Kommt nach einem sehr heißen Sommer ein ebenso "heißer" Winter, der sozialen Sprengstoff birgt? Eben dann, wenn es zu dramatischen Engpässen in der Gasversorgung kommt? Die großen Baugenossenschaften aus Villingen-Schwenningen bereiten sich und vor allem ihre Mieter auf einen Krisenfall vor.
Villingen-Schwenningen - Regelmäßige Krisenstäbe, das Lesen von Expertenanalysen, das Vorbereiten der Mieter auf mögliche Energiesparmaßnahmen und das Absenken der Temperaturen in den Wohnungen: für die Wohnbaugesellschaften und Baugenossenschaften aus VS ist die Energieverknappung und damit auch ein möglicher worst case schon längst auf der Tagesordnung.
Ob das Telefon bei Rainer Müldner, Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft Villingen-Schwenningen (wbg), oder bei Sebastian Merkle, seinem Pendant in der Baugenossenschaft Familienheim in Villingen tönt: Müldner wie Merkle bereiten ihre insgesamt über 7000 Mieter auf den Tag X vor, an dem die Anrechnungen schwarz auf weiß und damit die tatsächlichen Steigerungen vorliegen.
Vervierfachung der Preise möglich
Kein Verantwortlicher kann im heißen Sommer 2022 schon abschätzen, wohin die Preise gehen über den Herbst und Winter. Mit Sorge lesen sich die beiden Geschäftsführer durch Fachartikel, denen zufolge die Gaspreise explodieren und sich sogar vervierfachen könnten. Dieses für viele Menschen finanzielle Schreckensszenario können die VS-Geschäftsführer zwar nicht abwenden, aber zumindest die drastischsten Folgen etwas abmildern. Sparen, Sparen und nochmals heißt deshalb der Ansatz von Müldner und Merkle. "Und Vorbereitungen treffen", so die beiden.
Mit dem Rücken zur Wand
Vorbereitungen treffen heißt für Rainer Müldner zum Beispiel, dass die wbg eine Task Force Energie eingerichtet hat. Die Kommunikation mit den Mietern in den gut 1500 Wohnungen spielt dabei eine große Rolle, 70 Prozent werden mit Gas versorgt. Die Familienheim verfügt über 2700 Wohnungen in VS mit etwa 5600 Mietern, davon sind gut 90 Prozent auf Gas eingestellt. Stand jetzt gebe es zwar mit den Stadtwerken VS noch Festpreise bis zum Jahr 2024, doch ob das so bleiben wird, das weiß niemand. Denn falls das Energiesicherungsgesetz greife, dann gelten bestehende Verträge nicht mehr.
Mit gravierenden Folgen zunächst auch für die Wohnungsbaugesellschaften und Baugenossenschaften und deren Liquidität, und dann spätestens zum Abrechnungsjahr 2022/23 für die Mieter. Eine Erhöhung der Vorauszahlungen, so Müldner, sei zum jetzigen Zeitpunkt nur bedingt möglich. "Denn schon jetzt stehen einige unserer Mieter mit dem Rücken zur Wand", da die generellen Preissteigerungen vielen zu schaffen machen. Ähnliche Probleme sieht auch Sebastian Merkle, deshalb habe sich die Familienheim bereits vor Jahren dem sozialen Management verschrieben und biete Hilfe an.
Bald durchweg 20 Grad?
Müldner wie Merkle unisono: "Was wir tun können, um die Lage etwas zu entschärfen, das tun wir." Und das bedeutet in allererster Linie: Sparen, sparen und nochmals sparen: So schauen beide Geschäftsführer darauf, dass die Heizungsanlagen optimal eingestellt sind und Heizenergie nicht unnötig verpufft. Mieter werden dahingehend gebrieft, dass die Raumtemperaturen auf die auch durch den Gesetzgeber noch zulässigen mindestens 20 Grad (tagsüber) heruntergestuft werden und werden über Möglichkeiten zum Energiesparen informiert. Bei Sebastian Merkle haben sich bereits einige Mieter gemeldet, die ihre Raumtemperatur in der kommenden Heizperiode abgesenkt haben möchten. Bei Rainer Müldner hält sich die Zahl besorgter Anrufer noch in Grenzen, vermutlich weil "in diesen hochsommerlichen Tagen viele das Thema noch verdrängen".
Krisenstab bei den Stadtwerken
Das Energiesparen, betonen Rainer Müldner und Sebastian Merkle, sei aber nicht erst seit der Gaskrise ein Thema. "Wir haben schon immer unsere Mieter dahingehend informiert." Was im heißen Sommer 2022 bleibt, ist die Hoffnung bis zum Schluss, dass es nicht zum worst case komme, "wir können nicht mehr tun, als uns optimal vorzubereiten". Im Gespräch sind beide Geschäftsführer deshalb auch mit den Stadtwerken. Die SVS hat ebenfalls einen Krisenstab eingerichtet, der sich regelmäßig zu aktuellen Meldungen austauscht und Vorbereitungen trifft, wie Daniela Dietrich, SVS-Abteilung Marketing, erläutert. Es gebe auch Gespräche mit der Stadt zu vorbeugenden Maßnahmen (Verbrauchsreduzierung in städtischen Einrichtungen und Hallen). Zu den Preissteigerungen schreibt Dietrich: "Die Preise auf dem Gasmarkt steigen seit Monaten stetig an. Die Höhe der Preissteigerungen können wir derzeit nicht absehen. Wir werden aber weiterhin faire Preise anbieten."
Raumtemperatur
Wie warm müssen oder wie kühl dürfen Wohnräume sein? Dazu gibt es klare Vorgaben. Wohn- und Büroräume – auch Bad und Toilette – sollten in der Zeit von 6 bis 23 Uhr mindestens 20 °C Zimmertemperatur haben, sonstige Nebenräume von 6 bis 23 Uhr mindestens 18 °C; in der Zeit von 23 bis 6 Uhr sollten in allen Wohnräumen mindestens 18 °C gegeben sein.