Die Geburten in Baden-Württemberg sind in den ersten Monaten des Jahres 2022 rückläufig. Foto: Montage: Tobias Klemm

Corona könnte sich auf die Geburtenzahlen auswirken – aber anders, als Impfgegner argumentieren. Eine Forscherin, ein Ministeriumssprecher und ein Chefarzt über Gründe des Geburtenrückgangs.

Oberndorf - Die Geburtenzahlen sinken – und zwar deutlich. Von Januar bis Mai 2022 vermelden Statistiker bundesweit einen Einbruch. Auch vorläufige Zahlen aus dem Südwesten, die unserer Redaktion vom Statistischen Landesamt vorliegen, belegen: 39.903 Babys kamen in Baden-Württemberg im genannten Zeitraum zur Welt, im Vergleichszeitraum 2021 waren es noch 45.841. Bedeutet: knapp 5940 Kinder weniger, ein Minus von etwa 13 Prozent. Was steckt dahinter? Wir sprachen über mögliche Gründe und die aktuelle Situation mit

 

Das sagt Natalie Nitsche vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung

"Markant", nennt Natalie Nitsche, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, die Zahlen. Acht bis zehn Prozent weniger Geburten bundesweit gesehen zwischen Januar und April, in den Mai-Daten aber eine deutliche Erholung. "Hier liegt der Rückgang nur noch bei etwa drei Prozent im Vergleich zu den beiden Vorjahren", sagt Nitsche unserer Redaktion.

Bleibt die Frage nach dem Warum. Dafür wären sehr genaue, sehr private Angaben nötig, erklärt Nitsche, die im Arbeitsbereich Fertilität und Wohlbefinden forscht. Informationen zum Thema Kinderwunsch etwa: Wer wünschte sich ein Kind, wer wurde schwanger – und innerhalb welcher Zeit? Befragt werden müssten theoretisch alle Frauen im gebärfähigen Alter, erklärt Nitsche. "Die Daten gibt es nicht in der Größenordnung, die uns interessiert."

Nitsche nennt mehrere denkbare Gründe für den Rückgang

■ Boomjahr 2021: Im Jahr 2021 gab es mehr Geburten als erwartet. Nitsche: "Möglich, dass ein Teil der vorgezogenen Geburten das Loch erklärt."

■ Lockdown: Womöglich habe der wiederkehrende Lockdown im Frühjahr 2021 "die Leute erschöpft. In Deutschland wurde damals klar: Die Pandemie wird eine längerfristige Angelegenheit."

■ Abwarten wegen Corona-Impfung: "Anfang 2021 war klar, dass die Corona-Impfung bald verfügbar sein wird. Möglicherweise warteten einige noch mit dem Kinderwunsch ab, um sich zunächst impfen zu lassen", mutmaßt Nitsche. Erst im September 2021 sprach sich die Ständige Impfkommission (Stiko) generell für eine Corona-Impfung von Schwangeren ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel und für Stillende aus.

■ Zugang zur Corona-Impfung: Seit dem 7. Juni 2021 kann sich in Baden-Württemberg jeder impfen lassen. Nitsche spricht allerdings von einem deutlichen Geburtenrückgang schon im Januar und Februar 2022; dieser lasse sich mit der Aufhebung der Impfpriorisierung nicht erklären. Die Wissenschaftlerin betont mit Blick auf eine üblicherweise 40 Wochen dauernde Schwangerschaft: "Die meisten Frauen ließen sich wohl nicht vor Juni impfen. Das kann die abrupten Rückgänge im Januar und Februar nicht erklären." Impfkritiker, die anführen, die Corona-Impfung wirke sich auf die Fruchtbarkeit geimpfter Frauen negativ aus, können daher frühestens auf die Geburtenzahlen im April oder Mai 2022 verweisen – im Mai liegt der Rückgang in Baden-Württemberg jedoch nur noch bei zwei Prozent. Nitsche erwähnt außerdem Frankreich, das keinen Geburtenrückgang vermeldet. Trotz zahlreicher Corona-Impfungen.

Weniger Babys in Krisenzeiten

Dass in Zeiten mit unsicheren Zukunftsaussichten weniger Kinder zur Welt kommen, ist indes nichts Neues: "Das ist ein klassisches Phänomen, dass Geburtenzahlen nach größeren Krisen, insbesondere Rezessionen, zumindest kurzfristig einbrechen", so die Wissenschaftlerin. Beispielsweise während der Finanzkrise 2008/09: "Damals gab es Geburtenrückgänge in zahlreichen Ländern."

Sie betont: Der Einbruch in Deutschland zwischen Januar und April sei zwar "markant", Geburtenzahlen sollten aber über einen längeren Zeitraum betrachtet werden. "Sie kleinteilig auf Monatsbasis zu vergleichen, das ist ein neuer Trend durch die Pandemie." Der Blick auf den Monat Mai zeige eine deutliche Erholung. Möglich, dass die Abnahme aufs Jahr gesehen noch ausgeglichen wird. Wie im Babyboomjahr 2021: "Es gibt sehr viele monatliche Schwankungen, die auch 2021 mit extremen Ereignissen Hand in Hand gingen." Portugal und Spanien hätten beispielsweise in den ersten Monaten des Jahres 2021 deutliche Geburtenrückgänge verzeichnet, dann aber habe eine "Aufholphase" eingesetzt. Dies sei nach Krisenzeiten üblich. "Geburten verschieben sich zeitlich, und Einbrüche werden normalerweise bald aufgeholt."

Voraussagen zu weiteren Geburtenrückgängen infolge von Ukraine-Krieg, steigender Inflation, Energiekrise, Corona – kurz gesagt: wegen unsicherer Zukunftsaussichten – lassen sich dabei kaum treffen. "Es sind sehr volatile Zeiten auf verschiedenen Lebensebenen."

Das sagt das Sozialministerium Baden-Württemberg

Das Sozialministerium bewertet die Zahlen vorsichtig. Die verfügbaren Daten seien vorläufig, könnten sich noch ändern. Die große Frage auch: wie sich die Geburtenzahlen bis Jahresende entwickeln werden.

Ministeriumssprecher Pascal Murmann verweist auf den Babyboom im vergangenen Jahr: Die durchschnittliche Kinderzahl je Frau lag 2021 in Baden-Württemberg bei 1,63 – so hoch wie seit 50 Jahren nicht mehr. "Insofern wäre es nicht verwunderlich, wenn – gemessen an diesem Ergebnis – die Geborenenzahl im laufenden Jahr niedriger liegen würde." Hinzu komme: Weniger Geburten bedeuteten nicht zwingend, dass die Geburtenrate gesunken wäre. "Es kann auch deshalb weniger Neugeborene geben, weil die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter – und hier vor allem im Alter von etwa 30 Jahren – gesunken ist", teilte Murmann unserer Redaktion mit. Entsprechende Daten, um dies zu beantworten, lägen aber noch nicht vor.

Wie sich die Geburtenhäufigkeit weiterentwickeln werde, sei aufgrund der derzeitigen Unsicherheiten kaum abzuschätzen, so Murmann. "Aus der Vergangenheit ist bekannt, dass Paare in gesellschaftlichen Krisen- und Umbruchsituationen auf die Geburt von Kindern verzichten." Die hohe Geburtenzahl und -rate 2021 seien angesichts der Pandemie sogar durchaus bemerkenswert gewesen.

Das sagt Peter Seropian, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Klinikum Freudenstadt

"Bis jetzt macht sich der allgemeine Geburtenrückgang bei uns nicht bemerkbar", heißt es aus Freudenstadt. Im Gegenteil: Die Geburtenzahl lag mit 793 Geburten am 7. September sogar mit zwei Geburten über der Zahl vom Vorjahr. Gründe für den Rückgang kann Seropian nicht nennen – schlicht und einfach, weil es ihn im Kreis Freudenstadt nicht gibt.

Zahlen des Statistischen Bundesamts

• Von Januar bis Mai kamen in Deutschland rund 285.800 Kinder zur Welt – laut Statistischem Bundesamt neun Prozent weniger Geburten als im Vergleichszeitraum im Durchschnitt der Jahre 2019 bis 2021.

• Von Januar bis April waren es im Schnitt zehn Prozent weniger Geburten, im Mai minus 3 Prozent.

• In Westdeutschland nahm die Geburtenzahl laut Statistikamt um 8 Prozent ab, in Ostdeutschland - einschließlich Berlin um knapp 12,9 Prozent.

• Überdurchschnittlich stark nahm die Zahl der Geburten der zweiten Kinder ab (minus 11 Prozent), bei den Geburten der ersten Kinder betrug der Rückgang 8,3 Prozent und bei dritten und weiteren Kindern 6 Prozent.