Foto: Marc Eich Foto: Schwarzwälder Bote

Marcel Yahyaijan wünscht sich einheitliche Lösung für Fußball in Deutschland. Gespenstische Stimmung im Friedengrund.

"Das ist das perfekte Fußball-Wetter." Am liebsten würde Marcel Yahyaijan schnell den Ball aus dem Keller holen und wieder loslegen. Doch es steht in den Sternen, wann auch in Südbaden wieder gekickt wird. Der Landesliga-Coach und Sportdirektor des FC 08 Villingen wünscht sich auf jeden Fall "eine einheitliche Lösung" für die Fortführung des Fußballs in Deutschland. Ob er dann schon sein zukünftiges Amt als Trainer der Oberliga-Mannschaft angetreten haben wird, ist ebenfalls offen.

Herr Yahyaijan, am Samstag hätte eigentlich Ihre U23 gegen den Hegauer FV im heimischen Frieden- grund antreten müssen. Wann waren Sie das letzte Mal in der MS Technologie-Arena?

Das kann ich gar nicht so genau beantworten. Seit der Corona-Pause war ich natürlich sehr selten und wenn dann nur kurz am Stadion, um vielleicht mal etwas abzuholen. Das letzte Mal auf dem Trainingsplatz war ich aber am 11. März.

Was für ein Gefühl ist es, im weiten Rund des Stadions praktisch unter sich zu sein?

Aktuell ist es schon etwas gespenstisch im Friedengrund. Die Stadt hat die Sportanlagen gesperrt, die Vereine halten sich daran. Sogar "Felge" (Werner Felgenhauer, Anm. d. Red.), unser langjähriger Betreuer, den man ansonsten nahezu immer im Stadion antrifft, ist aktuell nicht da.

Halten es denn Ihre Spieler noch ohne Fußball aus?

Man verspürt natürlich die Sehnsucht nach dem Fußball bei den Spielern, aber auch bei den Gesprächen mit meinen Trainerkollegen. Es wird über die verschiedensten Szenarien philosophiert. Jeder wartet darauf, dass eine Entscheidung getroffen wird, wann – aber auch wie – es schlussendlich weitergehen wird.

Wie halten Sie Kontakt, gibt es spezielle "Hausaufgaben" für Ihre Schützlinge?

Wir haben ihnen Trainingspläne zur Verfügung gestellt. Über einen Bekannten von mir können die Spieler auch an einem täglichen Online-Workout teilnehmen. Aber durch die Unklarheit, wann es weitergeht, fällt es uns Trainern und auch den Spielern schwer, den Fitness-Zustand so zu steuern, dass sie am Tag X einigermaßen bereit sind. Außerdem halte ich engen telefonischen Kontakt mit allen Spielern.

Ihre Elf hat nach 17 Spielen sieben Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten F.A.L., dazu ein Spiel weniger absolviert. Es wäre doch ein harter Schlag, wenn am Ende die Runde 2019/20 nicht gewertet würde. Oder?

Wir haben bisher 14 von 17 Spielen gewonnen, diese Leistung ist wirklich beeindruckend und war nur durch unsere sehr gute Arbeit im Vorfeld möglich. Die Jungs haben sich den Aufstieg verdient, denn ich bin mir sicher, dass uns – bei einem normalen Verlauf – kein Team mehr hätte einholen können. Bedenkt man noch, dass einige der Spieler gemeinsam mit mir in den vergangenen beiden Runden unglücklich in der Relegation gescheitert sind, dann wäre es definitiv ein harter Schlag.

Wie wichtig wäre für den FC 08 der Aufstieg der Reserve in die Verbandsliga?

Unabhängig von der Wichtigkeit für den Verein hätten die Spieler den Sprung in die Verbandsliga einfach sportlich verdient. Wir sehen unsere U23-Mannschaft aber als Strategie- oder Entwicklungsteam an. In diesem Zusammenhang spielt die Ligazugehörigkeit eine untergeordnete Rolle. Aus sportlicher Sicht ist die Verbandsliga sicherlich anspruchsvoller. Individuelle Fehler werden dort schneller bestraft, aber auch die Landesliga ist sinnvoll für die Entwicklung junger Spieler. Dort hat man den permanenten Druck, jedes Spiel gewinnen zu müssen. Man muss zudem gegen die defensiv eingestellten Gegner Lösungsmöglichkeiten finden. Man muss somit permanent agieren und kreativ sein, was ein wichtiger Entwicklungsschritt ist. Auch für mich als Trainer waren die Jahre in der Landesliga sehr lehrreich.

Es werden derzeit viele Szenarien diskutiert, wann – und ob – die Runden fortgesetzt werden. In Bayern wurde die Saison 2019/20 der Amateurfußballer bis zum 31. August ausgesetzt, andere bringen einen Abbruch der Runde ins Gespräch. Was wäre Ihrer Meinung nach die beste Lösung?

Für mich persönlich ist ein einheitlicher und vom DFB bestimmter Abbruch die einzige sinnige Lösung, um eine einigermaßen normale Saison 2020/21 spielen zu können. Wie die Saison 2019/20 dann gewertet wird, ist wirklich schwer zu entscheiden. Jedoch muss die bisher erbrachte sportliche Leistung bewertet werden. Eine Option wäre für mich, dass ein Aufsteiger bestimmt wird, keine Mannschaft absteigt und in der kommenden Saison die oberen Ligen aufgestockt werden. So würden man auch die Anzahl der gefürchteten Klagen minimieren können.

Sie wünschen sich also, dass eine einheitliche Entscheidung für den gesamten deutschen Fußball getroffen wird. Sollten die anderen Landesverbände dem bayerischen Vorbild folgen, dann würde dies bedeuten, dass die aktuelle Saison bis mindestens zum Ende des Jahres 2020 dauern wird. Wäre dies für Sie eine Option?

Nein. Dies ist keine sinnvolle Option für mich.

Die große Frage wäre natürlich, auf welcher Trainerbank Sie bei einer eventuellen Fortsetzung der Runden im September sitzen, also ob Sie die Landesliga-U23-Mannschaft oder die Oberliga-Elf betreuen. Haben Sie darauf schon eine Antwort?

Da ich von einem Abbruch der Saison ausgehe, habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht.

Sicher ist, dass es einen personellen Umbruch geben wird. Mit Tobias Weißhaar und Benedikt Haibt verlassen zwei langjährige Leistungs- und Sympathieträger den Verein. Auch Tevfik Ceylan und Gianluca Serpa spielen bald keine Rolle mehr, hinter der Zukunft von Daniel Wehrle steht ein Fragezeichen. Wie können diese Abgänge kompensiert – nicht nur sportlich – werden?

Ich bin davon überzeugt, dass es nach der Corona-Krise für alle Mannschaften eine Art Neustart geben wird. Nicht nur sportlich, auch wirtschaftlich müssen wir somit viele Unsicherheitsfaktoren einkalkulieren. Sobald der Verband eine Entscheidung über die Zukunft getroffen hat, können wir uns dann darüber detaillierter Gedanken machen.

Es ist klar, dass Sie sich noch nicht ausführlich zu Ihrer kommenden Aufgabe äußern wollen. Deshalb eine Frage an den Sportdirektor: Wo sieht dieser den FC 08 Villingen mittelfristig?

Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass ein stabiles Fundament vorhanden sein muss, um mittelfristig Ziele erreichen zu können. Als Sportdirektor betrachte ich auch nicht nur das sportliche Geschehen auf dem Platz, sondern sehe das große Ganze drumherum. Ich glaube, dass durch die Corona-Krise erst einmal die kurzfristigen Ziele auf die Probe gestellt werden. Daher ist es erst einmal wichtig, den Verein gesund und nachhaltig aufzubauen, das stabile Fundament zu bilden und sich dann über die mittelfristigen Ziele zu unterhalten.

Glauben Sie, dass sich der Fußball, auch in der Oberliga, nach dem Ende der Coronavirus-Krise verändern wird? Falls ja, wie?

Ich habe Bedenken, was den Fußball in der 3. Liga, der Regionalliga und auch in der Oberliga betrifft. Da der bezahlte Fußball so richtig ab der Oberliga beginnt, beginnen hier auch die großen Probleme. Die meisten Vereine leben hier von einigen wenigen Großsponsoren oder den Zuschauereinnahmen an Heimspieltagen. Fehlen diese Einnahmen zukünftig, wird es finanzielle Engpässe geben, die sich wiederum langfristig auf die sportliche Qualität in den Ligen auswirken könnte. Dadurch würde es eine noch größere Kluft zwischen dem oberen Amateurbereich und dem Profifußball geben. Der Profifußball ist von dieser Krise kurzfristig zwar auch betroffen, jedoch glaube ich, dass es dort langfristig keine großen Veränderungen geben wird.

Wie kann der FC 08 Villingen als Verein die derzeitige schwere Krise überstehen?

Wir können diese Krise nur überstehen, wenn die Leute im Verein und im Umfeld des FC 08 Rücksicht aufeinander nehmen. Jeder ist von dieser Krise auch persönlich betroffen. Jedoch lerne ich aktuell eine sehr positive Seite des Vereinslebens kennen. Unser Vorstand leistet tolle Arbeit in diesen schwierigen Wochen, aber auch die Spieler, Trainer und Betreuer zeigen Verständnis und nehmen Rücksicht auf den Verein. Dieses Verhalten ist nicht selbstverständlich, zeigt aber auch die gegenseitige Wertschätzung beim FC 08 Villingen.

Sie haben drei Wünsche in Sachen FC 08 frei. Welche wären dies?

Zuerst, dass wir ganz bald wieder auf unserem 08-Sportgelände normal trainieren und spielen dürfen. Weiter wünsche ich mir, dass uns unsere Sponsoren und Gönner auch in dieser schwierigen Zeit beistehen und auch zukünftig unterstützen. Zudem ist es eben mein Wunsch, dass unsere U23-Mannschaft in der nächsten Saison in der Verbandsliga spielen darf. 

Die Fragen stellte Gunter Wiedemann.

Zur Person: Schon seit 2007 im Friedengrund

Der 27-jährige Marcel Yahyaijan ist derzeit Coach der Landesliga-U23-Elf des FC 08, dazu Sportdirektor der Villinger. Zur neuen Saison wird er Nachfolger von Jago Maric als Trainer der Oberliga-Mannschaft.

Marcel Yahyaijan kam als Jugendlicher im Jahr 2007 zum FC 08. Kurzzeitig schloss er sich in der Saison 2008/09 der U19 des SC Freiburg an, doch schnell war er wieder in Villingen. Beim FC 08 stieg er zur Runde 2014/15 als Nachwuchscoach ein, ein Jahr später wurde Yahyaijan Nachwuchskoordinator der Nullachter. Zur Runde 2017/18 übernahm er nicht nur das Amt des Landesliga-Coaches, sondern der 27-Jährige war zudem Co-Trainer der Oberliga-Mannschaft. Seit Juni 2019 ist er auch als Sportdirektor des FC 08 tätig. "Einer meiner größten Wünsche ist es, mit dem FC 08 Villingen zur allgemeinen Entwicklung der Sportstadt Villingen-Schwenningen beizutragen", sagte Marcel Yahyaijan damals.

Der angehende A-Lizenz-Inhaber besitzt die DFB-Elite-Jugend-Lizenz.

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