Die Fußball-EM hinterlässt in der Region sehr gemischte Gefühle: Hoteliers sind überwiegend zufrieden, Gastronomen unentschieden, Händler weniger erfreut. Ein erfreulicher Umstand lässt die IHK Region Stuttgart und das Wirtschaftsministerium hoffen.
Nach der Devise „Es gibt nur einen Rudi Völler“ hat der Elektronikfachhändler Expert mit dem DFB-Sportdirektor als Markenbotschafter sein EM-Geschäft angekurbelt. Resultat: Bei TV-Geräten sei ein um 71 Prozent höherer Absatz als im Vorjahreszeitraum verzeichnet und damit die Entwicklung des Gesamtmarktes deutlich übertroffen worden, sagte eine Sprecherin unserer Zeitung. Der Trend gehe zum Kauf großformatiger und höherwertiger TV-Geräte. So sei der Verkauf sehr großer Bildschirme ab 75 Zoll deutlich gestiegen, und der Wert der verkauften TV-Produkte habe um 85 Prozent über dem des Vorjahreszeitraums gelegen. Der Wirtschaft insgesamt hilft dieser EM-Konjunkturschub in den Wohnzimmern wenig, wie ein Überblick zeigt.
Die Bilanz ist gemischt „Der große Gewinn dieser EM hat sich nicht in allen Kassen ausgezahlt“, zieht Susanne Herre, Hauptgeschäftsführerin der IHK Region Stuttgart, eine „gemischte wirtschaftliche Bilanz“. Für sie ist die „tolle Stimmung der klare Sieger“. Stuttgart habe sich weltoffen, gastfreundlich und gut organisiert gezeigt. Wenn diese Stimmung anhalte, „wird das langfristig unsere Region stärken und sich auch für die Wirtschaft auszahlen“, hofft Herre.
Viele Hoteliers in Stuttgart und der Region äußerten sich „sehr zufrieden“ mit den Gästezahlen, stellt die IHK fest. Bei den Gastronomen falle die Bilanz durchwachsen aus, und der Handel zeige sich eher verhalten, weil kein Umsatzplus erzielt worden sei.
Dass sich Baden-Württemberg den internationalen Gästen als guter Gastgeber präsentiert habe, meint auch das Wirtschaftsministerium. „Trotz des wechselhaften Wetters und des Ausscheidens der deutschen Mannschaft im Viertelfinale gehen wir von positiven und nicht nur kurzfristigen Effekten für die Tourismuswirtschaft und auch den Handel aus, die sich allerdings noch nicht quantifizieren lassen“, sagt eine Sprecherin. Die Eindrücke der Gäste und das Medieninteresse könnten die nationale und internationale Wahrnehmung des Wirtschaftsstandorts Baden-Württemberg über die Euro 2024 hinaus steigern. „Gleiches gilt für Produkte aus Baden-Württemberg, für die die EM eine gute Plattform zur gezielten Werbung bot.“
Der Handel muss teils starke Einbrüche hinnehmen „Wie immer gab es Licht und Schatten“, sagt Sabine Hagmann, die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbandes Baden-Württemberg. Während die Elektronikbranche einen Umsatzzuwachs bei TV-Geräten verbuche, seien viele Innenstadt-Geschäfte „in ihrem Urteil eher zurückhaltend“. Sie hätten teilweise massive Frequenz- und Umsatzeinbrüche von 50 bis 70 Prozent verzeichnet – die größten Rückgänge „ausgerechnet an EM-Spieltagen“. Teilweise hätten auch, insbesondere in Stuttgart, die Sperrungen der Parkhäuser und weitere verkehrliche Beschränkungen zu Unsicherheiten und Verärgerungen bei den Verbrauchern geführt“. Dennoch bestehe die Hoffnung, so Hagmann, „dass die wunderbare Atmosphäre der EM zu positiven Effekten im Kaufverhalten der Konsumenten führen wird“. Und der Spielort Stuttgart bringe „im Nachgang hoffentlich wieder mehr Shopping-Touristen ins Land“.
Die Gastronomie ist großteils enttäuscht Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga hat ernüchternde Zahlen: Laut einer aktuellen Umfrage sähen 88 Prozent der Teilnehmer keine positiven Effekte durch die EM – nur für rund acht Prozent gäbe es positive Impulse. In den Austragungsorten immerhin profitierten mit 17,5 Prozent gut doppelt so viele Betriebe von der EM. Eine „besonders gute Resonanz“ melden 32 Prozent der Kneipen, Bars und Biergärten.
Wirtschaftsforscher sehen sich bestätigt Die Ökonomen waren schon vorher zurückhaltend. Ein „konjunkturelles Sommermärchen“ sei nicht zu erwarten, hatte das DIW Berlin vor vier Wochen prophezeit. Jetzt darf man sich bestätigt fühlen. „Wir haben noch keine aktuellen Daten für den EM-Zeitraum, um die Ergebnisse schon überprüfen zu können“, sagt Jan-Christopher Scherer, leitender Wirtschaftsforscher beim DIW. Es sei aber nichts Überraschendes passiert, was Anlass geben würde, von der Sommerprognose abzuweichen. „Deutschland hat – überspitzt formuliert – geliefert und eine solide Gastgeberrolle ausgefüllt.“ Es sei alles im Rahmen des Erwartbaren. Somit „wird die EM keine großen gesamtwirtschaftlichen, sondern eher lokal konzentrierte Effekte in den zehn Austragungsstädten und bestimmten Branchen zur Folge haben“, sagt Scherer. Wenn das Gastgewerbe und der Einzelhandel kleine Impulse erfahren, falle es übers Jahr betrachtet kaum ins Gewicht.
Mit Blick auf den privaten Konsum unterstreicht der DIW-Forscher auch die Verdrängungs- und Substitutionseffekte. „Selbst wenn ich ein begeisterter Fußballfan bin und vier Wochen draußen mitgefeiert und im Gastronomiebereich Geld ausgegeben habe, dann werde ich wahrscheinlich vorher oder nachher meinen Konsum etwas eingeschränkt haben oder einschränken, um das zu ermöglichen“, sagt er. Auch wenn sich Haushalte einen neuen Fernseher gekauft hätten, fehle das Geld an anderer Stelle. „Es dürften größtenteils Umschichtungen innerhalb des privaten Konsums sein.“ Ebenso gäben die ausländischen Gäste hier Geld aus, verdrängten aber auch andere Touristen, die ansonsten im Juni oder Juli angereist wären.
Und der Bausektor? Vor der WM 2006 seien noch Stadien und Infrastruktur vielfach neu gebaut wurden, während die EM jetzt weitgehend mit bestehender Infrastruktur ausgetragen wurde. Zudem seien Ausgaben nicht allein wegen des Turniers getätigt worden. „So hat es auch im Baubereich keine besonderen Effekte gegeben“, sagt Scherer.