Im Fußball herrscht im Kreis Calw ein Ungleichgewicht: Das kleinere Nagold ist deutlich erfolgreicher als Calw. Marcel Haug vom FV Calw spricht u.a. darüber mit unserer Redaktion.
Während Nagold mit seinem VfL in den vergangenen Jahren zwischen der Verbands- und der Landesliga pendelt, ist für die Calwer Clubs nur die Bezirksliga das Höchste der Gefühle – obwohl die Kreisstadt etwas mehr Einwohner als Nagold hat. Als Kernstadtverein hat sich der FV Calw, der zwischenzeitlich sogar ganz vom Spielbetrieb abgemeldet war, immerhin in der Kreisliga A etabliert. Im Gespräch mit unserer Redaktion blickt Spielleiter Marcel Haug auf die sportliche Entwicklung seines Vereins, die Unterschiede zwischen Calw und Nagold – und auch auf die Negativschlagzeilen, für die der FV Calw immer wieder gesorgt hat.
Herr Haug, der FV Calw feiert in diesem Jahr ein kleines Jubiläum: Seit zehn Jahren spielt er wieder allein unter seinem eigenen Namen. Bis 2016 trat er als SG FV/Tricolore Calw an. Ein Grund zum Feiern?
Wir als FV Calw sind dankbar dafür, dass der AS Tricolore es uns ermöglicht hat, zu unserem 100-jährigen Bestehen im Jahr 2012 wieder eine aktive Mannschaft zu melden. Gerade in dieser Zeit sind einige Jugendspieler von uns in den Aktivenbereich gekommen. Ich bin selbst aus der Jugend des FV Calw in die Spielgemeinschaft mit dem AS Tricolore gekommen. Wir hatten eine großartige Zeit, auch wenn der sportliche Erfolg ausblieb. Wobei dies auch nicht alles ist. Aufgrund von Umstrukturierungen des AS Tricolore konnte die Spielgemeinschaft so leider nicht weitergeführt werden.
Tricolore Calw ist dagegen 2016 von der Fußballlandkarte verschwunden. Wie viel von ihm steckt noch im FV Calw?
Die Vereine waren stehts eigenständig. Lediglich der sportliche Teil war zusammengelegt. Spieler, welche die gemeinsame Zeit mit dem AS Tricolore erlebt haben, gibt es aktuell kaum noch bei uns.
Der FV Calw spielte jahrelang nur in der Kreisliga B. 2020 stieg er in die Kreisliga A auf, in der er sich seitdem etabliert hat. Was läuft nun anders als in den Jahren zuvor?
In der Saison 2019/20 kam Fabian Seydt als Spielertrainer. Er hat die Mannschaft zusammen mit Lorenzo Pucciarelli nicht nur fußballerisch weiterentwickelt, sondern auch strukturell. Viele der damals jungen Spieler sind auch immer noch dabei und spielen bereits ihre fünfte Saison in der A-Liga. Zudem rücken immer wieder junge Spieler nach, einige aus der eigenen Jugend. 2023, nachdem Fabian uns mitgeteilt hat, er wolle nochmal angreifen und selbst höherklassig spielen, konnten wir dann Dominik Pedro davon überzeugen, gemeinsam unsere Ziele weiter voranzutreiben. Dominik ist ebenso wie Fabian ein Spieler aus der eigenen Jugend, beide haben ihre komplette Jugend bei uns im Verein verbracht und haben dann ihre Erfahrungen in der Bezirks-, Landes sowie Verbandsliga sammeln können. Das macht uns stolz. Die letzten Jahre haben wir einfach einen guten Mix und halten die Trainingsqualität hoch. Früh haben wir uns dazu entschieden, dass Training der ersten und zweiten Mannschaft zu trennen. Die Mannschaft hat das positiv aufgenommen, was die Trainingsbeteiligung sowie der Spielerzuwachs spiegelt. Zusätzlich haben wir immer wieder auch ältere Führungsspieler davon überzeugen können, uns zu helfen, und den jungen Spielern etwas mitzugeben. Eines der besten Beispiele ist Tobias Holz, welcher im Jahr 2019 mit jungen 20 Jahren zu uns kam, den Aufstieg in die Kreisliga A gefeiert hat und heute die Mannschaft als Kapitän führt.
Momentan steht der FV Calw auf dem achten Tabellenplatz. Der ist durch den verschärften Abstieg durch die anstehende Reduzierung von drei auf zwei Kreisliga-A-Staffeln aber sehr nah dran an der Abstiegszone. Werden Sie den Klassenerhalt schaffen?
Wenn ich das jetzt schon wüsste, könnte ich jeden Sonntag beruhigter auf den Sportplatz gehen. Die Vorbereitung war gut. Die Jungs müssen ihre Leistung bringen und sich weniger von Themen außerhalb des Platzes ablenken lassen. Die Mannschaft hat alles, was es braucht, um auch in der nächsten Saison in der A-Liga zu spielen. Die Punkteausbeute in der Rückrunde muss allerdings deutlich besser werden als in der ersten Saisonhälfte.
Der FV Calw genießt den Ruf, eine technisch starke Mannschaft zu sein. Aus diesem Grund bestreiten auch gerne Bezirksligisten Testspiele gegen Ihr Team. In dieser Winterpause waren das die SG Oberreichenbach/Würzbach, die SG Nagold-Platte, der SV Nufringen und Grün-Weiß Ottenbronn. Was unterscheidet den FV Calw da von anderen Kreisligisten?
Wir versuchen, einen attraktiven offensiven Fußball zu spielen, wir wollen mitspielen. Ich denke, das schätzen einige Vereine. Ob wir allerdings technisch stärker sind als andere A-Ligisten, müssen andere beurteilen. Die aktuelle Punkteausbeute spiegelt das, trotz der lobenden Worte, allerdings nicht wider.
Momentan findet eine Kunstrasen-Debatte im Kreis Calw statt. Mehrere Bezirksligisten monieren, dass sie sich jetzt in der Winterpause nicht richtig vorbereiten können, weil sie nur Naturrasenplätze haben. Die Stadt Calw ist da mit den drei Kunstrasenplätzen in Stammheim, Altburg und bei Ihnen im Georg-Baumann-Stadion gut aufgestellt. Ein Standort-Vorteil?
Wir können, solange kein Schnee liegt, das ganze Jahr trainieren. Dafür sind wir sehr dankbar. Die Belastung auf dem Kunstrasen ist allerdings eine andere als auf einem tiefen Rasenplatz, was uns gerade bei Auswärtsspielen oft vor Herausforderungen stellt. Ist es damit ein Vorteil? Jein.
Apropos Standort: Calw ist die größte Stadt im Landkreis Calw, läuft aber im Fußball dem etwas kleineren Nagold und seinem VfL stets hinterher. Was unterscheidet die beiden Städte?
Die Stadt Nagold hat in der Vergangenheit viel richtig gemacht. Allerdings hat auch die Stadt Calw sich in den letzten Jahren gemacht. Ich freue mich, die Umsetzung vieler Projekte beobachten zu können. Auf das Sportliche bezogen kann man die Städte nicht vergleichen. Der VfL Nagold ist ein Gesamt-Sportverein. In Calw haben wir allein in der Innenstadt drei Fußballvereine (Zrinski, Türkischer SV und FV Calw; Anm. d. Red.) und mit dem TSV Calw noch den größeren Gesamt-Sportverein, der alles bis auf Fußball anbietet. Die Jugendarbeit des VfL Nagold ist bereits seit einigen Jahrzehnten hervorragend, das muss man anerkennen. Umso mehr freut es mich, dass wir ein recht gutes Verhältnis zum aktiven Bereich des VfL Nagold pflegen. Auch wir haben in den letzten Jahren davon profitiert, dass sich Spieler aus unseren Reihen dort beweisen konnten und wichtige Erfahrungen gesammelt haben.
Zuletzt sorgte der FV Calw auch immer mal wieder Negativschlagzeilen. Unter anderem soll bei einem Jugendspiel eine Kabine geflutet worden sein. Wie sehr nervt Sie das?
Das macht mich in erster Linie traurig. Die entsprechenden Geldstrafen des Verbands machen mich sprachlos. In Summe bin ich dann genervt. Wir haben schon immer mit Vorurteilen zu kämpfen, das macht sich auch immer wieder bemerkbar. Diese Vorurteile werden dann durch solche ein Verhalten bestätigt. Wer mich kennt, der weiß, für welche Werte ich stehe. Diese Vorfälle beziehungsweise das damit verbundene Verhalten gehören nicht zu uns und haben bei uns auch nichts zu suchen. Wir gehen seit Anfang des Jahres nun aktiver dagegen vor. Personen, sei es in der Jugend oder im aktiven Bereich, welche sich nicht an unsere Verhaltensregeln halten, werden entsprechend aussortiert. Dies gilt für Spieler sowie Zuschauer.
Welche Schlagzeile würden Sie stattdessen gerne über den FV Calw lesen?
Leider findet man in letzter Zeit sehr wenige Nachrichten über den gesamten Spielbetrieb im Kreis Calw. Ich würde mir in erster Linie wünschen, dass über unseren Kreis wieder mehr berichtet wird. Wenn dann auch noch sportlich positiven Nachrichten von uns darinstehen, würde mich das natürlich umso mehr freuen.