Mütter im Leistungssport sind noch immer die Ausnahmen – vor allem im Profifußball. Im WM-Kader der deutschen Fußballfrauen sorgt die 29-jährige Melanie Leupolz für ein Novum: Sie fliegt mit Sohn und Kinderwagen nach Australien.
Melanie Leupolz gehörte zu den Überpünktlichen, die sich am Dienstagabend bei der Abreise der deutschen Fußballerinnen am Emirates-Schalter am Terminal 2 des Frankfurter Flughafens einfanden. Das Einchecken mit Kinderwagen erforderte ein bisschen mehr Vorlauf. Nebenbei umging die Mittelfeldspielerin vom FC Chelsea, dass Fotografen und Kameras ihren nicht mal einjährigen Sohn ablichteten, der sich als das mit Abstand jüngste Mitglied der 70-köpfigen Delegation zur Frauen-WM nach Australien und Neuseeland (20. Juli bis 20. August) begeben hat.
Es hat neun Endrunden gebraucht, bis erstmals eine deutsche Nationalspielerin mit ihrem Nachwuchs eine Weltmeisterschaft bestreitet. Und dann gleich eine so weite Reise mit Umstieg in Dubai und rund 20 Stunden Flugzeit: Erst am Donnerstagmorgen wird das Quartier im 4500-Einwohner-Örtchen Wyong fast 100 Kilometer nördlich von Sydney bezogen. Dabei ist extra eine Babysitterin mitgekommen, die offiziell vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) bezahlt wird. „Es ist wunderschön, dass ich beide Bereiche auch vereinen kann, dass ich mich nicht entscheiden muss: Kind oder Fußball, sondern dass ich auch die Unterstützung habe, dass ich beides leben kann“, sagte Leupolz beim Medientag.
Die Bundestrainerin war in den 90er Jahren die deutsche Pionierin
Wie sehr die 29-Jährige den Umstand betonte, zeigte in Herzogenaurach nur, wie rückständig insbesondere der männlich geprägte Fußballsport in dieser Hinsicht noch ist. 2017 hatte die Spielervertretung Fifpro veröffentlicht, dass fast die Hälfte ihre Karriere für einen Kinderwunsch beendet. Nur etwa zwei Prozent der Spielerinnen seien Mütter. Ein anachronistischer Ist-Zustand.
Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hatte in den 90er Jahren als deutsche Pionierin nach der Geburt ihrer Tochter Dina auf jedwede Unterstützung durch den DFB verzichten müssen. „Das ist ein Riesenmehrwert für uns Frauen. Ich weiß noch, wie es ist, Turniere zu spielen – und das Kind nicht dabeizuhaben“, sagte sie nun vor dem Abflug nach Sydney. Sie setzt auf einen Nachahmer-Effekt: „Ich hoffe, da kommen noch ein paar dazu.“ Dann habe man bald „ganz viele große und kleine Kinder“ beisammen, scherzte die 55-Jährige, die inzwischen schon Oma geworden ist.
Leupolz weiß um ihre Vorbildrolle: „Es muss Spielerinnen geben, die zeigen, dass es möglich ist. Dann können es sich andere vorstellen.“ Ihr Comeback nennt die vor drei Jahren vom FC Bayern nach England gewechselte Profifußballerin, die den Namen des Vaters strikt geheim hält, „ein cooles Signal“. Nationalspielerinnen wie Lira Alushi oder die inzwischen beim DFB als Vizepräsidentin und EM-Botschafterin tätige Celia Sasic haben 2015 ihre Karriere noch beendet, ehe sie Kinder bekamen.
Der Weltverband hat erst 2021 Bestimmungen zum Mutterschutz eingeführt
Es dauerte bis in den vergangenen Sommer, ehe die Torhüterin Almuth Schult ein Zeichen setzte. Sie nahm ihre Zwillinge mit zur EM nach England – oft betreut von ihrer Schwester. Letztlich erwiesen sich Schults Sprösslinge als bereichernder Faktor im Westen von London. Daran erinnerte sich auch Kapitänin Alexandra Popp: „Das hat uns extrem gutgetan. Tatsächlich glaube ich, das ist ein super Weg, den wir da einschlagen. Man sieht die Kids und fängt an zu grinsen und zu lächeln.“ Die 32-Jährige gehörte zu jenen, die darin eine Inspiration sehen: Popp kann sich selbst gut vorstellen, Mutter zu werden, wie es aus ihrem Umfeld heißt, obwohl die Wortführerin ihr Privatleben ansonsten zur Verschlusssache erklärt.
Der Weltverband Fifa hat erst Anfang 2021 Bestimmungen zum Mutterschutz in sein Regelwerk aufgenommen: 14 Wochen lang wird Spielerinnen ein Mutterschaftsurlaub garantiert, währenddessen sie zwei Drittel ihres Gehalts bezahlt bekommen müssen. Die Clubs werden zudem verpflichtet, sie nach ihrer Rückkehr wieder einzugliedern und für eine „angemessene medizinische und physische Betreuung zu sorgen“. Die Europäische Fußball-Union (Uefa) zog in derselben Saison nach, passte die Regularien an, dass während einer Saison auf schwangere, in den Mutterschutz gehende oder zurückkehrende Fußballerinnen reagiert werden kann. Selbstverständlichkeiten werden erst geregelt, seitdem der Frauenfußball für Fifa, Uefa und DFB in seiner (wirtschaftlichen) Bedeutung wächst.
Bei den Gruppenspielen bleibt der Sohn im Quartier
Leupolz freut sich, dass generell die (finanzielle) Absicherung durch die Vereine und Verbände bei dieser Thematik eine andere sei als früher. In erster Linie möchte die 78-fache Nationalspielerin aufgrund ihres sportlichen Werts wahrgenommen werden. Wenn die DFB-Frauen für die Gruppenspiele gegen Marokko in Melbourne (24. Juli), Kolumbien in Sydney (30. Juli) und Südkorea in Brisbane (3. August) jeweils für eine Nacht im Fifa-Hotel übernachten müssen, will Leupolz ihr Kind im Quartier lassen: „Ich versuche, die beiden Bereiche so gut wie möglich zu trennen.“
Eine sportliche Führungsrolle wie vor der WM 2019 in Frankreich muss sich die Mittelfeldspielerin erst wieder erarbeiten. Vor vier Jahren spielte die bodenständige Allgäuerin sogar eine Hauptrolle in einem provokanten TV-Werbespot, in dem Alexandra Popp tatsächlich fragte: „Weißt du eigentlich, wie ich heiße? Wir spielen für eine Nation, die unseren Namen nicht kennt.“ Damals waren rotzfreche Sprüche nötig („Wir brauchen keine Eier, wir haben Pferdeschwänze!“), um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Melanie Leupolz hielt übrigens acht lackierte Fingernägel in die Kamera, um die acht gewonnenen EM-Titel zu illustrieren.
Leupolz stand nur drei Monate später wieder auf dem Platz
Jetzt hat sie das Pech, dass sie für diese WM in den am besten besetzen Mannschaftsteil drängt. Im Mittelfeld besitzen Lena Oberdorf, Lina Magull und Sara Däbritz (noch) einen EM-Bonus, als Nächste dringt Sydney Lohmann auf mehr Spielzeit. Leupolz, Europameisterin von 2013 und Olympiasiegerin von 2016, beteuert: „Ich fühle mich frisch und fit. Physisch habe ich keine Probleme.“ Intern schwärmen die Experten von ihren Fitness- und Ausdauerwerten.
Dass sie nach der Geburt im Oktober 2022 nur drei Monate später in London wieder auf dem Platz stehen würde, hatte sie selbst nicht erwartet: „Ich dachte, der Körper macht ein bisschen mehr Probleme.“ Chelsea-Trainerin Emma Hayes ist sie dankbar: „Sie ist selbst Mutter. Sie hat meinen Vertrag zu besseren Konditionen verlängert. Sie weiß, was wichtig ist und was man braucht, um Familie und Profifußball zu vereinen.“
Bei der vergangenen EM standen in Islands Kader fünf Mütter
Was die Integration von Müttern angeht, gelten die USA oder die nordischen Länder als beispielhaft. Die mit dem Fußballer Servando Carrasco verheiratete US-Ikone Alex Morgan ist nach der Geburt der gemeinsamen Tochter im Mai 2020 wie selbstverständlich wieder aktiv und strebt bei dem Turnier den dritten Titel in Folge an. Dass um die Mutterrolle der 34-Jährigen gar nicht viel Aufhebens gemacht wird, liegt daran, dass es beim Rekordweltmeister fast zum Alltag gehört. Bei der vergangenen EM erregte Island Aufsehen. Gleich fünf Mamas aus dem Nordmeer waren am Start: Sara Björk Gunnarsdóttir, Dagný Brynjarsdóttir, Sif Atladóttir, Elísa Vidarsdóttir und Torhüterin Sandra Sigurdardóttir. Als deren Sprachrohr fungierte die früher für den VfL Wolfsburg spielende Gunnarsdóttir, die im Herbst 2021 einen Sohn zur Welt gebracht hatte. „Es ist schwierig – das Schwierigste, was ich je gemacht habe“, sagte Gunnarsdóttir der BBC: „Gleichzeitig liebe ich es. Es ist das tollste Gefühl der Welt.“