Am Tübinger Landgericht begann gestern der Prozess gegen eine Frau, die mutmaßlich ihre eigene Mutter ermordet haben soll. Foto: Tom Weller/dpa

Diese Tat hat auch über den Landkreis Calw hinaus für Entsetzen gesorgt. Im Oktober vergangenen Jahres soll in Gechingen eine 48-jährige Frau ihre eigene Mutter ermordet haben. Das mutmaßliche Motiv: Habgier. Der Prozess dazu hat am Freitag am Landgericht in Tübingen begonnen.

Gechingen/Tübingen - In der knapp 4000 Einwohner zählenden Gäu-Gemeinde Gechingen geht es beschaulich zu. Der idyllisch gelegene Ort am östlichen Rand des Kreises Calw steht im krassen Gegensatz dazu, was sich hier im vergangenen Oktober zugetragen haben soll.

Eine 48-Jährige soll hier am 26. Oktober 2021 ihre eigene Mutter ermordet haben. Und zwar, so teilte es die Staatsanwaltschaft in einer Pressemitteilung im Mai mit, wegen ihrer eigenen "beengten finanziellen Verhältnisse". Die Angeschuldigte habe vom Konto der Mutter immer wieder Geld abgebucht - insgesamt etwa 17 000 Euro. Dafür hatte sie von der Mutter aber keine Berechtigung.

Mutter stellt die Tochter zur Rede

Den Ermittlungen zufolge habe die Mutter diese Vorgänge im Oktober 2021 bemerkt und ihre Tochter zur Rede gestellt. Aus Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen, enterbt oder dem Haus, in welchem sie gemeinsam und mietfrei bei der Mutter lebte, verwiesen zu werden, habe sich die Tochter entschlossen die Mutter zu töten, so die Staatsanwaltschaft damals.

Auch die Umstände der Festnahme der Tochter sorgten für Aufregung. Am 25. November 2021 wurde sie nach der Beerdigung, aber noch auf dem Gechinger Friedhof festgenommen. Seither sitzt sie in der JVA Schwäbisch Gmünd in Untersuchungshaft. Am Freitag begann am Landgericht Tübingen nun der Prozess.

Lebenslange Freiheitsstrafe droht

Die Staatsanwaltschaft wirft der Tochter Betrug, Urkundenfälschung und heimtückischen Mord aus Habgier mit Verdeckungsabsicht vor. Sollte sie dafür verurteilt werden, droht ihr eine lebenslange Freiheitsstrafe. Oberstaatsanwältin Rotraud Hölscher ging beim Verlesen der Anklage auf weitere, bisher unbekannte Details ein.

Diverse Abbuchungen

So habe die Angeklagte vom mütterlichen Konto diverse Online-Einkäufe bezahlt. Einmal flossen beispielsweise etwa 123 Euro an den Versandhändler Bonprix. Zudem habe die Angeklagte Abbuchungen der Zahlungsdienstleister Klarna und PayPal über dieses Konto laufen lassen, so Hölscher. Außerdem, so trug die Oberstaatsanwältin vor, habe die Angeklagte immer wieder Geld auf das Konto ihres Sohnes überwiesen. Als Verwendungszwecke seien hier "Stuhl", "Fahrrad" oder "Führerschein" angegeben worden. Kurz darauf habe die Angeklagte das Geld aber auf ihr eigenes Konto weiter überwiesen.

Überweisungen aufs eigene Konto

Im weiteren Verlauf hat die Angeklagte nach den Angaben Hölschers dann Geld direkt auf ihr eigenes Konto überwiesen. So habe sie die Bestattungskosten von diesem Konto bezahlt. Und selbst nach dem Tod der Mutter seien nochmals 1000 Euro aufs eigene Konto der Angeklagten geflossen. Insgesamt hätten sich die Abbuchungen auf knapp 18 000 Euro belaufen. 10 000 Euro seien an Zahlungsdienstleister geflossen, 7721,47 Euro an die Angeklagte.

Auch zum Tathergang präsentierte die Oberstaatsanwältin neue Details. Nach der Konfrontation mit der Mutter soll die Angeklagte den Entschluss gefasst haben, diese zu töten. Sie habe die Absicht gehabt, es wie einen natürlichen Tod der 75-Jährigen aussehen zu lassen. Gegenüber Dritten habe sie erwähnt, dass es der Mutter gesundheitlich nicht mehr gut gehe.

Zuerst der Erstickungsversuch

In der Tatnacht habe die Angeklagte versucht, die Mutter mit einem Kissen zu ersticken. Die Mutter habe sich aber gewehrt. Dies sei an Verletzungen des Opfers an den Unterarmen zu erkennen gewesen. Daraufhin habe die Tochter die Mutter mit einem Schlag ins Gesicht "ruhig gestellt". Dabei habe sich die Tochter selbst an der Hand verletzt. Anschließend habe sie eine Eisenstange geholt und damit mehrfach auf den Kopf der Mutter eingeschlagen. Diesen Verletzungen sei das Opfer schließlich erlegen. Die Angeklagte "nahm den Tod in Kauf", so die Oberstaatsanwältin.

Es sollte nach einem Sturz aussehen

Die Tochter habe dann versucht die Spuren zu beseitigen und dabei Einweghandschuhe getragen. Sie habe sowohl die Bettwäsche, ihre Kleidung als auch die der Mutter gewechselt, in Müllsäcke verpackt, diese ins Auto geladen und die Eisenstange gereinigt. Dann habe sie die Mutter so neben das Bett gelegt, dass es nach einem Sturz aussah. Anschließend ging sie einkaufen. Angehörigen erzählte sie später von dem Sturz.

Die komplett in Schwarz gekleidete Angeklagte folgte den Ausführungen der Oberstaatsanwältin mit gefalteten Händen und zeigte sonst keine Regung. Ihr Verteidiger, der Calwer Rechtsanwalt Christian Schmidtberg, gab anschließend bekannt, dass sich seine Mandantin weder zu ihrer Person noch zur Sache äußern wolle und es auch ihm nicht aufgetragen habe.

Der Vorsitzende Richter Armin Ernst beendete schließlich den ersten Verhandlungstag, da die Zeugen wie Ermittler oder Gutachter großteils verhindert waren. Die Verhandlung wird am 8. September fortgesetzt. Dann wird zu sehen sein, mit welchen Beweisen die Staatsanwaltschaft ihre Anklage untermauern und ob die Verteidigung die Angeklagte entlasten kann. Insgesamt sind sieben Verhandlungstermine angesetzt, der letzte am 26. September.