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G8 und G9 Ein Doppeljahrgang, zwei Schicksale

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Stuttgart - Eine kleine Ledertasche lässig um die Schulter gehängt, wirkt Manuela Aust, blonde Haare, blaue Augen, offenes Jeanshemd, wie eine, die ziemlich zufrieden ist mit dem, was sie bis jetzt erreicht hat. Ihr Abitur hat die Studentin 2012 an einem Wirtschaftsgymnasium abgelegt. Sie vertritt damit den Weg, den die baden-württembergische Bildungspolitik als große Chance propagiert: das durchlässige Bildungssystem. Es war in dem Jahr, als der erste und einzige Doppeljahrgang die Reifeprüfung abgelegt hat.

Schon vor den Prüfungen an der Johann-Philipp-Palm-Schule in Schorndorf ist sie mit der doppelten Masse an Abiturienten im Land so umgegangen wie mit der Ledertasche, die an ihrer Schulter baumelt: lässig und sorglos. „Uns wurde immer gesagt: Die G8er sind besser als ihr, aber uns war das egal“, erinnert sich Aust. Und obwohl auf einen Schlag plötzlich die Studien- und Ausbildungsplätze mit einem weiteren Jahrgang geteilt werden mussten, ist die heute 25-Jährige froh über die neun Jahre Schulzeit, die sie erleben durfte.

Studium statt Selbstfindung in der Ferne

Wie aber hat sich diese Erfahrung auf ihre eigene Lebensplanung ausgewirkt? Fünf Jahre nach der letzten Schulklausur lautet die Bilanz: Alles entspannt gelaufen. Die stressfreie Selbstfindung, sagt Aust, hat sie der entspannten Schulzeit zu verdanken. Wenn die junge Studentin von ihrer Schulzeit spricht, gibt es da viel Freizeit, einen Nebenjob und den Raum, die eigene Jugend voll auszukosten.

„Während dem Abi hat sich mein Wunsch für die Zukunft komplett geändert“, erinnert sich Aust. Weil sie damals von einer Karriere im Hotelmanagement träumt und mit ihrer Familie von Berlin nach Schorndorf zieht, bewirbt sich die Schülerin um einen Platz am Wirtschaftsgymnasium. Erst während der Oberstufe beginnt sie neben der Schule im Hotel zu arbeiten und merkt schnell: Das Gastronomiegewerbe ist gar nicht so ihr Ding. Ein neuer Zukunftsplan muss her, am besten etwas mit Kindern, erzählt sie.

Nach dem Abitur in Schorndorf ist der Zukunftswunsch endlich klarer. Die Schwäbin, die eigentlich in Berlin aufgewachsen ist, entscheidet sich gegen einen Selbstfindungstrip in der Ferne und für ein Lehramtsstudium in Tübingen. Dort trifft die junge Studentin Altbekannte und Konkurrenten zugleich: Auch viele der G8er drängt es unmittelbar nach dem Abi an die Universitäten, ihnen steckt noch immer der Leistungsdruck im Kopf, der dazu anspornt, einfach weiter zu rennen.

Die G8ler in Australien

Und wieder sind die Jüngeren scheinbar besser: Englisch sprechen sie betont akzentfrei und fließend – schließlich haben sie ihre Sprachkenntnisse innerhalb von drei Monaten mit einem Auslandsaufenthalt zwischen Abitur und Studienbeginn aufgebessert. Aber auch bei Manuela Aust wächst der Drang, doch ins Ausland zu gehen – am Ende wagt die Studentin im zehnten Semester die Reise nach Australien.

Als Au-pair hat sie dort trotz Kinderbetreuung viel Freizeit und trifft wieder auf G8er: Die hat es direkt nach dem Abi in die Welt verschlagen, aber zum ersten Mal fühlt sich Manuela Aust den deutlich Jüngeren überlegen. „Die hatten nicht viel Lebenserfahrung und konnten das gar nicht richtig begreifen“, sagt sie und lächelt in sich hinein. Für sie war die verspätete Auszeit ein Herzenswunsch, den sie trotz Bedenken aus dem Freundeskreis und der eigenen Familie verwirklicht hat.

„Meine Eltern haben immer gesagt: Du bist schon 25 und musst bald mal fertig werden, du studierst schon über fünf Jahre“, sagt Aust. Davon hat sich die Studentin nicht beeindrucken lassen. Sie weiß: „Ich bin nur einmal jung und habe nur jetzt Zeit, mein Leben zu genießen.“

Glückliche Berufswahl

Aust hat ihren eigenen Weg in der Heimat gefunden, die voreilige Auszeit in der Fremde, sagt sie, verschiebe nur die Entscheidungsfindung . Die angehende Lehrerin ist mit ihrer Berufswahl glücklich. Von G8 hält sie nicht viel. Das Abitur mit 17 überfordere viele, glaubt sie. „Man darf in diesem Alter nicht mal wählen gehen, soll aber über die eigene Zukunft entscheiden“, sagt sie. Durch den Vergleich von G8 mit ihrer Schulzeit ist der Studentin klar geworden: „Mit 17 wusste ich nicht, was ich später machen will. In der elften Klasse wusste das bei uns eigentlich niemand.“

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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