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Fußball Ibuprofen und Co. sind gefährlicher Alltag auf Fußballplätzen

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Im Amateurfußball werden bergeweise Schmerzmittel genommen Foto: Jonathan Sachse/ CORRECTIV

Der Amateurfußball hat ein Schmerzmittelproblem, das zeigen Recherchen von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion. 

Ende November 2019, ein Freitagabend, Flutlicht. In Mönchengladbach empfängt der Bezirksligist Rheydter Spielverein den SV Lürrip. Der Gastgeber ist vorbereitet. »Wir nehmen schon generell vor Spielen Schmerzmittel, mehr oder weniger die ganze Mannschaft«, berichtet  Kapitän Silvio Cancian im Trainerzimmer. Der 25-Jährige sagt, er habe schon lange nicht mehr ohne Pillen gespielt. »Man fühlt sich dann sicherer, wenn man Ibuprofen drin hat, als wenn man jetzt keine drin hat.«

Schmerzmittelmissbrauch im Fußball, bei Amateuren und in Profi-Teams: Reporter des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion sind dem Thema über Monate nachgegangen. Bei den Profis berichtet etwa der langjährige BVB-Verteidiger Neven Subotic über seine Erfahrungen aus der Kabine. »Was ich in den letzten 14 Jahren mitbekommen habe: Ibuprofen wird wie Smarties verteilt«, sagt Subotic, der heute für Union Berlin spielt. »Für jedes kleine Aua gibt es quasi pauschal Ibuprofen.«

Subotic, 31, zweimal deutscher Meister mit Borussia Dortmund, sagt auch, die Spieler würden über mögliche Folgen in der Regel nicht informiert. »Es heißt dann immer: ›Wenn du spielen willst, kannst du das nehmen, dann fühlst du dich gut, und dann spielst du.‹« Er selbst halte sich, so gut es gehe, fern von den Mitteln.

Wie Smarties futtern auch die Amateurkicker vom Rheydter SV Schmerzmittel. »Die Tabletten holen wir meistens in Holland, da sind sie günstiger«, meint  Trainer René Schnitzler, 35, der früher beim FC St. Pauli spielte.
Schnitzlers Co-Trainer Ferdi Berberoglu hat beobachtet, was die Pillen mit den Spielern machen. »Die werden durch die Schmerzmittel lockerer. Damit die diesen Druck loswerden«, sagt er. Der Konsum zieht sich offenbar durch den ganzen Rheydter Kader. Laut Trainer Schnitzler ist das »im Amateurbereich sogar noch viel, viel mehr geworden«.

Wie weit verbreitet ist es bei den Millionen deutschen Freizeitkickern, mit Schmerztabletten kurz vor Anpfiff zum Beispiel die Nervosität zu senken? Correctiv und die ARD-Dopingredaktion haben dazu eine Befragung unter Amateurfußballern aufgesetzt. 1142 Spieler beteiligten sich daran. Das Ergebnis der nicht repräsentativen Online-Erhebung: Etwa die Hälfte der Teilnehmer nehmen mehrmals pro Saison Schmerzmittel, 21 Prozent gar einmal pro Monat oder öfter. Als Grund gaben sie längst nicht nur die Bekämpfung von akuten Schmerzen an.

Fast 42 Prozent der Teilnehmer wollen mit den Pillen Einfluss auf ihre Leistung nehmen. Konkret wollen sie die Belastbarkeit erhöhen. Sie wollen Sicherheit gewinnen und den Kopf frei haben. Einige erklärten in der Befragung auch direkt, ihre Leistung steigern zu wollen.

Für den Kölner Dopingforscher Hans Geyer sind Schmerzmittel im Sport Doping. Der Hoffenheimer Mannschaftsarzt Thomas Frölich sagt mit Blick auf Schmerzmittelkonsum im Sport, Doping sei »eigentlich grundsätzlich so definiert, dass jede Leistungssteigerung auf unnatürliche Weise, also Abseits des Trainings oder der normalen Ernährung, als Doping gilt«. Auf der Liste der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) stehen die Tabletten aber nicht.

Dabei können die Mittel bei übermäßigem Konsum durchaus gefährlich sein: Sie können Magen, Herz und Nieren schaden. Einige Amateurspieler schilderten in der Befragung, was sie erlebten. Von »Abhängigkeit« und »ständigem Verlangen« schrieben sie, von »Blut im Stuhl« und »chronischen Entzündungen«, von »hohem Blutverlust bei offenen Wunden« und »Darmbluten«.

Von den »Leberwerten, die durch die Decke gehen« berichtete bei der Befragung Felix Lenneper, ein Amateurspieler aus dem Sauerland. An seinem rechten Bein und Fuß zählt er heute 15 Verletzungen – Bänderrisse, Brüche, Knorpelschäden. So weit wäre es nicht gekommen ohne Schmerzmittel, die den Körper weit über jede Grenze der Vernunft noch einsatzfähig machen.

Auf Verletzungen antwortete Felix Lenneper schon als Jugendspieler mit Schmerzmitteln. Er steigerte die Dosierung, von Ibuprofen 400 auf zwei Ibuprofen 800 am Tag. Und endete beim synthetischen Opioid Tilidin. Als wegen einer Grippe sein Blut untersucht wurde, erfuhr er, dass seine Leberwerte zehnmal höher als normal waren. Lenneper war jetzt entschlossen, den Konsum zu reduzieren. Das gelang ihm. Für ein paar Wochen. Das Opiat Tilidin empfahl ihm ein Mitspieler. Ärzte verschreiben es Krebspatienten oder frisch operierten Menschen. Lenneper nahm mit 19 Jahren über einen Zeitraum von neun Monaten vor den Spielen regelmäßig eine halbe Tablette Tilidin. Zuhause warf er manchmal noch nach. »Ich verspürte ein Verlangen, das Medikament zu nehmen«, sagt er heute.

Bei einem Spiel im Frühjahr 2010 halbierte er nicht mehr, sondern nahm wegen einer Zerrung eine komplette Tilidin-Tablette. Was dann passierte, beschreibt Lenneper heute so: »Meine Muskeln begannen zu zittern, ich hatte kalten Schweiß auf der Haut, Schwindel, alle Grippesymptome im Schnelldurchlauf.«

Er quälte sich auf den Platz. In der sechsten Minute sackte er in der Spielfeldmitte zusammen. Nach einer halben Stunde musste er sich erbrechen. Wenig später saß er im Krankenwagen. In der Notfallambulanz sprachen sie von einem Kreislaufkollaps. Dass Lenneper Tilidin genommen hatte, behielt er allerdings für sich. Insgesamt vier Jahre versuchte er noch, weiter Fußball zu spielen. 2015 musste Felix Lenneper mit 24 Jahren seine Laufbahn beenden.

Bei der Befragung von CORRECTIV und ARD-Dopingredaktion berichteten insgesamt fünf Spieler, sie hätten Tilidin genommen, um weiter Fußball spielen zu können. Drei Spieler gaben Tramadol an, ein weiteres Opioid. Zweimal wurden die besonders wirkungsvollen Opioide Oxycodon und Desomorphin angeben.v

DFB-Präsident Fritz Keller zeigte sich »schockiert«, als ihm das Ergebnis der Befragung gezeigt wurde – und kündigte eine Reaktion an: »Da müssen wir unbedingt an unsere Landesverbände gehen und über Trainer eine Sensibilisierung hinkriegen.« Der Sport im Amateurbereich, so Deutschlands ranghöchster Fußball-Vertreter, sei »zur Gesunderhaltung gedacht und nicht dafür, dass man sich kaputt macht.«

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