Rolf Berlin ist schon lange ein ziemlich gut vernehmbares Sprachrohr und Fürsprecher für seine Branche. Aber angesichts dessen, was sich aktuell in der Politik anbahnt, lässt den Hotelier und Gastronom aus Bad Teinach-Zavelstein die nächste Eskalationsstufe zünden. Er fühlt sich von der regionalen und der Bundespolitik verraten und verkauft.
Der Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga formuliert es gewohnt prägnant, aber irgendwie klingt in seinen Worten auch ein wenig Wut und Verzweiflung mit. „Wir müssen jetzt aus allen Rohren schießen“, erzählt er von seiner Branche. „Denn wir sind gewaltig unter Druck. Und es brodelt gewaltig.“
„Hätten eigentlich um 11 Prozent raufgehen müssen“
Was den altgedienten Hotelier und Gastronom so auf die Palme bringt, das spielt sich in Stuttgart und in Berlin ab. Vor gut einem Jahr wurde im Zeichen der Corona-Krise die Mehrwertsteuer auf Speisen befristet von 19 auf 7 Prozent gesenkt. Damit kam man einigermaßen glimpflich durch die Corona-Krise. Und auch die Anfänge der Inflation, der Ukraine- und Energiekrise konnte man einigermaßen abfedern.
Gäste müssten 20 Prozent mehr bezahlen
Berlin rechnet für seinen Betrieb vor: „Zwischen Mai 2022 und Mai 2023 sind die Personalkosten um 17,7 Prozent gestiegen, die Ausgaben für Lebensmittel um 13,5 Prozent und die Energiekosten um 48 Prozent. Und diese drei Sparten machen drei Viertel des Umsatzes unserer Gastronomie aus.“ Dementsprechend groß sei jetzt schon der Kostendruck. Man habe die Gastropreise um 6 Prozent angehoben, um auch das weiter abzufedern, „aber eigentlich hätten wir um 11 Prozent raufgehen müssen“, rechnet Berlin vor.
„Und wir haben keine Luft mehr, das aufzufangen“
Nun plant die Bundesregierung, diese befristete Absenkung der Mehrwertsteuer auslaufen zu lassen. Damit würde die Mehrwertsteuer plötzlich um 12 Prozent gesteigert, was für seine Gäste eine Preiserhöhung von bis zu 20 Prozent zur Folge haben würde. „Und wir haben keine Luft mehr, auch diese Erhöhung noch abzufangen.“ Allein in Baden-Württemberg rechne man mit einer Zahl von 2000 Betriebsschließungen in Folge der höheren Mehrwertsteuer. Dazu komme unter anderem, dass sich durch die höhere Steuer die Wettbewerbssituation der heimischen Betriebe im Vergleich mit dem europäischen Ausland – etwa Österreich oder Südtirol – deutlich verschlechtere. Denn fast überall in Europa – mit Ausnahme der baltischen Länder Estland und Lettland, Dänemark und Malta – gelte ein reduzierter Mehrwertsteuersatz auf Essen.
„Dann müssen sich die Kunden eben an die höheren Preise gewöhnen“
Dieses Vorgehen widerspreche allem, was die Politik der Branche zugesagt habe. Sowohl Kanzler Olaf Scholz (SPD) als auch Finanzminister Christian Lindner (FDP) hätten versprochen, den niederen Steuersatz beizubehalten. Doch scheinbar habe man diese Versprechen vergessen. Die heimische SPD-Abgeordnete und Parteivorsitzende Saskia Esken habe, von ihm auf diese Thematik angesprochen, mit der Aussage geantwortet: „Dann müssen sich die Kunden eben an die höheren Preise gewöhnen.“ Das „Geschacher“ in Berlin rund um dieses Thema sei „erbärmlich“, kommentiert Berlin.
„Kretschmann ist der Totengräber des Tourismus im Land“
Aber auch auf die Landespolitik ist Berlin so richtig sauer, unter anderem weil sich die heimische CDU bei der wahrscheinlich im November anstehenden Abstimmung im Bundesrat enthalten wolle. „Und das im Tourismus-Land Baden-Württemberg!“, schimpft Berlin. „Mit diesem Verhalten ist Winfried Kretschmann der Totengräber des Tourismus im Land“, attackiert der Gastronom den grünen Ministerpräsidenten und verweist darauf, dass die Pläne nicht nur Hotels und Gastronomen betreffen würden: „Das alles hat seine Folgen auch für Landwirte, alle Lebensmittel-Produzenten und auch für die Brauereien“, sagt Berlin gegenüber der Redaktion. „Und auch auf die Verpflegung der Kitas und Schulen, etwa in Mensen, wird das erhebliche Auswirkungen haben. Ganz abgesehen davon, dass dadurch die Inflation weiter angeheizt wird. “
Stärker ran
Aktionen
Die Gastronomen wollen – gemeinsam mit ihrem Dachverband – Sturm laufen. „Wir müssen jetzt stärker an die Abgeordneten ran – und das auf allen Ebenen“, fordert der Hotelier und Gastronom aus Bad Teinach-Zavelstein, der auch in seinem Haus für seine Sache „trommelt“. Unter anderem mit einer Postkartenaktion. Aber auch mit einem anderen Kniff: Seinen Gästen etwa im Wanderheim Zavelstein legt er eine Karte vor, auf der die „notwendigen“ Essenspreise mit und ohne Mehrwertsteuersteigerung verzeichnet sind. Da wird dann der klassische Wurstsalat schnell mal um zwei Euro oder der Zwiebelrostbraten um vier Euro teurer.