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Neubauten auf der Grünen Wiese oder Bauen im Bestand? Eine Frage, die in Stuttgart gerade auch für den Bereich mittlerer sozialer Bevölkerungsschichten diskutiert wird. Ein Beispiel ist die Wohnanlage Wagenburgstraße. Gastautor und Architekt Roland Ostertag über ein Gebäude-Ensemble in Stuttgart-Ost als Beispiel für das Wohnen in der Stadt.

Stuttgart - Seit Jahren wird über Erhalt oder Abriss des Ensembles der Wohnanlage Wagenburgstraße 149–153, Talstraße 2,4,10 und 14 mit rund 60 Wohnungen zwischen dem Eigentümer, dem Bau- und Heimstättenverein, Bewohnern und engagierten Bürgern gestritten. Es handelt sich um ein bemerkenswertes stadtnahes, zeitgeschichtlich bedeutsames Wohnquartier, Zeugnis des sozialen Engagements der Stuttgarter Arbeiterbewegung der 1920er Jahre. Es ist kein spektakuläres Architekturobjekt, hat jedoch hohe städtebauliche, architektonische und baukörperliche Qualitäten – und steht aus unerfindlichen Gründen nicht unter Denkmalschutz.

Es ist ein Objekt des qualifizierten ­Alltags, das den Charakter unserer Stadt, seiner räumlichen, sozialen, geschichtlichen Kontinuität gewährleistet und stärker prägt als die meisten neueren Allerweltsbauten. Deshalb auch hat sich unsere Zeitung in den vergangenen Jahren mehrmals für den Erhalt des Ensembles eingesetzt. Verursacht durch Vernachlässigung, unterbliebene oder mangelnde Unterhaltungsmaßnahmen bietet es zweifellos nicht den besten ­optischen Eindruck. Deshalb und weil der Eigentümer den meisten Bewohnern ­gekündigt hat, sind nur noch wenige ­Wohnungen bewohnt. Doch eingehende Untersuchungen ergeben, dass mit ­bescheidenem Aufwand wieder ein ­anspruchsvolles, unverwechselbares Stück Stadt, ein stadtnaher Wohnort für mittlere soziale Bevölkerungsschichten geschaffen werden kann.

Der Bau- und Heimstättenverein und dessen Geschäftsführer Ulrich Goeser ­beklagen die selbst geschaffene „miserable Bausubstanz“ und deren hohen Sanierungsaufwand. Sie plädieren für Abriss und Neubau.

Erweiterung der Erhaltungssatzung für Quartier ­beschlossen

Die Mehrheit des Stuttgarter Gemeinderats ließ sich schließlich von den zweifellos noch vorhandenen Qualitäten der Gebäudegruppe überzeugen und hat Ende ­vergangenen Jahres die Erweiterung der Erhaltungssatzung für dieses Quartier ­beschlossen. Damit wurde der Abriss ­verhindert. Als Reaktion hat sich der Eigentümer nun entschlossen, seine eigenen Bauabsichten aufzugeben und das ­Ensemble zu verkaufen.

Zu Beginn der Diskussionen vor einigen Jahren sah es wie ein Einzelfall aus. Im Lauf der Auseinander­setzungen entwickelte sich die Auseinandersetzung zu einem Modellfall. Grundsätzliche Fragen sind gestellt.

Erstens: Wie sieht allgemein und im ­konkreten Fall die neue Wohnungspolitik der Stadt aus?

Zweitens: Soll die Wohnungspolitik der Stadt weiterhin nur über ökonomische ­Aspekte gesteuert werden? Ist Wohnen auch nur eine Ware?

Drittens: Wie gehen wir mit dem historischem Bestand, allgemein und im kon­kreten Fall, um?

Viertens: Kann der gravierende innerstädtische, sozial verpflichtete Wohnungsmangel wie bisher, wenn überhaupt, nur über Neubauten (auf der Grünen Wiese) ­behoben werden?

Fünftens: Ist die Einbeziehung des ­Bestands, mindestens im innerstädtischen Bereich, nicht ein ebenso wichtiger Aspekt?

Sechstens: Wird über Abriss und Erhalt von Bausubstanz nur über quantitative, sogenannte rationale Werte entschieden? Sind qualitative, soziale, historische, ­kulturelle Werte nicht auch zu berück­sichtigen?

Gesamtkonzept nötig

Der Bau-und Heimstättenverein ist ­dabei, einen Käufer zu finden. ­Angeblich gibt es Interessenten,bis Jahresmitte soll die Angelegenheit unter Berücksichtigung der angesprochenen Gesichtspunkte abgeschlossen werden. Wenn der Verein dies zeitnah nicht schafft, müsste sich die Stadt aktiv einschalten. Einen ­ersten Schritt der neuen Wohnungspolitik tun, das Angebot von bisher 128 auf 400 ­geförderte Wohnungen im Jahr zu ­erhöhen – eine Absicht, die Stuttgarts neuer Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) erstmals bei einer Veranstaltung in der Stuttgarter- Nachrichten-Reihe „Mittendrin“ äußerte. Dafür braucht die Stadt ein Gesamt­konzept. In anderen Städten wie Köln, Frankfurt, Hamburg und München gibt es Beispiele hierfür. Sie reichen von einem Zweckentfremdungsverbot und der ­Modernisierung über die Mietpreis­bindung bis hin zur Stadt als (Zwischen-)Erwerber von Bestandsimmobilien und innerstädtischen Grundstücken – ­verbunden mit deren Sanierung und ­gezielten Bebauung.

Doch das Wichtigste und das Schwierigste wird sein, das Bewusstsein, den Geist, der die Stadt und deren Wahrnehmung ­bestimmt, zu ändern. Stuttgarts neuer OB hat Zeichen einer Neuorientierung ­gesandt, der Gemeinderat hat seinerseits signalisiert, sich neuen Modellen nicht zu verwehren. Das Ensemble Wagenburg­straße könnte entsprechend zum Modellfall solchen neuen Denkens und Handelns ­werden.

Roland Ostertag ist Architekt und lebt und arbeitet in Stuttgart.