Das deutsche Fußball-Nationalteam verliert erneut – und die Verantwortlichen schlagen verbal einen neuen, harten Kurs ein. Das wird nicht reichen, um für die EM 2024 in die Spur zu finden, kommentiert unser Autor Dirk Preiß.
Ein bisschen Hoffnung hatte es im Vorfeld ja gegeben. Darauf, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft doch noch ein Zeichen der Zuversicht senden könnte in der Partie gegen Kolumbien, dem letzten Länderspiel dieser Saison. Und dass die Gedanken an die Heim-EM im kommenden Jahr das Fanvolk doch ein bisschen vorfreudig stimmen. Sinnbild dafür sollte ein Kuschelbär sein.
„A bear is a happy animal“, sagte am Dienstagnachmittag Philipp Lahm, der EM-Cheforganisator, über das Turnier-Maskottchen, das noch keinen Namen trägt. Und das am Abend im Stadion von Gelsenkirchen dann gar nicht mehr so glücklich sein konnte. Denn: Zum 0:1 gegen Ungarn, dem 1:2 gegen Japan, dem 2:3 gegen Belgien und dem 0:1 gegen Polen gesellte sich die fünfte Niederlage der deutschen Mannschaft in dieser Saison. Das 0:2 gegen Kolumbien – das jeglicher Vorfreude auf die Heim-EM vollends die Basis nahm.
Es ehrt die deutschen Nationalspieler, dass sie gar nicht erst versuchten, die Lage schönzureden. Leon Goretzka sagte: „Es ist dramatisch. Es fehlt an allen Ecken und Enden.“ Und weil ihm da niemand widersprechen konnte, fehlt der schon lange nicht mehr stolzen Fußballnation komplett die Vorstellung, dass es noch was werden kann bis zum EM-Start am 14. Juni 2024.
Rund ein Jahr also ist noch Zeit, diese Mannschaft aus dem biederen Mittelmaß wieder in Richtung Spitze zu führen. Immer fraglicher ist dabei, ob der Weg des Bundestrainers Hansi Flick der richtige ist – weil er im Grunde kaum zu erkennen ist. Zuletzt experimentierte der einstige Erfolgscoach des FC Bayern viel, taktisch und personell, ohne wirklich positive Erkenntnisse zu erlangen oder ebensolche Signale zu senden.
Das Team präsentiert sich nicht als Einheit
Diese Mannschaft, die durchaus über Qualität verfügt, scheint festzustecken – ebenso viele ihrer Protagonisten. Die einen: irgendwo stehen geblieben auf dem Weg zur Weltklasse. Die anderen, auch viele, die schon die Champions League gewonnen haben: den eigenen Ansprüchen hinterherhinkend. Weitere: Noch längst nicht auf internationalem Niveau. Wieder andere: entfernt von der Klasse, die sie im Vereinsumfeld bieten. Im Hintergrund lauernd: die nach wie vor mächtigen Thomas Müller und Manuel Neuer. Alle zusammen: einfach keine funktionierende Einheit. Letzteres hat der Trainer zu verantworten, der zurecht bereits hinterfragt wird.
Der Bundestrainer verweist so nimmermüde wie stupide auf seinen „Prozess“ und darauf, dass man sich ab den nächsten Länderspielen im September schon noch einspielen werde. Rudi Völler, der Sportdirektor, verweist auf die Kraft einer Heim-EM und will, so scheint es, mit der Erinnerung an das Sommermärchen 2006 dem Volk Fußballbegeisterung fast schon gesetzlich verordnen. Er verkennt: Dafür muss der DFB mit seinem Vorzeigeteam selbst sorgen.
Zumal der Verband ja auch auf dem Weg in diese sportliche Misere keine gute Figur abgegeben hat. Der Neuanfang nach der Ära Joachim Löw war halbherzig, weil Flick zwar als nahe liegende, aber als früherer DFB-Mitarbeiter auch bequeme Lösung galt. Als nach dem WM-Vorrundenaus in Katar im Herbst 2022 dann der Chefplaner Oliver Bierhoff gehen musste (was Flick verletzte), ging es ebenso inkonsequent weiter.
Zwei Neustarts ohne Wirkung
Eine Taskforce Altvorderer wählte am Ende als Bierhoff-Nachfolger einfach einen aus ihrer Mitte – doch ist der Plan mit Rudi Völler als Optimismus- und Beliebtheitsmaschine längst gescheitert. Nun plötzlich doch die Qualitätsfrage zu stellen („Ich habe die Qualität vielleicht überschätzt. Hansi Flick ist die ärmste Sau.“), ist zwar nicht grundsätzlich falsch, wirkt nach Völlers Aussagen der vergangenen Wochen aber befremdlich. Ohnehin ist er ja nur eine Übergangslösung bis zur EM 2024. Die wahren Probleme werden so kaum an ihrer Wurzel gepackt. Zu allem Überfluss bekommt der DFB derzeit die Quittung der sorglosen und selbstherrlichen Vergangenheit – in Form von finanziellen Sorgen.
So herrscht ein Jahr vor der EM im eigenen Land vor allem eines: Ratlosigkeit. Und nach zuletzt zwei ins Leere gelaufenen Neustarts braucht es wohl doch noch einmal einen frischen Impuls irgendeiner Form, um sie zu durchbrechen. Ein Kuschelbär reicht da sicher nicht aus.