Bürgermeister Friedbert Dieringer steht im Saal des Gesellenhauses und freut sicht, dass zwei Betriebe gefunden sind, die das Gebäude erhalten wollen. Foto: Kauffmann

Das Gesellenhaus ist heruntergekommen. Eigentlich abrissreif. Doch die Gemeinde hat zwei Investoren aufgestöbert, die es erhalten wollen. Wie konnte das gelingen?

Grosselfingen - Das Gesellenhaus mitten im Ortskern von Grosselfingen hat schon bessere Tage gesehen. Dabei war das stattliche Gebäude einst einer der Mittelpunkte des gesellschaftlichen Lebens in Grosselfingen. Lange Zeit hat das Narrengericht im großen Saal die närrischen Urteile gesprochen. Und heute? Fällt auch dort der Putz von der Wand. Im Zuschauerraum steht ein verstaubter Sessel und Schulmöbel, von denen nicht mal Dieringer exakt weiß wie alt sie sind. Aus den 80er- oder 90er-Jahren könnten die Tische und Stühle sein, vermutet er.

 

Die ehemalige katholische Bücherei ist teils noch erhalten. Dicke Schmöker wie das "Amtsblatt der Preußischen Regierung in Sigmaringen" von 1921 oder die "Gesetzsammlung für die königlich preußischen Staaten" von 1867 liegen dort neben Erzählungen mit Titeln wie "Die Gespenstertruhe" und "Lachen ist die beste Medizin" – welch ironischer Zufall, denn vielleicht ist beim Anblick des Gesellenhauses wirklich das Lachen die beste Medizin. Die Elektrik ist weit entfernt von heutigen Standards, teils ist Wasser eingedrungen, eine Decke eingestürzt, ein Treppenhaus könnten Besucher nur unter Lebensgefahr begehen. Direkt gegenüber des Haupteingangs hat ein Scherzkeks "Bruchbude" geschrieben – was so unumwunden die Realität beschreibt, dass es wieder humorvoll klingen könnte.

Alles andere als ein Scherz: Es haben sich zwei Handwerker gefunden, die das Gesellenhaus kaufen und sanieren wollen. Ein Lichtblick für das Gebäude, das an zentraler Stelle in Grosselfingen steht. Bürgermeister Friedbert Dieringer: "Wir sind sehr glücklich über den Handschlag", sagt er beim Vor-Ort-Termin. Wichtig sei, dass die beiden Handwerksbetriebe Volker Stetza und Reiner Schöne aus Balingen das Gebäude erhalten wollen. Beide hätten bereits "viel Herzblut" ins Gesellenhaus investiert, die Frage, auf welche Art das Gesellenhaus erhalten werden könnte, habe im Mittelpunkt gestanden. So hatte Dieringer zahlreiche Termine mit Stetza und Schöne in Grosselfingen, auch an Sonntagen, und immer haben sie hin und her überlegt, Pläne nochmal gelesen, noch eine Ecke angeschaut, den Statiker mitgebracht. Da muss man sich schon reinfuchsen.

Ein bisschen Vitamin B war da auch im Spiel: Dieringer kannte die beiden Handwerksfirmen von seinem früheren Arbeitgeber und der Sanierung der Hainburgschule. Zuvor hatte er ja viel getan, um mit potenziellen Investoren in Kontakt zu kommen – und wie zu Hören ist, war manch einer dabei, der abgesagt hatte.

Manch einer der potenziellen Investoren ist abgesprungen

Dieringer: "Die Verhandlungen gestalteten sich schwierig." Viele, die das Gebäude besichtigten verwiesen auf die mangelnde Wirtschaftlichkeit einer Sanierung.

Mit Durchhaltevermögen und Geduld hat der hartnäckige Dieringer die Zukunft des Gesellenhauses dann doch noch festgezurrt: Die beiden Handwerker wollen sechs Wohnungen einbauen und das Gebäude von Grund auf erneuern. Außerdem soll der ehemalige Bauhof abgerissen werden. Dort entstehen Parkplätze. Wie Dieringer sagt, könnten schon im Herbst dieses Jahres die Bauarbeiten beginnen, wenn es gut läuft.

Einen Unsicherheitsfaktor gibt es: Wie bei jedem Bauprojekt, kann es auch bei der Sanierung des Gesellenhauses vorkommen, dass unerwartet weitere Schäden auftauchen. Eine kleine Wahrscheinlichkeit, dass das Gebäude abgerissen werden muss, schwebt daher nach wie vor über dem Projekt.

Noch mehr Fläche

Das Gesellenhaus wurde in den 1920er-Jahren gebaut. Unter anderem waren dort Nähsäle untergebracht und Gemeinschaftsräume für die Gruppierungen der katholischen Kirchengemeinde. Im September 1996 hat die Gemeinde das Gesellenhaus gekauft abgekauft. Das Grundstück hat insgesamt 813 Quadratmeter. Nach dem Abriss des ehemaligen Bauhofs kommen weitere 200 Quadratmeter hinzu.

Pflichtaufgaben

Warum hat die Gemeinde das Gesellenhaus nicht auf eigene Kosten saniert? Dieringer schätzt die Kosten auf rund zwei Millionen Euro. Geld, das die Gemeinde jedoch für andere Pflichtaufgaben benötige, erklärt Dieringer.

Verkauf

Das Gelände wird mit samt Gesellenhaus verkauft. Weil das Gebäude im innerörtlichen Sanierungsgebiet liegt, können Zuschüsse abgerufen werden. Zum Verkaufspreis sagt Dieringer: "Das Gesellenhaus wurde für beide Seiten zu annehmbaren Konditionen verkauft."

Schon lange Thema

Das Gesellenhaus wurde bereits bei der Bürgermeisterwahl vor 25 Jahren (Wahl von Franz Josef Möller) als wichtiges Thema angesehen. Grosselfingens ehemaliger Bürgermeister Leonhard Holtwick hat daher eigens eine Planung für die Neugestaltung des Gebäudes entwickelt und damals zum Wahlkampfthema gemacht.