Stefan Renner, Chefarzt Frauenheilkunde und Geburtshilfe Böblingen, hält wenig vom Vorschlag, die Geburtshilfe auf Calw und Nagold aufzuteilen. Und er sagt: Studien würden belegen, dass in kleinen Abteilungen drei Mal so viele Säuglinge versterben als in Kliniken mit mehr als 1500 Geburten.
Die Geburtshilfe von Calw nach Nagold verlegen? Für die Mediziner der Frauenärztlichen Gemeinschaftspraxis Calw eine absolut falsche Entscheidung. In einem offenen Brief argumentieren sie daher derzeit deutlich gegen diese perspektivisch geplante Veränderung, die das Medizinkonzept 2030 des Klinikverbunds Südwest vorsieht.
Der Chefarzt der Frauenheilkunde und Geburtshilfe Böblingen Stefan P. Renner wiederum steht hinter dem Vorhaben. Als Sprecher des Fachzentrums Gynäkologie und Geburtshilfe des Klinikverbunds Südwest bezieht er im Interview Stellung.
Herr Dr. Renner, warum soll Nagold (für die Bürger im Kreis Calw) der bessere Standort sein?
In Nagold entsteht mit der Zusammenführung der Geburtshilfen aus Herrenberg und Calw zukünftig im Landkreis Calw eine deutlich größere, leistungsfähigere Einheit. Nur so können die gesetzlichen Anforderungen an Qualität, personelle und technische Ausstattung sowie zu erbringende Mindestmengen in Zukunft erfüllt werden. Das gilt sowohl für die Geburtshilfe, als auch für die Gynäkologie. Ohne die Verlagerung wäre die vergleichsweise kleine Geburtshilfe am Standort Calw mit rund 500 Geburten pro Jahr langfristig existenzgefährdet. Die gynäkologisch-geburtshilfliche Fachgesellschaft und auch die bundespolitischen Entscheidungsträger sind sich einig, dass eine Geburtshilfe mit 500 bis 800 Geburten aus qualitativen, personellen und wirtschaftlichen Gründen langfristig kaum betrieben werden kann. Seit langem zeigen Studien, dass die Säuglingssterblichkeit in kleinen Abteilungen dreifach höher ist als in Kliniken mit mehr als 1500 Geburten. Eine Konzentration ist deshalb unter Qualitäts- und Sicherheitsaspekten absolut sinnvoll.
Warum sollen bei Geburten Fristen von 40 Minuten reichen, während bei anderen (Not-)Fällen 30 Minuten vorgegeben werden?
Dies ist die gesetzliche Vorgabe und Ansicht der deutschen Fachgesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, die auch ich aus fachlicher Sicht für angemessen halte. Zunächst ist eine beginnende Geburt an sich ja erst einmal kein lebensbedrohlicher Notfall. Der durchschnittliche Zeitaufwand einer Geburt liegt zwischen zwölf und 18 Stunden, wobei es natürlich immer Ausreißer nach oben und unten geben kann. Die Geburtsklinik Calw versorgt bereits heute lediglich Niedrigrisiko-Schwangere. Sind Komplikationen während der Geburt bereits zu erwarten, zum Beispiel wenn eine Risikoschwangerschaft oder sonstige Vorbelastungen bestehen, werden diese Patientinnen auch heute schon in spezialisierten Kliniken mit einer höheren Versorgungsstufe aufgenommen. Dazu gehören zum Beispiel Böblingen oder Tübingen. Sollte es unvorhergesehen zu Komplikationen bereits zu Beginn der Geburt kommen, wird die gebärende Frau über den Notarzt oder den Rettungsdienst erstversorgt und in die nächste geeignete Klinik gebracht.
Wenn sich die Wege für Tausende Menschen verlängern – ist dann nicht rein rechnerisch tatsächlich mit mehr Geburten „auf der Straße“ zu rechnen? Und mit schlimmeren oder später behandelten Konsequenzen bei Komplikationen?
Ich kann nachvollziehen, dass Frauen aus der direkten Umgebung zum Krankenhaus Calw längere Wegezeiten als Verschlechterung empfinden. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich durch die notwendige Verlagerung für andere die Wegezeiten wiederum verkürzen. Durch die in Calw vorgetragenen Kritikpunkte wird der Anschein erweckt, dass durch die Verlagerung viel mehr kritische Geburtsverläufe entstehen. Wie eingangs gesagt ist aber gerade das Gegenteil der Fall: Durch Zusammenlegung der geburtshilflichen Standorte der Kliniken Calw und Herrenberg wird in Nagold eine größere Geburtshilfliche Klinik mit höherer Qualität und Sicherheit für die Schwangeren geschaffen.
Wie hoch sind die zusätzlichen (Umbau-)Kosten für die Verlegung der Geburtshilfe nach Nagold? Von verschiedenen Quellen wird ein zweistelliger Millionenbetrag zwischen zehn und 20 Millionen Euro genannt.
Als Mediziner kann ich die Kostenfrage nicht im Detail beantworten. Klar ist aber, dass Investitionen in eine zukunftsfähige Geburtshilfe grundsätzlich im Sinne der Versorgungssicherheit und Qualität sind. Die bauliche Umsetzung muss einem medizinisch sinnvollen Konzept folgen und nicht umgekehrt. Forderungen, die Geburtshilfe zur Vermeidung von Investitionskosten in Calw zu belassen, halte ich aus fachlicher Sicht insbesondere den Schwangeren gegenüber für verantwortungslos und nicht zukunftsorientiert.
In Nagold sollen rund 20 Betten geschaffen werden, dafür sollen in Calw und Herrenberg insgesamt rund 50 Betten abgebaut werden. Wie kann diese Rechnung aufgehen?
Für Nagold sind zunächst drei Kreißsäle und 30 Betten geplant sowie ein zusätzliches Kontingent auf der Wahlleistungsstation. Natürlich kommt eine größere Abteilung mit weniger Betten aus als zwei kleine in Summe. Die Kapazitäten in Nagold werden bedarfsorientiert geplant und ermöglichen zunächst bis zu 1500 Geburten pro Jahr. Bei größerem Bedarf könnten die Kapazitäten zukünftig entsprechend erweitert werden.
Was halten Sie von dem Vorschlag, die Frauenheilkunde in zwei Teile (Calw und Nagold) aufzuteilen? Wäre das ein möglicher Weg?
Dieser Weg wäre genau das Gegenteil zu dem, was medizinisch sinnvoll und erforderlich ist. Wie im gesamten Krankenhauswesen sind auch in der Geburtshilfe die Konzentration und Spezialisierung unumgänglich, um die Versorgung zu sichern und die hohe Qualität zu halten. Das hängt unter anderem mit dem Fachkräftemangel und den zunehmenden gesetzlichen Qualitäts- und Mengenanforderungen zusammen. Ich erinnere nochmals daran: In kleinen Abteilungen ist die Säuglingssterblichkeit drei Mal so hoch wie in Kliniken mit mehr als 1500 Geburten. Qualität und Patientensicherheit muss in den Diskussionen an erster Stelle stehen.
Versorgungsrelevanz
Laut Lohfert-Gutachten, das vom Klinikverbund in Auftrag gegeben wurde, würden beim Wegfall von Calw 23 452 Einwohner länger als 30 Minuten zur nächsten Klinik benötigen; ohne Klinik in Nagold wären 13 177 Einwohner betroffen. Diese Zahlen führen Kritiker an, wenn es darum geht, welcher Standort die größere Relevanz bei der Versorgung hat. Wie der Klinikverbund auf Anfrage erklärt, basierten diese Zahlen auf einer Simulation, die ausschließlich die Auswirkungen von kompletten Krankenhausschließungen untersuche. Der Gutachter weise ausdrücklich darauf hin, dass daraus nicht auf Spezialfragestellungen geschlossen werden könne. Eine für letzteres notwendige, spezifische Simulation zur Geburtshilfe in Calw habe ergeben, dass die durchschnittliche Fahrzeit für Einwohner im Einzugsgebiet des Krankenhauses Calw derzeit 11,6 Fahrzeitminuten betrage und bei einer Schließung 12,9 Fahrzeitminuten betragen würde. Durch die Verlagerung nach Nagold präge sich dieser Effekt zudem weniger stark aus.