Nach ihrem Ausscheiden aus dem Gemeinderat wird Heidi Kuhring mehr Zeit für die sechs Hektar Land haben – und ihren Hund. Foto: Schneider

Heidi Kuhring saß fast 35 Jahre für die Grüne Alternative Liste im Sulzer Gemeinderat. Jetzt zieht sie ein Resümee über die Arbeit für Blühstreifen und Tempo 30-Zonen in der Stadt. Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung bereitet ihr allerdings auch Sorgen.

Heidi Kuhring blickt auf eine lange Zeit im Gemeinderat zurück. „Als ich das erste Mal gewählt wurde, gab es auf Kastell noch gar kein Wohngebiet“, erinnert sie sich.

 

34,5 Jahr sind es gewesen, die sie – teils alleine, am Ende aber sogar in Fraktionsstärke – für die Grüne Alternative Liste (GAL) in dem Gremium aktiv war. Sie habe eine stark politisierte Jugend in der Amnesty International- Gruppe von Sulz, aber auch der lokalen Friedensbewegung, gehabt.

Bagger gegen Hausbesetzer

So richtig los gegangen sei es dann mit einem alten Jugendstilhaus, dort, wo jetzt der Lidl an der Kreuzung steht. „Unsere Gruppe hat über eine Hausbesetzung nachgedacht“, erklärt Kuhring.

Doch bevor man zur Tat schreiten konnte, schuf die damalige Stadtverwaltung vollendete Tatsachen und rückte mit einem Bagger gegen die Fassade vor. „Da entschlossen wir, die Partei zu gründen“, sagt sie.

Tempo 30 in der Innenstadt

Das erste Mal habe sie 1980 kandidiert, kam jedoch erst 1990 als Nachrückerin für den Sulzer Lehrer Jürgen Grässlin ins Amt, der seinerseits nach Freiburg umsiedelte. „Ich war mit 26 Jahren das jüngste Mitglied“, beschreibt sie die Situation.

Die Arbeit in Sachen Nachhaltigkeit und Umwelt sieht sie als „viele kleine Bausteine“. So habe es unzählige Diskussionen über das Anlegen von Blühflächen gegeben. Auch Tempo 30 sei „ein uraltes Thema“ gewesen. „Freie Fahrt für freie Wähler“, erinnert sie sich an andere Positionen aus dem Gremium. Dass heute die 30er-Zone in der Innenstadt nicht mehr infrage gestellt wird, sei eine gute Sache.

Kulturgut Wasserschloss

Der Erhalt des Backsteinbaus, die Entwicklung der Neckarwiesen oder das Wasserschloss Glatt als Kulturort sind weitere Punkte, die Kuhring als wichtig für die Stadtentwicklung ansieht.

„Es gab Überlegungen, das Schloss an einen Investor zu verkaufen“, erklärt sie. Verfolge man jetzt, was Jahr für Jahr dort auf die Beine gestellt würde – undenkbar.

Jugendliche zerlegen Haus

Und sie erzählt eine Anekdote über das Jugendhaus. „Das war eigentlich eine Einrichtung für Asylbewerber, die bei Stuttgart stand“, erläutert sie.

Nachdem die Stadt das Gebäude gekauft hatte, sei man gemeinsam mit den Jugendlichen dorthin gefahren, um das Haus in seine Einzelteile zu zerlegen und nach Sulz zu bringen. „Deshalb schaut es auch aus wie eine Baracke.“

Wichtiger Branchenmix

Die Hälfte ihrer Amtszeit habe sich um das Regionale Gewerbegebiet gedreht. „Ich war schon immer gegen die Opferung der Mühlbachebene“, stellt die 60-Jährige ihre Position klar.

Auch hätte sie sich einen Branchenmix gewünscht. „Deshalb habe ich auch für das Interkommunale Gewerbegebiet gestimmt“, sagt sie. Hier seien verschiedene Unternehmen angesiedelt und wie im Rennsport solle man „auf mehrere Pferde“ setzen, veranschaulicht sie ihre Haltung.

„Nur jedem zu empfehlen“

Das Ehrenamt habe sie erfüllt und auch beruflich weitergebracht. „Man bekommt einen ganz neuen Blick auf die Verwaltung“, sagt Kuhring, die die Amtsleiterin für Jugend und Senioren in Oberndorf ist. „Ich kann es nur jedem empfehlen, der sich dafür interessiert“, wirbt sie für das kommunale Engagement.

Ihr habe es viel gebracht, sich in die Themen von Bauen bis Vereinsförderung einzuarbeiten. „Und der Stadt Sulz vielleicht auch ein bisschen“, meint sie schmunzelnd.

Arbeit wird nicht weniger

Der Entschluss, im Gemeinderat aufzuhören, habe mit den sechs Hektar zu tun, die sie gemeinsam mit ihrem Vater im Nebenerwerb bewirtschaftet. Auch ihre eigentliche Arbeit in Oberndorf werde ja nicht weniger.

„Ich werde mich in keinem zusätzlichen Verein engagieren“, hält Kuhring fest. Mit 60 Jahren sei es schließlich auch mal gut. Aber sie werde das kommunalpolitische Geschehen weiter interessiert beobachten – nur jetzt ohne sie als Akteurin.

„Angst, wie sich Gesellschaft entwickelt“

Sorge macht ihr eine Tendenz in der Gesellschaft. „Die Kommune ist der Kern unserer Demokratie“, macht sie deutlich. Doch wenn Parteien sich dort nicht inhaltlich mit Themen auseinandersetzten, sondern auf dieser Bühne nur ihr eigenes Weltbild hinausposaunten – „da sehe ich braun“, erklärt sie.

„Ich habe Angst, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt“, gibt Kuhring offen zu. So habe sich die Kandidatensuche als sehr schwierig gestaltet. „Viele wollen sich keinen Anfeindungen aussetzen“, beschreibt sie die Befürchtungen von Bürgern vor einer aggressiver werdenden Gesprächskultur.