Der Ruf des Geldes ist laut: Zahlreiche prominente Fußballprofis sind in diesem Sommer nach Saudi-Arabien gewechselt, dazu der noch junge Trainer Matthias Jaissle. Welche Folgen hat dieser Trend?
Das Wetter und die Platzverhältnisse waren schuld daran, dass man beim 1. FC Heidenheim alles andere als zufrieden war mit dem Testspiel im Trainingslager in Österreich – aber nicht nur. „Insbesondere die Qualität des Gegners war nicht das, was wir als Herausforderung im Trainingslager brauchen“, sagte Frank Schmidt, der Trainer des Aufsteigers in die Fußball-Bundesliga.
Nun hatte der FCH allerdings nicht gegen eine Kreisligaauswahl 6:2 gewonnen, sondern gegen ein Team, das zuletzt ordentlich Aufsehen erregt hat. Nicht auf den Rasenplätzen – sondern auf dem Transfermarkt.
Der Al-Ahli SFC aus Saudi-Arabien hatte in diesem Sommer bisher vier namhafte Profis aus der englischen Premier League geholt und setzte dann noch einen drauf. Als Matthias Jaissle Knall auf Fall Red Bull Salzburg verließ, um sich ein mehr als üppiges Gehalt in Saudi-Arabien zu sichern.
Was den Fall des 35-Jährigen so besonders macht: Jaissle, einst in der Jugend des VfB Stuttgart und bei der TSG Hoffenheim aktiv, ist kein Spieler kurz vor dem Rentenalter. Sondern ein aufstrebender Trainer, dem demnächst in ganz Europa die Türen offen gestanden hätten. „Sein Wechsel hat noch einmal eine andere Wirkung“, sagt dazu Michael Reschke – und gibt zu: „Da musste auch ich ein- oder zweimal schlucken.“
Sebastian Kehl wittert eine große Gefahr
Nun ist der langjährige Kaderplaner bei Bayer Leverkusen und dem FC Bayern keiner, dem die Gesetze der Branche fremd sind. Und Clubs aus fernen Ländern, die mit Millionen alternde Stars locken, gab es immer wieder – zuletzt war das China. „Das Thema hatte sich dann schnell wieder erledigt“, sagt Reschke. Der Saudi-Deal mit dem jungen Coach hat ihn dennoch aufhorchen lassen. „Das könnte nämlich ein Signal sein, dass die Clubs in Saudi-Arabien nun nicht mehr nur schillernde Diamanten verpflichten, sondern die Sache strukturell angehen“, schlussfolgert der frühere Sportvorstand des VfB Stuttgart. Was das bedeutet? Darüber gibt es unterschiedliche Meinungen.
„Es gehen ja inzwischen nicht mehr nur Altstars dorthin, sondern auch jüngere Spieler. Wenn sich das so fortsetzt, entwickelt sich der Fußball in eine Richtung, die ihm ganz sicher großen Schaden zufügen wird“, sagt etwa Sebastian Kehl, der Sportchef von Borussia Dortmund, im „Kicker“. Michael Reschke sieht zwar nicht ganz so schwarz und erklärt: „Die Bundesliga wird wegen Saudi-Arabien definitiv nicht ausbluten.“
Doch es ist, wie Kehl sagt: Der Wüstenstaat ist kein fußballerisches AH-Modell mehr. Geködert werden nun auch jüngere Spieler nicht mit sportlichen Perspektiven, sondern mit der Aussicht auf Verträge, die so lukrativ sind, dass die Fußballer teils ganze Generationen ihrer Familie absichern können. Zuletzt sollen Kylian Mbappé sogar 700 Millionen Euro pro Jahr (plus 300 Millionen Euro Ablöse) geboten worden sein.
Der Franzose von Paris St. Germain lehnte ab, doch die Zahl der Kicker, die dem Ruf der Saudis erliegen, ist groß in diesem Transfersommer. Neben dem Al-Ahli SFC haben vor allem vier weitere Clubs der Saudi Pro League Spieler aus Europas Topligen verpflichtet – und neben dem Gehalt teils auch ordentliche Ablösesummen bezahlt.
Mega-Angebot für Kylian Mbappé?
Der Al-Hilal SFC hat sich dabei an die Spitze der Bewegung gesetzt, insgesamt kommen die Clubs der saudischen Liga aktuell auf ein Transferminus von fast 350 Millionen Euro (die Bundesliga kommt derzeit auf ein Plus von 105 Millionen Euro). Und das Transferfenster ist ja noch bis Anfang September geöffnet. Sadio Mané vom FC Bayern ist wohl der nächste Superstar, der nach Saudi-Arabien geht, beim Al-Nassr FC wäre er dann Mitspieler von Cristiano Ronaldo, der Anfang des Jahres die Tür gen Osten aufgestoßen hat.
„Diese Summen, die speziell in Saudi-Arabien gezahlt werden, zu erklären, ist schlicht nicht möglich. Sie verändern den Markt und machen es uns noch schwerer“, sagt Kehl zu den etwaigen Auswirkungen auf den hiesigen Fußballmarkt. Reschke dagegen ermutigt die deutschen Clubs, sich „darauf zu konzentrieren, aus möglichen Transfererlösen aus dieser Richtung etwas Positives zu gestalten“. Dann sei „das kein Schreckensszenario. Es geht darum, kluge Verträge abzuschließen, damit man dann wirtschaftlich von diesem neuen Player mit großer Finanzkraft profitiert“.
Mit der nach Gewinnmaximierung strebenden Branche hat sich so mancher Fußballfan abgefunden. Doch haben die Engagements in Saudi-Arabien eine weitere weltanschauliche und gesellschaftspolitische Komponente wie im vergangenen Jahr die umstrittene WM in Katar. Erst jüngst wurde deshalb Jordan Henderson heftig für seinen Wechsel zum Al-Ettifaq FC kritisiert. Der bisherige Spielführer des FC Liverpool trat oft mit Regenbogen-Kapitänsbinde an und galt als Fürsprecher der queeren Community. Diese bisherige „Marke“ Henderson sei nun „tot“, twitterte nun der deutsche Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger.
Karriereknick durch Saudi-Gastspiel?
Auch derartige Fragen müssen sich nun also einige Stars gefallen lassen, die zuvörderst des Geldes wegen nach Saudi-Arabien gewechselt sind. Und jene, was dieser Schritt für ihre sportliche Entwicklung heißen kann – sofern sie die Pro League nicht als letzte Station sehen. Das gilt auch für Matthias Jaissle. „Er ist ein außergewöhnliches Trainertalent, sein Weg in die Bundesliga, vielleicht sogar in die Premier League, war vorgezeichnet“, sagt Michael Reschke. „Dass er nun als junger Trainer nach Saudi-Arabien geht, könnte auch einen Karriereknick bedeuten.“ Doch sei es „zu früh“, um das final beurteilen zu können. Zudem sei „das Geschäft ja sehr schnelllebig“.
Das gilt auch für den 1. FC Heidenheim. Schon an diesem Dienstag steht das nächste Testspiel an – gegen den zypriotischen Erstligisten Pafos FC. „Ich hoffe“, sagt Frank Schmidt, „das wird ein besserer Test“ – als jener gegen die hoch bezahlten Stars aus Saudi-Arabien.