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Fußball in China Dribbeln als Staatsziel

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Rekordtransfers oder Wechseltheater? Tianjin Quanjian buhlt um Kölns Torjäger Anthony Modeste Foto: dpa

Stuttgart - Weil der Maestro seiner Zeit wie immer voraus war, ahnte er wohl den nächsten großen Spielzug: Trainer Giovanni Trapattoni beschrieb das Fußballverständnis im Reich der Mitte schon, als in der Bundesliga noch niemand über die Chinesische Mauer zu blicken wagte: „Fußball ist ding, dang, dong. Es gibt nicht nur ding.“ Inzwischen ist klar: Was Sprachexperten nicht zu entschlüsseln vermochten, entsprang den prophetischen Gaben eines Fußballweisen.

China bläst mit prall gefüllten Brief­taschen zum Angriff auf den Weltfußball, und Spötter übersetzen das erste Gebot des ehemaligen VfB-Trainers längst mit „passen, dribbeln, schießen“. Womit ziemlich exakt beschrieben wäre, was die Sportsfreunde aus der Volksrepublik noch üben sollten.

Staatsplan für den WM-Titel

Denn die Grundlagen des Spiels gelten als Staatsziel, seit die Regierung mit einem 50-Punkte-Plan steil ging, der als Krönung die Fußball-Weltmeisterschaft 2030 im eigenen Land vorsieht. Und zwanzig Jahre später, so erhoffen sich die Autoren der Erfolgsstory, sollte dann schon mal der WM-Titel nach China gehen. Eine schöne Geschichte, über die nicht nur die Holländer den Kopf schütteln. Oranje, beflügelt von einer in über hundert Jahren gewachsenen Fußballkultur, wartet bekanntlich noch immer auf den ersten WM-Triumph.

Die Kicker aus der Volksrepublik jedenfalls schafften es bisher nur einmal unter die Besten der Welt. Noch dazu mit mäßigem Erfolg. Bei der WM 2002, in Japan und Südkorea, schieden sie als Gruppenletzter aus. Null Punkte, null zu neun Tore. Zwei Jahre später erschütterte ein Manipulationsskandal die Jia-A League, so gut wie jedes Spiel war verschoben. Seither messen sich die 16 besten Teams des Landes in der neu gegründeten Chinese Super League. Wo die Erkenntnis dämmerte, dass sich Siege nicht staatlich verordnen lassen. Nun walten im Reich der Mitte ranghohe Vertreter des europäischen Fußballs ihres Amtes. Wie der hartgesottene Fußballlehrer Felix Magath (63). Vergangenen Sommer eilte er dem Tabellenletzten Shandong Luneng zu Hilfe und rettete ihn vor dem Abstieg (Rang 14). Statt Urlaub befahl er vor der Rückrunde seine Spieler auf die Tropeninsel Hainan und stählte sie mit Dauerläufen am Strand. Und weil in der Mannschaft niemand so richtig wusste, wo das Tor steht, gönnte ihm der Immobilienkonzern Luneng als Sponsor noch den italienischen Torjäger Grazillo Pellè (31). Ein Sonderangebot vom englischen Erstligisten FC Southampton. Angeblich für 17 Millionen Euro. Nach allem, was man aus China hört, braucht sich auch Magath nicht um seine Rente zu sorgen. Sein Jahresgehalt liegt nach vorsichtigen Schätzungen bei drei Millionen Euro. Netto. Er sagt: „Hier ist alles ganz anders.“

Xi Jinping befiehlt die Fußball-Revolution

Eine Einschätzung, die viele seiner renommierten Kollegen teilen. Der Schwede Sven-Göran Eriksson plant mit Shenzhen FC sportliche Höchstleistungen, Brasiliens Weltmeister-Coach Felipe Scolari scheucht die Helden von Guangzhou Evergrande über den Platz – eine Art FC Bayern aus Fernost. Der Club sicherte sich die letzten sechs Meistertitel und unterhält die größte Fußballschule des Landes – mit 2500 Schülern und 160 Trainern. Marco Pezzaiuoli, ehemals Coach beim KSC und 1899 Hoffenheim, ist ihr Ausbildungsleiter. Vor Wochen entschied sich auch der in Leverkusen entlassene Roger Schmidt (50) für das Abenteuer im Reich der Mitte. Er unterschrieb für zweieinhalb Jahre bei Beijing Guoan. Und das nicht nur, weil die Chinesen freundliche Gesichter machten. Seit Staatspräsident Xi Jinping höchstpersönlich die Fußballrevolution ­befahl, überschlagen sich die Sponsoren im Streben, der Regierung und der kommunistischen Partei zu gefallen. Mehrheitseigner der Vereine sind meist Staatsbetriebe und Konzerne, kontrolliert von den Regierungen der jeweiligen Provinz. Wer als Unternehmer kein Eigentor schießen will, stellt sich lieber gut mit den Amtsverwesern der Bürokratenauswahl. Und dafür ist kaum ein Preis zu hoch.

Zwar droht der 35-Millionen-Transfer des Kölner Torjägers Anthony Modeste zu Tianjin Quanjian an der Gier seiner Berater, am Widerwillen seiner Frau und an kniffligen Vertragsmodalitäten zu scheitern, aber ­Ersatz ist schon in Sicht. Shu Yuhui, Clubeigner und Multimilliardär, wirbt nun um Dortmunds Tormaschine Pierre-Emerick Aubameyang. 80 Millionen Euro, heißt es, würde er für den Hochbegabten aus Gabun wohl lockermachen. Sein Jahresgehalt: 30 Millionen Euro. 82 192 Euro am Tag, 3425 Euro pro Stunde. Das wiederum könnte den Neid des Besserverdieners Oscar schüren. Der brasilianische Nationalspieler bringt es bei Shanghai SIPG auf immerhin auf 21 Millionen Euro. Nicht viel weniger verdienen seine Landsleute Ramires (Jiangou Sunig), Hulk (Shanghai SIPG) und der Argentinier Carlos Tevez (Shanghai Shenhua). Weil es aber Menschen gibt, die behaupten, dass es leichter ist, einem Panda den Breakdance beizubringen, als einem Chinesen den Übersteiger, hält sich der Zustrom an sportlich ambitionierten Stars noch in Grenzen.

Kein Bock auf China: Podolski und Rooney

Lukas Podolski jedenfalls widerstand den Verheißungen aus China und entschied sich, seine Karriere im fußballverrückten Japan (Vissel Kobe) zu beenden. Auch Englands Fußball-Ikone Wayne Rooney lehnte ab, was kein Wunder ist: Er verdiente bei Manchester United auch so genug für zwei warme Mahlzeiten am Tag: 360 000 Euro pro Woche. Jetzt kickt er wieder dort, wo für ihn alles ­begann: beim FC Everton.

Kritische Beobachter warnen angesichts der märchenhaften Summen vor der Überhitzung des Marktes und vor kriminellem Gesindel: Geldwäscher, Paten der asiatischen Wettmafia. Der Ligaverband verlangt von diesem Sommer an, dass für jeden eingesetzten ausländischen Profi ein einheimischer Spieler unter 23 Jahren im Team steht. Gehaltsobergrenzen sind in der Diskussion und Strafzahlungen in einen Nachwuchsfonds, wenn Clubs für Spielertransfers mehr ausgeben, als es ihre Einnahmen erlauben. Shao Jiayi, chinesischer Nationalspieler, vor Jahren bei 1860 München, Energie Cottbus und beim MSV Duisburg am Ball, ist sich sicher: „Die absurden Summen erhöhen nicht die Qualität unseres Fußballs.“

Nur 10 000 Fußballer

Denn vom Volkssport ist der Fußball in China so weit entfernt wie der Neckar vom Jangtsekiang. In dem riesigen Land mit 1,37 Milliarden Menschen sind gerade mal 10 000 Kicker registriert, in Deutschland sieben Millionen. Es gibt nirgendwo Bolzplätze, keine kickenden Kinder auf der Straße. Zwar bauen manche Städte in ihrem Eifer gleich 100 Fußballfelder auf einen Schlag, verbieten sogar Basket- und Volleyball, und allerorten entstehen hochmoderne Fußballschulen. Aber staatlicher Dirigismus, stupides Pauken und eindimensionales Training hemmen die Bedürfnisse der gehobenen Spielkultur: Freiheit, Kreativität, Technik.

Jetzt soll die Kooperation mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) den Weg zur Fußballgroßmacht ebnen. Staatschef Xi Jinping und Bundeskanzlerin Angela Merkel legten den Ball bereit zum Elfmeter. Die finanziell notorisch schwindsüchtige Regionalliga Südwest verwandelte prompt. Nun ist von November an die chinesische U-20-Auswahl auf einigen Plätzen zu Gast. Außer Konkurrenz. Für jeden Sparringspartner gibt es 15 000 Euro. Die Stuttgarter Kickers zögerten, lehnten dann aber dankend ab.

Der 1. FC Köln treibt das Spiel noch weiter. Die Rheinländer proben die nächsten drei Jahre den Doppelpass mit dem FC Liaoning, einem Erstligaclub in der gleichnamigen Provinz im Nordosten des Landes. Kurz nach Saisonende reisten die Kölner nach China, es gab ein Showtraining mit 120 Kindern und ein Freundschaftsspiel gegen die neuen Freunde im Olympiastadion von Shenyang. Der Bundesligist hilft bei der Trainerausbildung und beim Aufbau der Jugendarbeit. Die Sporthochschule in Köln ist mit am Ball, und im chinesischen Netzwerk Sina Weiba kursieren Videos, in denen die Profis Nettes auf Chinesisch sagen. „In der Region dort leben 40 Millionen Menschen, wenn wir nur ein Prozent für uns begeistern können, ist das ein großer Erfolg“, sagt FC-Geschäftsführer Alexander Wehrle mit Blick auf Wachstumsfelder, die außer dem FC Bayern, Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 noch niemand ernsthaft bestellt. Weil sich der VfB Stuttgart zuletzt mehr mit Sandhausen, Heidenheim und sich selbst zu beschäftigten hatte, erwacht erst jetzt ­wieder das Interesse am asiatischen Markt. „Wir haben das im Blick“, sagt Marketingchef Jochen Röttgermann.

Der FC Schalke dagegen meldet Einnahmen im mittleren einstelligen Millionenbereich aus Geschäften mit Guangzhou R&F, dem chinesischen Partnerverein. Bezahlt aus dem Staatsprogramm der dortigen Provinzregierung. Schalkes Marketingvorstand Alexander Jobst träumt schon davon, irgendwann einen chinesischen Spieler im Team zu haben. Ding, dang, dong.

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