Simone Maiberg und Friedrich Scholte-Reh begutachten das Stadtgärtchen. Foto: Silke Thiercy

Seit dem Frühjahr steht ein eigens gebautes Hochbeet im „Lesegarten“ zwischen Mediothek und Stadtkirche. Bewirtschaftet wird dieses Pilotprojekt vom Obst- und Gartenbauverein. Die erste Ernte ist gelungen – trotz Schnecken-Überfalls.

Kaum hat Simone Maiberg den Stahlrohr-Deckel geöffnet um zu schauen, wie es dem frisch gesetzten Spinat, dem Salat oder den Radieschen geht, stehen auch schon zwei Kinder neben ihr und wollen alles genau wissen. Die Hobby-Gärtnerin erklärt geduldig so lange, bis der Wissensdurst der Kids gestillt ist.

 

Maiberg ist eine von vielen Mitgliedern beim Balinger Obst- und Gartenbauverein (OGV), die sich um das Hochbeet kümmern, es vom Unkraut befreien, gießen und von Nacktschnecken befreien. Die waren über die Sperrfolie ins Beet gelangt. Für die Tiere offenbar das Schlaraffenland: „Die hatten ordentlich Hunger“, sagt Maiberg und lacht. Die erste Ernte vom zwei Quadratmeter großen Feld mitten in der Stadt gab es dennoch. Blumenkohl, Kohlrabi und anderes Gemüse wurden unter den Mitgliedern aufgeteilt.

Wie geht es den Pflanzen?

An diesem Nachmittag ist auch OGV-Chef Friedrich Scholte-Reh beim Stadtgärtchen. Er ist begeistert vom Pilotprojekt. „Es wurde auch noch gar nichts kaputt gemacht.“ Das Beet wurde im Frühjahr vom Bauhof aufgestellt. Als Testballon quasi: Wie kommt der Standort an? Wie geht es den Pflanzen?

Die selben Fragen stellt sich das Gärtnerteam auch für den Schulgarten der Sichelschule. Hier buddelt Landschaftsgärtnerin Susanne Waldkirch mit den Schülern. Und auch das mit Erfolg: Der Ertrag hat zwar nicht ganz gereicht, um die Eltern zu verköstigen und es musste zugekauft werden – aber die Kinder haben vom Samen bis zur fertigen Pflanze ihr eigenes Gemüse gezogen. „Ich habe an dem Tag übrigens zum ersten Mal im Leben Radieschensuppe gegessen“, sagt Scholte-Reh und lacht.

Es soll noch mehr Hochbeete geben

Was im Kleinen gut funktioniert, soll im kommenden Jahr weiter ausgebaut werden. Die AOK ist mit Ernährungsberaterin Ute Streicher an Bord, die Mitarbeiter der Mediothek greifen schon mal zur Gießkanne, die Stadt Balingen stellt das Wasser zur Verfügung.

Die Idee: noch mehr Hochbeete im Stadtgebiet bauen. „Dazu braucht es aber ein plausibles Programm und noch mehr Resonanz“, meint der OGV-Vorsitzende. Die allerdings scheint da zu sein – 14 Personen, die sich vor Ort bei den Gärtnern erkundigt hatten, sind als Neumitglieder registriert.

Ein Gemeinschaftsgarten entsteht

Möglicher Weise auch, weil der OGV den Fokus stärker auf das „G“ wie Garten im Namen legt. „Baumschnittkurse gibt es bei anderen OGVs ja schon reichlich.“

Zum neuen Ideen-Paket zählt auch ein Gemeinschaftsgarten, der von den Mitgliedern bewirtschaftet wird. „Spatenstich“ soll im Frühjahr sein.

Einen Platz hat der Verein in Ostdorf gefunden. Christopher Seng besitzt hinter dem Friedhof eine Streuobst-Wiese, die der OGV für dieses Projekt nutzen darf. „Derzeit ist das Areal mit Folien abgedeckt, damit das Gras über den Winter hinweg erstickt.“ Sechs bis sieben Parzellen sollen dann ab dem Frühling beackert werden. Den Ertrag teilen sich die Gärtner.

„Gärtner kann man auch auf kleinstem Raum“

Scholte-Reh und seine Mitstreiter wolle die Balinger für das Thema „regionales Gemüse und Selbstversorgung“ sensibilisieren. „Gärtnern kann man auch auf kleinstem Raum“, sagt er und spricht damit den „Genießergarten“ an, der vor Corona in Weilstetten angelegt wurde. „Wo Beete und Beerensträucher sind, entfällt das leidige Rasenmähen“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Aktuell hat der Verein rund 200 Mitglieder, der Altersdurchschnitt liegt bei 52 Jahren. „Wir sind deutlich jünger geworden“, zeigt Scholte-Reh sich erfreut. Als er den Vorsitz übernommen hatte, lag das Durchschnittsalter der Gärtner bei 70 Jahren.