Der Weltmeister beendet seine Karriere im deutschen Nationaltrikot. Nach 106 Länderspielen nutzt er seine Rücktrittsverkündung für ein paar Breitseiten in Richtung seiner Kritiker in Deutschland.
Berlin - An Hansi Flick hat es nicht gelegen. Der neue Bundestrainer wollte mit dem Mann, mit dem er im Sommer 2014 als damaliger Assistent von Joachim Löw den WM-Titel feierte, weiterarbeiten – aber Toni Kroos (31) will nicht mehr. Der Weltmeister hört auf und tritt als Nationalspieler zurück. Er habe den Schritt von Kroos „wirklich sehr“ bedauert, sagte Flick. Und: „Ich kann seine Beweggründe jedoch nachvollziehen – sein großer Wunsch ist es nun nach zehn intensiven Jahren der Doppelbelastung, sich auf Real Madrid zu konzentrieren und mehr Zeit mit der Familie zu verbringen.“
Auch der ehemalige Bundestrainer Joachim Löw (ja, so wird der ewige Jogi nach 15 Jahren von nun an genannt) sprach am Freitagnachmittag nach der Rücktrittsverkündung über Kroos – und würdigte ihn als „großen Leader auf und neben dem Platz. Toni hat 106 Länderspiele, unser gemeinsamer langer Weg und unser Triumph in Brasilien werden uns für immer verbinden.“
Auch Toni Kroos, klar, sprach an seinem Rücktrittstag noch – nachdem er erst in den sozialen Medien im Netz und in seinem Podcast „Einfach mal Luppen“, mit dem er mit seinem Bruder Felix regelmäßig auf Sendung geht, seine Botschaften platziert hatte. „Ich würde mich freuen“, sagte Kroos also, „wenn man über den Nationalspieler Toni Kroos sagen würde: ‚Dem habe ich gerne zugeschaut, weil er einfach einen schönen Fußball gespielt hat.‘ Unabhängig von den Erfolgen würde mir das völlig reichen.“
Hat man in Deutschland sein Spiel nicht verstanden?
Kroos, das wurde bei seinen Botschaften rund um seine Demission klar, sind das öffentliche Urteil und die Wahrnehmung über ihn wichtig. „Ich will da in Deutschland nicht alle über einen Kamm scheren, es gibt sicherlich auch viele Fans, die mein Spiel geschätzt haben“, sagte er der „Bild“. Manchmal aber, so Kroos, habe er schon das Gefühl gehabt, „dass einige mein Spiel in elf Jahren Nationalmannschaft nicht ganz verstanden haben – in Spanien war das dagegen bereits nach meiner ersten Partie für Real Madrid der Fall und hat sich in sieben Jahren nicht geändert.“ Dann schloss er mit einer kleinen Breitseite in Richtung der Fußballrepublik Deutschland und ihren knapp 80 Millionen Bundestrainern: „Ich sage mal so: Besser in Deutschland umstritten und weltweite Anerkennung – als andersrum.“
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Tja, so ist das wohl: Kroos, dieser Mann von Welt, der vierfache Champions-League-Sieger, er war in Deutschland nie unumstritten. Der Querpass-Toni, so hieß das manchmal abwertend über den Topstar von Real Madrid, wann spielt der denn endlich mal wieder steil? Und überhaupt: Der Schnellste ist er ja auch nicht – und kämpfen, das kann dieser Schönspieler erst recht nicht. Dass Kroos aber mit seine Querpässen immer schon den nächsten oder den übernächsten Pass (von ihm oder seinen Mitspielern) im Kopf hatte, dass in den meisten seiner Pässe meist ein tieferer Sinn steckte, weil der später Räume öffnen sollte, und dass dieser Kroos auch kämpfen kann, das ging alles oft unter. Und wenn er steil spielen konnte, weil es vorne Räume gab, dann spielte die Passmaschine Kroos ja auch meist steil. Und tat das selten schlecht. Seine Passtechnik (und nicht nur die) ist formidabel, seine Schüsse, seine Ecken und Freistöße sind es bisweilen auch – zu sehen sein werden sie nun nur noch bei Partien von Real Madrid.
Verdruss über die öffentliche Wahrnehmung
Ein gewisser Verdruss über die öffentliche Wahrnehmung seiner Leistungen war beim Weltmeister schon in den vergangenen Wochen herauszuhören gewesen. Dass seine Fähigkeiten, gerade die in der Balleroberung, von Fans und Medien zuletzt zunehmend kritisiert worden waren, hat Kroos geärgert. Bei der EM hat der Mittelfeldmann dann nonverbal darauf geantwortet. Indem er sich so präsentiert hatte, wie ihn die wenigsten Zuschauer auf der Rechnung hatten: Kroos grätschte und blockte, er eroberte Bälle kämpfend, war sich nach hinten für keinen Weg zu schade – meistens zumindest.
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Bei Länderspielen wird es von nun an keine Debatten mehr geben um Kroos, dessen Entscheidung nicht spontan zustande kam. „Den Entschluss, nach der EM aufzuhören, hatte ich schon länger gefällt“, sagte er am Freitag. „Es war mir schon länger klar, dass ich für die WM 2022 in Katar nicht zur Verfügung stehe.“
Im gemeinsamen Podcast sprach er seinen Bruder am Freitag dann noch direkt an: „Du weißt ja, Felix, dass ich auch 2018 schon darüber nachgedacht habe, meine Karriere in der Nationalmannschaft zu beenden.“ Seinerzeit habe Joachim Löw, so Kroos weiter, „darum gekämpft, dass ich weitermache.“ Jetzt sei er, so sagte das Toni Kroos zum Schluss, mit sich im Reinen. „Es tut mir gut, mehr bei der Familie zu sein. Weil ich als Ehemann und Papa mehr da sein will und gebraucht werde.“