Zusammen der Schwerkraft ein Schnippchen schlagen: Die Kompanie des französischen Erfolgschoreografen Angelin Preljocaj versucht es in dem Tanzstück „Gravité“. Foto: Jean-Claude Carbonne/JCC

Hohe Sprünge, luftige Hebungen: Der Tanz versucht schon immer, die Schwerkraft auszuhebeln. Der Choreograf Angelin Preljocaj widmet ihr einen ganzen Tanzabend.

Ludwigsburg - Wie wäre es, wenn unser Planet eine andere Anziehungskraft hätte, etwa die der Sonne? Dann müssten Teenager nicht schwindeln, wenn sie Weckmanöver weggrummeln mit den Worten: „Ich komm nicht raus!“

 

Wie Tanz unter diesen erschwerten Bedingungen aussehen könnte, hat am Wochenende die Kompanie des französischen Erfolgschoreografen Angelin Preljocaj im Forum in Ludwigsburg gezeigt. Als sich der Vorhang auf „Gravité“ hebt, fällt der Blick auf ein knappes Dutzend reglos liegender Leiber.

Hier und da kämpft sich ein Arm nach oben, aufstehen ist ein mühsamer Akt, Bewegung muss einer besonderen Schwerkraft abgetrotzt werden. Tanz in Zeitlupe ist das Resultat, dennoch gelingen mal im Kreisgang, mal in kleinen Gruppen überaus spannende und dynamisch ausgeleuchtete Bilder.

Flucht ins Leichte vor der Last der Lockdowns

Wie Etüden über die Schwerkraft hat Angelin Preljocaj sein Tanzstück angelegt. Fast scheint es davon zu erzählen, wie Pandemie und Lockdowns auf der Kunst lasten und wie sich der Tanz davon ins Leichte befreit. Doch „Gravité“ kam bereits 2018 bei der Tanzbiennale in Lyon zur Uraufführung. Egal, auch im abstrakten Dialog von modernem und klassischem Tanz entfaltet diese Studie der Anziehungskraft viel Charme. Ihre Wirkung wechselt fließend mit den in Schwarz und Weiß gehaltenen Kostümen von Igor Chapurin und der Musik, die von Bach bis Daft Punk, von Schostakowitsch bis Xenakis, von Ravel bis Glass dem Tanz mal Last, mal Auftrieb bietet – aber immer dem Ohr schmeichelt.

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Kosmonautischer Funkverkehr, elektronisches Brizzeln sorgen für Weltraumstimmung. Sogar Aliens bringt Preljocaj mit zwei Helmen ins Spiel, lässt Tänzer oder einfach nur Hände einander wie Planeten umkreisen. Mal erdenschwer und bodennah ist der Tanz, dann strebt er mit klassischem Impuls nach oben. Doch gerade da, wo er ganz leicht aussehen soll, in der Begegnung zweier weißer Paare zum Beispiel, wirkt er leider unfreiwillig schwer. Offensichtlich stecken der Kompanie aus Aix-en-Provence die Folgen der Pandemie noch in den Knochen und machen sie schwer.

Alle sind denselben Bedingungen ausgesetzt

Und so ist „Gravité“ am beeindruckendsten, wenn die Tänzer als Solisten agieren, alle denselben Schwerkraftbedingungen ausgeliefert. Streetdance-Motive setzen dynamische Akzente, bevor „Bolero“ die Truppe am Ende zum Kreis konzentriert. Chaos und Ordnung pulsieren durch ihren Ring, der wie ein Kaleidoskop der Leiber immer neue Bilder produziert.

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Schade, dass „Gravité“ seine Kontraste nicht besser ausspielen konnte. Seine Hitqualität ist dennoch zu sehen – und wurde in Ludwigsburg laut bejubelt.