Vor 70 Jahren wurde das deutsch-italienische Anwerbeabkommen unterzeichnet. Unter den Gastarbeitern waren auch die Benvenutos und die Scalambrinos aus Kalabrien.
Was zuerst auffällt, wenn man sich dem kalabrischen Dorf Scala Coeli über die kurvig-holprige Straße nähert, sind die hellen, an den Hang gebauten Häuser. Stufe um Stufe streben sie bis zum obersten Plateau hinauf und geben dem Ort so seinen Namen: Scala Coeli – die Treppe zum Himmel.
Scala Coeli ist mit vielem gesegnet, was einen lebenswerten Ort ausmacht. Abseits vom Lärm und Chaos großer Städte schmiegt es sich, umgeben von schier endlosen Olivenbaumhainen, in 370 Metern Höhe an den Sandsteinfelsen. In klaren Nächten hängen die Sterne über dem Tal. Kein Laut ist zu hören, alles wirkt wie ausgestorben.
Ein ganzes Haus für 25 000 Euro
Und genau das ist das Problem: Scala Coeli verwaist allmählich. Und nicht nur dieses Dorf: Laut einem OECD-Bericht schrumpften im Zeitraum von 2002 bis 2021 mehr als die Hälfte aller italienischen Gemeinden. Besonders betroffen waren jene im Süden.
Wo sind die Leute hin? Der 71-jährige Oscar führt durch die engen Gassen seines Geburtsorts. „Als Kinder haben wir hier immer auf der Straße gespielt. Jetzt ist hier alles ruhig“, sagt er. Das große Haus mit der massiven Eingangstür: „Hier war früher ein Metzger.“ Wenn man durch die Altstadt Scalas geht, vorbei an den weiß verputzten Häusern, erst bergauf, dann wieder bergab, um plötzlich vor einer Wand zu stehen, verliert man bald den Überblick. Manche der leer stehenden Häuser kann man für gerade mal 25 000 Euro kaufen. Dabei sah es in den 70er Jahren völlig anders aus. Ein Bauboom erfasste das gesamte Dorf – angeheizt von Überweisungen aus Baden-Württemberg.
Das deutsche Wirtschaftswunder ist hungrig nach Männern aus dem Ausland
Am 20. Dezember 1955 hatten der Bundesarbeitsminister Anton Storch und der italienische Außenminister Gaetano Martino das deutsch-italienische Anwerbeabkommen unterzeichnet, das die Beschäftigung italienischer Arbeiter in Deutschland regelte. Das deutsche Wirtschaftswunder war hungrig nach jungen Männern aus dem Ausland, die bereit waren, schwere körperliche Arbeit auf dem Bau, in der Landwirtschaft oder in den Bergwerken zu leisten. Italien wiederum versuchte, seine Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und das Wirtschaftswachstum mit Devisen anzukurbeln.
Den Zustrom der Arbeiter lenkten die Arbeitsämter beider Länder. Sogenannte Emigrationszentren in Italien prüften, ob die Kandidaten auch dem Bedarf der deutschen Wirtschaft entsprachen – wobei es in Fernschreiben deutscher Firmen mitunter lapidar hieß: „Bitte sofort fünf Stück Hilfsarbeiter.“ Vor allem im Südwesten mit seiner boomenden Industrie waren sie gefragt.
La Fortezza, eine kleine Bar mit unvorhersehbaren Öffnungszeiten, ist einer der Treffpunkte Scala Coelis. Drinnen ist es laut, Gäste spielen Karten, diskutieren, trinken Kaffee. Ein Mann fragt irgendwann auf deutsch, woher man denn komme. Er lebte eine Zeit lang in Esslingen, erzählt er später.
Wenn man von La Fortezza weitergeht und den kleinen Marktplatz überquert, gelangt man in den neuen Teil Scalas. Einige Haustüren stehen offen, drinnen hört man Stimmen und Geschirrgeklapper. Wenn Bekannte spontan eintreten, werden sie so herzlich begrüßt, als seien sie lang erwartete Gäste. Dann wird über die Familie und die Neuigkeiten im Dorf gesprochen. Und darüber, dass es hier nicht mehr wie früher sei.
Die Erinnerung ist von Einsamkeit geprägt
Von den gut 2000 Einwohnern im Jahr 1991 sind noch ein Drittel übrig geblieben. Dabei hätte das Dorf mit dem in Deutschland erarbeiteten Geld eigentlich wachsen können. „Damals hatten die meisten die gleiche Idee wie wir: Wir sparen, bauen in Scala ein Haus und kehren dann zurück“, erzählt Rosetta Benvenuto, 69, bei einem Kaffee in ihrem hellen Haus in Wernau. Mit 18 kam sie aus Scala Coeli, frisch verheiratet, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Ihr Mann Gennaro, 74, war bereits als 16-Jähriger mit seinem Vater nach Deutschland gegangen, wo er dann als Arbeiter im Straßenbau anfing.
Woran sich Rosetta besonders erinnert, ist die Einsamkeit: fernab von ihrer Familie, im kalten Januar, zwölf Stunden am Tag allein. „Das war sehr schwierig für mich. Ich habe unser Dorf sehr vermisst.“ Erst als eine Neapolitanerin Rosetta ansprach und sie mit zu einem italienischen Gottesdienst nahm, wurde es besser. „Damals waren sehr viele Italiener in Wernau, auch aus Scala.“ Wenn Rosetta von ihrem Dorf erzählt, lächelt sie. Dann beschreibt sie die Feste, den Olivenduft, der zur Erntezeit über allem hängt.
Warum wurde nichts aus ihrem Plan, nach Scala zurückzukehren? „Wir dachten immer, bald gehen wir, nur noch ein paar Jahre mehr. Aber dann hatten wir irgendwann unsere Kinder und schon waren 60 Jahre vorbei“, sagt sie. Den Benvenutos ging es gut. Rosetta fand eine Anstellung im Textilhandel, Gennaro arbeitete von 1976 an bei Daimler. Das Haus in Scala haben sie zwar gebaut, doch zurückkehren wollten sie wegen ihrer Kinder und der schlechten Gesundheitsversorgung nicht. „In Scala Coeli gibt es nur die Landwirtschaft. Doch die Leute wollen mehr und gehen deshalb weg. Die Stadt wird aussterben, wenn die Regierung nichts unternimmt“, sagt Gennaro Benvenuto.
Es ist ein Teufelskreis, der besonders den Mezzogiorno, den Süden Italiens, plagt: Da es immer weniger Einwohner gibt, schließen Schulen, Krankenhäuser und andere wichtige Einrichtungen – was dann zu einer weiteren Abwanderung in städtische Zentren oder ins Ausland führt. Die berühmten Ein-Euro-Häuser, Steuererlasse für Rückkehrende, finanzielle Zuschüsse für eine Ansiedlung oder eine neue Flüchtlingspolitik gehören zu den verzweifelten Versuchen vieler italienischer Regionen, diese Entwicklung aufzuhalten.
Eine ganz andere Welt
Im Café Tagblatt in Waiblingen sitzt Francesco Scalambrino, 62. Auch er kennt die Probleme seines Heimatdorfes: „Niemand macht etwas und die, die es versuchen, kommen einfach nicht weiter.“ Francescos Vater kam in den frühen 60ern nach Waiblingen, um bei der Firma Sikler zu arbeiten. Waiblingen und Sikler waren damals quasi die ersten Anlaufstellen, fast jeder aus Scala landete hier. Francesco, seine Mutter und Geschwister zogen im Januar 1973 nach. Da war er gerade einmal zehn.
„Für uns Kinder war das zuerst eine ganz andere Welt“, erzählt er. Der Übergang in die Fremde, wo er nicht mehr jeden grüßen und einfach in jedes Haus spazieren konnte, fiel dem Jungen dann aber leichter als gedacht. Seine Familie lebte in einer italienischen Siedlung in Waiblingen, wo er sich fast wie in der Heimat fühlen konnte: Die Festtage wurden gemeinsam gefeiert, im Sommer saßen die Menschen draußen und aßen zusammen, während die Kinder spielten.
Francesco und seine Geschwister bauten sich ihr Leben in Deutschland auf. Die Eltern machten ihren Traum wahr, kehrten als Rentner nach Scala zurück. Sie starben auch dort und sind auf dem kleinen Friedhof beigesetzt. Es sei traurig zu sehen, wie wenig Infrastruktur geblieben sei, erzählt der Sohn: das Krankenhaus weit weg, die Straßen schlecht, viele Häuser leer. Das Haus, das seine Eltern mit dem hart erarbeiteten Geld gebaut haben, will er trotzdem nicht verkaufen. „Heimat ist eben Heimat.“
Ein Freund von Francescos Bruder, Domenico Vulcano, 67, hat Scala Coeli neu für sich entdeckt. Am Telefon erzählt er, wie er als junger Mann seinem Vater nach Waiblingen folgte, von den Bettwanzen im Sammellager, aber auch davon, wie er damals seinen Vater erst richtig kennenlernte und sich ein Leben in Baden-Württemberg aufbaute.
Eigentlich dachte er gar nicht mehr an sein Heimatdorf. Als er es dann doch mal besuchte, war er überrascht, wie gut ihm alles gefiel. „Jetzt überlege ich, mir in Scala ein Haus zu kaufen, um dann ab und zu hinzufahren.“ Am besten ganz oben auf dem Felsen, wo die Treppe fast in den Himmel führt.