Der 34-Jährige soll als Mittelfelddirigent eine aus dem Takt geratene deutsche Fußball-Nationalmannschaft orchestrieren – aber kann er das noch?
Toni Kroos ist ja nicht bekannt für laute Auftritte, begleitet von großen Gesten und wilden Grätschen auf dem Rasen. Selbst wenn der Star von Real Madrid zuletzt härtere Aktionen in sein Repertoire aufgenommen hat. Grundsätzlich gehen ihm jedoch all diese Attitüden ab, die dem deutschen Führungsspieler traditionell zugeschrieben werden. Am liebsten von ehemaligen Führungsspielern alter Schule wie Stefan Effenberg und Michael Ballack sowie von einem Teil der Öffentlichkeit.
Kroos verkörpert vielmehr die feinsinnige Alternative zum bissigen Leitwolf. Er ist ein Fußballdirigent, der die aus dem Takt geratene Nationalmannschaft wieder orchestrieren soll. Doch kann der 34-Jährige diese Rolle noch ausfüllen? Der Bundestrainer meint, ja. Julian Nagelsmann hat Kroos dazu bewogen, in den Kreis des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zurückzukehren. Der Mittelfeldspieler bildet den neuen Fixpunkt. Um ihn herum baut Nagelsmann eine Elf. Jetzt sitzt Kroos auf dem Podium des DFB-Campus in Frankfurt. Ihm allein gehört die Bühne am ersten Tag der Vorbereitung auf die Länderspiele in Frankreich am Samstag (21 Uhr/ZDF) und drei Tage später gegen die Niederlande (20.45 Uhr/RTL) – ein Ausdruck der Wertschätzung und Bedeutung.
Ein emotionaler Höhepunkt reizt
„Ich habe mir vor dem Comeback vor allem eine Frage gestellt“, erzählt Kroos, „kann ich der Mannschaft noch helfen, im eigenen Land ein besseres Turnier zu spielen, als viele Menschen nach den Ergebnissen zuletzt erwarten?“ Der Routinier ist überzeugt davon, ohne jede Einschränkung. Körperlich fühlt er sich fit, spielerisch in Form – und dann juckt der Reiz einer Heim-EM in den Beinen. Ein sportlicher wie emotionaler Höhepunkt, den selbst der hochdekorierte Mittelfeldstratege noch nicht erlebt hat.
Knapp drei Jahre sind vergangen, seit Kroos sein bisher letztes von 106 Länderspielen (17 Tore) bestritten hat. Nur noch für Real trat der Techniker seit der Europameisterschaft 2021 gegen den Ball. Doch nicht nur seine Vita spricht weiter für Kroos, sondern ebenso seine starke Saison. Weltmeister ist das einstige Talent aus Greifswald und der erfolgreichste deutsche Spieler, wenn man die Vereinstitel zusammenzählt. Allein fünfmal gewann er mit seinen Teams die Champions League – einmal mit dem FC Bayern und viermal mit Real. Dazu kommen je drei Meisterschaften mit den Münchnern und Madrilenen, sechs Clubweltmeisterschaften, fünf europäische Supercups und vier nationale Pokalsiege.
Beeindruckende Zahlen sind das, und was ebenso zählt: In zehn Jahren Real hat sich Kroos nicht verschlissen. Sein Spiel hat die Zeit überdauert und bleibt wichtig, weil er vor allem über eine Qualität verfügt: aus den Passoptionen, die sich ihm bieten, wählt Kroos in über 90 Prozent der Fälle die richtige aus. Er ist ein Meister darin, Kombinationen zu initiieren, von denen er schon zu Beginn weiß, wie sie weitergeführt und enden sollen. „Die Grundidee meines Spiels ist immer gleich geblieben, unabhängig von der Positionierung auf dem Feld“, sagt Kroos.
Anfangs Zehner, danach Achter und jetzt Sechser. Ganz gleich, wo er von Trainern hingestellt wurde, Kroos ist derjenige auf dem Platz, der am liebsten mit seinen feinen Füßen den Ton angibt. Als ob er nur so die Gewissheit habe, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Denn seine Pässe sind unfassbar präzise. Unabhängig davon, ob es die vielen Kurzpässe sind, die den Gegner laufen lassen, oder die scharfen Diagonalpässe, die auf den Außenbahnen Räume öffnen. Kroos ist der Mann für den Spielrhythmus. Dabei verleiht er dem Spiel auch Ruhe.
Das Madrider Modell als Vorbild
Den Ruf des „Querpass-Toni“ hat ihm das bei Kritikern eingebracht. Längst vorbei, meint Nagelsmann. Und auch Kroos betont, in seiner Karriere niemandem mehr etwas beweisen zu müssen. Ihn hat die Lust gepackt, eine Mannschaft mit anzuführen, die über reichlich Angriffspotenzial verfügt; die in den vergangenen Monaten jedoch nicht das Gleichgewicht fand zwischen der nötigen Defensive und der möglichen Offensive.
Jetzt soll Kroos dem strauchelnden DFB-Team Halt geben. Nicht allein, wie er ausführt. Doch in Anlehnung an ein Madrider Modell, dessen Teil der Deutsche über viele Jahre war – mit dem Brasilianer Casemiro und dem Kroaten Luka Modric. „Es ist gut, wenn ein zentrales Mittelfeld alle Facetten des Spiels mitbringt“, sagt Kroos. Kämpfer und Künstler an seiner Seite sozusagen. Zwei Drittel davon hat der Bundestrainer nun zusammen. Mit Kroos und Ilkay Gündogan, den Taktgeber von Real Madrid und den Ideengeber des FC Barcelona.
Das spanische Element wird jedoch nicht reichen, um eine erfolgreiche EM zu spielen. Es braucht auch die deutschen Tugenden, die Kroos als Grundvoraussetzung nennt, um überhaupt an Siege zu denken. Er selbst gibt zu, nichts anderes zu kennen. Das bringt er in seinem Gesamtpaket mit. „Vom Titelgewinn zu reden, ist aktuell möglicherweise vermessen“, sagt Kroos, „aber ich würde mich natürlich freuen, wenn wir die eine oder andere K.-o.-Runde im Turnier dabei wären.“ Dafür ist Kroos schließlich zurückgekommen.