlagen. Um die Tat zu vertuschen, habe sie alle Spuren zu beseitigen versucht, dabei habe sie Einweghandschuhe getragen. Sie habe die Bettwäsche gewechselt, ihre eigene Kleidung sowie das Nachthemd der Mutter gewechselt, diese in Müllsäcke verpackt und die Eisenstange sorgsam gereinigt. Später habe sie behauptet, die Mutter sei aus dem Bett gefallen und habe sich dabei tödlich verletzt.

"Mama, da ist was mit der Oma" habe der Enkel nach ersten Ermittlungen gerufen, als er die Großmutter auf dem Boden ihres Schlafzimmers entdeckt habe.

Familie schien relativ gefasst

Die Tochter habe versucht, die Mutter ins Bett zu legen, was ihr aber misslungen sei, so der Polizeibeamte weiter. In ersten Vernehmungen habe sie davon gesprochen, nach der Entdeckung der Toten erstmal einen Kaffee und einen Schnaps getrunken zu habe, dann habe sie beschlossen, die Mutter ein wenig zu waschen, "das kenne sie so von der Altenpflege".

Welchen Eindruck die Angeklagte gemacht habe, will der vorsitzende Richter Armin Ernst wissen. Antwort: "Sie war wie die ganze Familie relativ gefasst."

Die Ermittlungen habe sich durchaus schwierig gestaltet. Zeitweise sei der Tatverdacht auf den Sohn der Angeklagten gefallen, da man an Sneakers, "die man dem Sohn zuordnen konnte", Blut der Toten gefunden habe. Bei einer gründlichen Untersuchung einen Tag nach dem Verbrechen habe man den Müllsack mit der blutigen Bettwäsche und den blutigen Kleidern entdeckt. Die Angeklagte behauptete, der toten Mutter ein frisches Nachthemd angezogen zu haben. "Auf dem Balkon wurde eine massive Eisenstange gefunden, auf den ersten Blick war diese sauber". Es fanden sich aber DNA-Spuren der 48-Jährigen.

"Es musste jemand aus dem Haus gewesen sein"

Zunächst sei "noch vieles unklar gewesen", räumt der ermittelnde Beamte ein, "man war noch etwas im Nebel. Manche dachten, ein Sturz sei denkbar." Erst hätten medizinische Untersuchungen ergeben, dass "ein Sturz aufgrund des Verletzungsbildes mit Sicherheit auszuschließen sei". Und: "Wir waren uns einig, dass es jemand aus dem Haus gewesen sein muss."

Darauf seien auch Telefongespräche von Familienmitgliedern abgehört worden. "Es hat niemand gestanden oder eine Tatbeteiligung eingeräumt." Erst einen Monat nach der Bluttat, unmittelbar nach der Beerdigung der Mutter, wurde die Tochter auf dem Friedhof von Gechingen festgenommen – seitdem sitzt die Beschuldigte in Haft. Es heißt, ihr Verhältnis zur Mutter soll zerrüttet gewesen sein, noch kurz vor dem Mord soll es einen Riesenstreit gegeben haben. Die Angeklagte selbst schweigt in dem Prozess beharrlich.

Kein Durchbruch durch Arzt-Aussage

Auch die Angaben eines Arztes brachten am Freitag keinen Durchbruch. "Die Tote lag neben dem Bett in Seitenlage, den Kopf nach unten", sagte der nach dem Verbrechen herbeigerufene Mediziner. Am Hinterkopf habe sie eine Platzwunde gehabt. An einen gewaltsamen Tod habe er aber zunächst nicht gedacht. Der Arzt sagte, die Tote habe regelmäßig Schlaftabletten genommen, "daher schoss mir das Thema Suizid durch den Kopf". Auch die Angeklagte habe er mit Medikamenten versorgt, so der Mediziner weiter. Er habe ihr Schmerzmittel und ein Antidepressivum verschrieben, "ein Psychopharmaka in üblicher Dosierung".

Insgesamt sind in dem Prozess sieben Verhandlungstage angesetzt, noch stehen vier Tage an, um Licht in den grausigen Mordfall zu bringen. Das Urteil ist für den 26. September vorgesehen.