Mit guten Wünschen zum Abitur: Die Verlängerung des Schulversuchs soll dafür sorgen, dass die Schüler auch weiterhin neun Jahre Zeit haben. Foto: Mutschler

Seit fast 20 Jahren ist das achtjährige Gymnasium die Regel in Baden-Württemberg. Eine von 43 Ausnahmen bildet das Wildbader Enztalgymnasium. Hier gibt es das Abitur nach neun Jahren. Und das soll auch so bleiben.

Bad Wildbad - Zum Schuljahr 2004/2005 wurde in Baden-Württemberg das achtjährige Gymnasium (G8) eingeführt. Statt der bis dahin üblichen neun Jahre, machen die Gymnasiasten seither nach der zwölften Klasse und somit in acht Jahren das Abitur. Seit dieser Einführung durch die damalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) gibt es Streit um diese Reform. Im Schuljahr 2012/2013 führte die neue grün-rote Landesregierung den sogenannten Schulversuch ein, bei dem 44 Gymnasien im ganzen Land, also im Prinzip eines pro Landkreis, wieder das G9 anbieten konnten. Im Kreis Calw erhielt das Enztalgymnasium den Zuschlag und startete im Schuljahr 2013/2014 wieder mit dem G9. Das führte unter anderem zu dem Kuriosum, dass 2021 am Enztalgymnasium kein Abitur geschrieben wurde. Denn 2020 machten die letzten G8-Schüler ihren Abschluss in der zwölften Klasse, der nächste Jahrgang war dann erst nach seiner 13. in diesem Jahr dran.

Als pädagogische Begründung, warum sich das Enztal-Gymnasium für G9 entschieden hat, nennt die Schule auf ihrer Internetseite: "Schulgemeinschaft und Schulträger sehen in der Teilnahme am Schulversuch ›Zwei Geschwindigkeiten zum Abitur‹ eine Chance, vor Ort ein Bildungsangebot einzurichten, das sich stärker an den individuellen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler des Einzugsgebiets orientiert."

Schulversuch läuft 2025 aus

Der Schulversuch lief zunächst sieben Jahre (bis zum Schuljahr 2019/2020), wurde aber bis zum Schuljahr 2025 verlängert. Da dieses Datum langsam aber sicher näher rückt, stellte sich für Schulleiter Andreas Enderle, aber auch für die Stadt Bad Wildbad als Schulträger die Frage, wie es weitergehen soll.

Von Seiten der Schule war klar, dass man dieses Modell gerne fortführen würde. "Auch wenn es nach wie vor als Modell oder Versuch bezeichnet wird, hat es sich sehr bewährt", sagt Enderle. Man habe hohe Schülerzahlen – 640 im laufenden Schuljahr, davon 96 in den fünften Klassen – und eine hohe Nachfrage, auch aus der weiteren Region. "Das spricht dafür, verlängern zu wollen", so der Schulleiter weiter.

Modell "sehr bewährt"

Doch wie geht es weiter? "Noch vor den Sommerferien konnte das Ministerium noch keine Auskunft geben", so Enderle. Im September kam dann die Entscheidung, dass der Schulversuch ein weiteres Mal verlängert werden kann – somit können bis zum Schuljahr 2028/2029 neue Fünfklässler im neunjährigen Gymnasium aufgenommen werden –, wenn Schule und Schulträger das wollen. Das ist von Seiten der Schule aber wohl eindeutig. Zwar muss die Schulkonferenz noch zustimmen, die Gesamtlehrerkonferenz sprach sich aber bereits einstimmig für die Verlängerung des G9 aus. Auch Hamburg und das Saarland seien jetzt "umgekippt auf G9", sagt Enderle, der auch darauf hofft, "dass das wieder die Regelschule wird".

Auch bei der Stadtverwaltung ist die Haltung eindeutig: "Jetzt bietet sich die Möglichkeit, die Modellschule, die sich ja sehr bewährt hat, um weitere vier Jahre zu verlängern", sagte Bürgermeister Marco Gauger in der Sitzung des zuständigen Gemeinderatsausschusses für Verwaltung, Soziales und Tourismus.

Zum Scheitern verurteilt

Zustimmung kam auch aus den Reihen der anwesenden Stadträte. Das G8 sei "von vornherein zum Scheitern verurteilt" gewesen, kommentierte Jürgen Schrumpf (SPD) die Thematik und redete sich fast in Rage: "Das ist für die Schüler ein Desaster. Man nimmt den Kindern ihre Kindheit", wenn man den Stoff in acht Jahren "durchpeitsche", für den vorher neun Jahre vorgesehen gewesen seien. Er teile den Wunsch, wieder auf G9 zurückzugehen. Besonders Vereine und Institutionen seien auf Nachwuchs angewiesen. Der fehle aber oft, wenn die Jugendlichen vor lauter Schule keine Zeit mehr für andere Dinge hätten. Er äußerte die Sorge, ob man genügend Fachpersonal habe, das G9 mache aber "absolut Sinn im Sinne der Kinder".

Als rein formalen Beschluss sah Rita Locher, Vorsitzende der FWV/FDP-Fraktion die Zustimmung des Gemeinderates. Sie will das "Erfolgsmodell gerne weiterführen".

Auch wenn sie grundsätzlich ebenfalls für das G9 sei, stellte Beate Kunz fest, dass auch das G9 manche Freiräume nicht mehr zulasse. Zudem sei es ein Privileg, dass wir alle Schularten in der Stadt haben, sogar ein SBBZ" (Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum), so Kunz weiter. So biete Bad Wildbad als attraktive Kinderstadt Lösungen für jede Schulart. Nun müsse man die Schulen zielstrebig weiter sanieren, "dass sie auch von außen attraktiv werden".

Klarer Standortvorteil

Auch Enderle sieht in dem schulischen Angebot mit Werkrealschule, Realschule und Gymnasium in der Stadt einen "klaren Standortvorteil". Es biete sich auch eine gute Durchlässigkeit zwischen den Schulen, "die Notwendigkeit für eine Gemeinschaftsschule besteht hier bei uns nicht", so der Schulleiter weiter.

So einmütig wie in den Anmerkungen stimmten die Stadträte dann auch ab: Einstimmig beschlossen sie, die Verwaltung zu ermächtigen, einen Antrag zur Verlängerung des Schulversuchs "Zwei Geschwindigkeiten zum Abitur an den allgemeinbildenden Gymnasien" für weitere vier Jahre zu stellen.