Israel lässt nach drei Monate wieder Hilfslieferungen nach Gaza zu. Anwohner und Helfer erklären, dass viel mehr Lebensmittel ins Land müssen. Eindrücke der Verzweiflung.
Einen Brei aus verdorbenem Mehl und ein paar Linsen gibt es seit Wochen bei Familie Nijiim in Gaza-Stadt als einzige Mahlzeit am Tag auf dem Tisch. Vater Mahmoud schien Glück zu haben, als Israel Anfang März internationale Hilfstransporte nach Gaza stoppte. Er besaß noch etwas Mehl und ein paar von humanitären Organisationen gespendete Lebensmittel. Seine Familie konnte sich zunächst noch satt essen. Nach drei Wochen waren die genießbaren Vorräte aufgebraucht. Seitdem greifen die Nijiims auf Mehl zurück, das längst abgelaufen ist. Jeden Tag wird die ranzigen Menge weniger.
Israel untersagte die Hilfslieferungen der Weltgemeinschaft im März mit der Begründung, die Hamas fülle ihre Kriegskasse mit dem Weiterkauf der Lebensmittel an die Bevölkerung. Das UN-Welternährungsprogramm (WFP) erklärte Ende April, die Vorräte in Gaza seien aufgebraucht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO legte Zahlen zur Ernährungslage vor. Jeder fünfte Einwohner Gazas drohe zu verhungern. Die Versorgung praktisch aller 2,1 Millionen Einwohner mit dem Nötigsten sei nicht mehr gewährleistet.
Israel reagierte vor wenigen Tagen vermutlich auf Druck aus Washington. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte an, die internationalen Hilfstransporter für eine Woche wieder in den Gazastreifen rollen zu lassen. Danach soll eine private US-Stiftung die Verteilung der Nahrungsmittel übernehmen. Israel wirft dem UN-Palästina-Hilfswerk UNRWA vor, von der Hamas unterwandert zu sein. Netanjahu sprach zum ersten Mal von einer drohenden Hungersnot in Gaza. Sie könnte die im Mai begonnene Großoffensive „Gideons Streitwagen“ gefährden, erklärte der Ministerpräsident. Israel werde die Menschen in Gaza deshalb mit einer „Grundmenge an Essen“ versorgen, heißt es in einer Regierungserklärung.
Die ersten Lastwagen seit drei Monaten
Fünf Lastwagen mit Hilfsgütern überquerten nach israelischen Angaben am 19. Mai nach knapp drei Monaten Blockade den Grenzübergang Kerem Schalom. Einen Tag später sollen es 100 Trucks gewesen sein. Tausende warten auf Abfertigung. Der UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher kritisierte die Lieferungen als unzureichend. Frankreich, Großbritannien und Kanada fordern eine Einstellung der Kampfhandlungen Israels und unbegrenzte Hilfslieferungen. Sie drohen Israel mit Sanktionen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verlangte von Israel ebenfalls einen ungehinderte Versorgung der Zivilbevölkerung.
Mahmoud Nijiims 28-jährige Frau Rana ist im letzten Drittel der Schwangerschaft. Die Nijiims haben bereits drei Kinder. Die Älteste, Sarah, ist neun Jahre alt. Ihre Schwester Zainab ist acht und der Sohn Foton ist vier. Der 30-jährige Vater beschreibt seine Kinder in Textnachrichten auf dem Messengerdienst Whatsapp als schwach und abgemagert. „Ihre Knochen sind deutlich zu erkennen“, erklärt er in einer mit Hilfe einer App aus dem Arabischen übersetzen Whatsapp-Nachricht.
„Bisher hat uns keine Hilfe erreicht“
Kinder bewegten sich viel und zehrten deshalb schneller aus als Erwachsene, erklärt der Vater. Seine beiden Töchter und der Sohn seien inzwischen schwach und krank durch das verdorbene Essen. Der Vater erzählt, dass er verzweifelt auf die von Israel angekündigten Hilfslieferungen warte. „Leider haben wir vor Ort bisher nichts erhalten und uns hat keine Hilfe erreicht, im Gegensatz zu dem, was auf Nachrichten-Websites und in den sozialen Medien gesagt wird“, schreibt der Vater.
Seine Familie lebt in Gaza-Stadt im Zentrum des Gazastreifens. Die Nijiims suchen Schutz in einem Innenraum, während um sie herum die Operation „Gideons Streitmacht“ tobt. Eine Luftoffensive bereitete den Einsatz von Bodentruppen vor. Die israelische Regierung strebt inzwischen die Einnahme des Gazastreifens an. Schwere Kämpfe werden erwartet. Wo Zivilisten sich in Sicherheit bringen können, ist unklar.
Laut Angaben der UN sind viele Bergungsgeräte bei Luftschlägen zerstört worden. Helfer kommen bei andauerndem Beschuss auf zerstörten Straßen kaum noch zum Ziel. Thorsten Schroer ist für die Berliner Nothilfeorganisation Cadus im Einsatz in Gaza. Sein Team transportiert Schwerverletzte. Früher habe es nach einem Angriff viele Anfragen gegeben. Inzwischen sei das anders. „Oft kommt niemand mehr an Verschüttete heran“, sagt Schroer.
Die Wände ihres Hauses sollen den Nijiims Schutz vor Splittern bitten. Bei einem direkten Treffer wären sie verloren. „Jeder ist hier jederzeit dem Tod ausgesetzt“, schreibt der Vater.
Der Cousin des Influencers
Mahmoud Nijiim ist der Cousin des Berliner Influencers Abed Hassan. Hassan erlebte die ersten Kriegswochen in Gaza, bevor das Auswärtige Amt die Ausreise des Deutschen organisierte. Er teilt seine Erfahrungen in dem Onlinedienst Instagram. Hassan hat den Kontakt nach Gaza hergestellt. Berichte wie die von Mahmoud Nijiim lassen sich nicht verifizieren. Israel und Ägypten verweigern internationalen Journalisten die Einreise nach Gaza. Sie decken sich aber mit den Schilderungen internationaler Helfer in Gaza und den Einschätzungen von UN-Organisationen.
Die Britin Rachel Cummings arbeitet für die Kinderhilfsorganisation Save the Children in Gaza. Sie schätzt, dass 600 Hilfslaster pro Tag und auf Dauer nötig seien, um die Hungerkrise zu beenden. 35 Laster warteten trotz der Ankündigung Netanjahus in Ägypten und Jordanien auf eine Genehmigung Israels, Güter für Save the Children nach Gaza zu bringen.
Save the Children unterstützt die Verteilung von Trinkwasser und Lebensmitteln. Die Organisation unterhält Schutzräume, in denen Kinder zu Ruhe kommen sollen und spielen können. 259 Mitarbeiter meist aus Gaza arbeiten für die Organisation im Kriegsgebiet. Cummings schildert am Telefon die Beobachtungen ihrer Mitarbeiter. Sie erlebten täglich Kinder, deren Bäuche vor Hunger schmerzten und Eltern, die das Leid ihrer Kinder verzweifelt mitansehen müssten. „Sie fühlen sich hilflos, weil sie kein Essen auftreiben können“, sagt Cummings.
Fast eine Million Kinder in kritischer Lage
Infektionen etwa durch verseuchtes Wasser seien für viele Kinder in ihrem geschwächten Zustand lebensbedrohlich. „Sie sterben schnell, wenn sie krank werden“. Abertausende Kinder seien dabei, vor den Augen ihrer Eltern zugrunde zu gehen. Save the Children sieht 93 Prozent der Kinder in Gaza von einer Hungersnot bedroht. In Zahlen sind das 930 000. Nahezu alle 1,1 Millionen Kinder in Gaza seien in einer kritischen Ernährungslage. Unter- und Mangelernährung beeinträchtigt in der Entwicklung befindliche Kinder für den Rest ihres Lebens. Es drohen körperliche und geistige Spätfolgen, erklärt Cummings. Auch Freiwillige der Organisation Ärzte ohne Grenzen berichten von unvorstellbarem Leid. Von ausgemergelten, halb verhungerten Kindern, deren Wunden nicht heilen, weil ihnen Vitamine und andere Nährstoffe fehlen. Von Kinderhänden, -füßen, -armen und -beinen, die durch Bomben verletzt und amputiert werden müssen. Tag für Tag.
Eine Untersuchung der Organisation War Child Alliance erregte Ende vergangenen Jahres Aufsehen. Der Studie zufolge erwarteten 96 Prozent der Kinder in Gaza ihren nahen Tod. Knapp die Hälfte wünschte sich sogar, zu sterben. Auch Rachel Cummings bemerkt, dass die Kinder in den Schutzräumen von Save the Children immer apathischer werden. „Während des Waffenstillstandes von Januar bis März gab es etwas Hoffnung. Aber die ist jetzt dahin“, sagt Cummings.