Was verbindet die Ex-Miss-Tagesschau Judith Rakers und den Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl? Beide leben sie als Selbstversorger – sie im hohen Norden, er im Allgäu.
Manchmal braucht es im Leben einen kleinen Schubs, damit man seine Komfortzone verlässt und sich seinen Träumen stellt. Im Fall von Judith Rakers kam dieser von Wolf-Dieter Storl. Sie: bis vor wenigen Wochen das Gesicht der „Tagesschau“. Er: Ethnobotaniker und Autor. Ihr Zusammentreffen war Schicksal – oder eben auch nicht. Auf jeden Fall war der Selbstversorger mit dem langen grauen Haar zu Gast in ihrer Talkshow „3nach9“.
Tschüss Tagesschau
Sein Leben auf einem Bauernhof im Allgäu beeindruckte die Moderatorin so sehr, dass sie ihre Wohnung in Hamburg kündigte, sich ein Haus auf dem Land kaufte und sich beherzt dem Gemüse- und Obstanbau widmete. „Ist schon cool, wenn man so komplett autark ist und sich um das absolute Grundbedürfnis, das Essen, selbst kümmern kann“, beschreibt sie die Faszination, die das Leben von Wolf-Dieter Storl auf sie ausstrahlte. Zumal sie, wie die 48-Jährige in ihrem Buch „Homefarming – Selbstversorgung ohne grünen Daumen“ verrät, „zur Studentenzeit gerade mal zwei Zimmerpflanzen“ besessen habe. Der Rest ist Geschichte: Die Journalistin hängte ihren Job bei der „Tagesschau“ an den Nagel und machte ihr Hobby zum Beruf.
„Die Natur sucht sich ihren Weg“
Die Erfahrung von Judith Rakers: „Ob ihr einen großen Garten habt, eine kleine Ecke im Gemeinschaftsgarten oder nur einen Balkon: Ihr könnt loslegen und es mit dem Home-farming ausprobieren. Denn ihr müsst nicht erst riesige Hochbeete oder Äcker anlegen, wenn ihr es einfach mal testen wollt. Nehmt euch ein Glas, befüllt es mit Erde und legt einen Samen hinein. Stellt das Glas ins Tageslicht, haltet die Erde angenehm feucht, indem ihr alle zwei Tage vorsichtig gießt, und ihr werdet sehen: Es sprießt etwas. Die Natur sucht sich ihren Weg.“ Was hat es jetzt aber auf sich mit dem Mann, der für den Schubs bei Judith Rakers verantwortlich ist? Dr. phil. Wolf-Dieter Storl, geboren 1942, ist Kulturanthropologe und ernährt sich seit Jahrzehnten von dem, was in seinem Garten oder in der freien Natur wächst. Er setzt dabei auf Nachhaltigkeit, Naturnähe und Ganzheitlichkeit.
Jahresbedarf einer Familie
In seinem Buch „Mein Gartenwissen“ schreibt er: „Schon ein kleiner Familiengarten kann in Zeiten steigender Lebensmittelpreise eine wichtige Rolle spielen. Ebenso vorteilhaft ist es, die essbaren Wildpflanzen und Heilkräuter zu kennen. Mit einer 500 Quadratmeter großen Fläche und weniger als 250 Arbeitsstunden kann eine vierköpfige Familie ihren Jahresbedarf an Gemüse, Salat und Kartoffeln decken.“
Damit dies gelingen kann, hat er einige Tricks und Tipps parat. So wälzt er beispielsweise gestückelte Kartoffeln vor dem Einpflanzen in Holzasche, damit sie keinen Schimmel ansetzen. Er vertritt auch die Ansicht, dass Obstbäume in der Regel zu viel beschnitten werden. „Je mehr man schneidet, umso mehr Angst- und Geiltriebe – rasch wachsende, unfruchtbare Triebe – produziere der Baum“, zitiert Storl einen seinen Lehrer. „Ich beschneide Obstbäume kaum“, verrät er. Um die Wurzeln der jungen Bäumchen zu schützen, pflanzt er sie in spezielle Drahtkörbe.
Kuhfladen und Adlerfarn
Um Ungeziefer loszuwerden oder Pflanzen zu stärken, schwört der Profi auf Jauchen. Diese stellt er je nach Verwendungszweck aus Kuhfladen, Kohlblättern oder Adlerfarn her. Brennnesseljauche stärke die Abwehrkräfte gegen Blattläuse und Spinnmilben.
Methoden, um Schnecken zu bekämpfen, hat Storl gleich mehrere. Eine davon beschreibt er so: „Der alte Bergbauer Arthur Hermes kochte Fichtenzweige und -zapfen in einem großen Kessel. Die Brühe goss er dann mit der Gießkanne rund um den Garten. Schnecken, die von außen in den Garten eindringen wollen, werden durch diese Duftbarriere abgehalten, weil sie wohl meinen, sie kämen in einen Fichtenwald, wo es für sie wenig zu fressen gibt. Das schien zu funktionieren, musste aber öfter wiederholt werden.“
Bücher
„Der Traum vom Selbstversorger“,
Wolf-Dieter Storl, GU Verlag, 192 Seiten, 19,99 Euro.
„Homefarming – Selbstversorgung ohne grünen Daumen“,
Judith Rakers, GU Verlag, 242 Seiten, 24 Euro.