William Kvist (rechts). Foto: dpa

VfB-Profi peilt mit Dänemark die Sensation bei der Euro an – Kvist ist handlungsschneller geworden, wacher.

Stuttgart - William Kvist (27) ist ein gebildeter Mann. An der Uni Kopenhagen schloss er im vergangenen Sommer sein Bachelor-Studium in Wirtschaftswissenschaften ab. Der Däne liest gerne anspruchsvolle Romane – und offenbar ist er jetzt sogar selbst unter die Autoren gegangen. „Ich habe schon ein ganzes Buch geschrieben“, sagt der defensive Mittelfeldmann des VfB: „Über die Deutschen.“

 

Nun gibt es Kvists Erstlingswerk nicht wirklich – der Spaßvogel leistete sich nur mal wieder einen lockeren Spruch. Doch hinter dem Flachs steckte auch so etwas wie Ernsthaftigkeit. Denn vor der EM sieht sich Kvist als eine Art Chefinformant für seinen Nationaltrainer Morten Olsen. Im letzten Gruppenspiel geht es für das dänische Team gegen Deutschland – und weil Kvist der einzige Däne im Kader ist, der in der Bundesliga spielt, gibt er den Spion. „Ich kenne die deutschen Jungs mittlerweile ganz gut – und ich werde Morten Olsen mit Sicherheit fleißig über sie berichten.“

„Es wird hochinteressant werden, sich mit diesen großen Teams zu messen“

Irgendwie soll es ja schließlich was werden mit der dänischen Sensation in der Gruppe B, in der es vor dicken Brocken nur so wimmelt. Portugal, Deutschland, Niederlande. Dazu Dänemark, der Außenseiter. „Es wird hochinteressant werden, sich mit diesen großen Teams zu messen“, sagt William Kvist, „bei uns im Land ist die Erwartungshaltung ja nicht so groß. Aber ich weiß, dass wir jeden schlagen können – außer vielleicht Deutschland oder Spanien, wenn die einen guten Tag haben.“

Dass fast niemand mit den Dänen rechnet, stört Kvist nicht. Im Gegenteil. Der Mittelfeldmann, der im vergangenen Sommer für 3,5 Millionen Euro vom FC Kopenhagen zum VfB wechselte, hat wie fast alle seine Landsleute eine ganz bestimmte Jahreszahl im Kopf, wenn es um das Nationalteam geht. Seither weiß er, dass im Fußball alles möglich ist. Gerade für den Außenseiter, mit dem niemand rechnet.

Gerade für Dänemark.

Kvist ist im Sommer 1992 sieben Jahre alt, er ist mit seiner Familie im Urlaub auf Jütland. „Mein Vater ist fast durchgedreht“, sagt Kvist, „das war sehr schön.“ Die Emotionen von Kvists Papa hatten einen einfachen Grund. Dänemark wurde Europameister, bezwang Deutschland im Finale sensationell mit 2:0.

Die Geschichte mit den urlaubenden Kickern, die nur wegen des Ausschlusses Jugoslawiens kurzfristig am Turnier in Schweden teilnehmen duften, ist bekannt. Die Geschichte von der Fast-Food-Truppe, die sich am Tag vor den Spielen ein paar Burger gönnte und dann auf dem Platz für Angst und Schrecken sorgte.

Die Rolle des Underdogs lag uns einfach schon immer“

Ihr Geist lebt bis heute – und die Generation, die 20 Jahre später beim Turnier in Polen und der Ukraine antritt, sieht sich für die nächste Sensation gerüstet. Die Zuversicht speist sich auch aus der Vergangenheit. „Wir können mit Sicherheit für eine große Überraschung sorgen“, sagt Kvist. Denn: „Die Rolle des Underdogs lag uns einfach schon immer. Wir Dänen sind im Grunde immer sehr locker – wir arbeiten vielleicht nicht so viel und so hart wie etwa die Deutschen. Aber wir erzielen oft die gleiche Qualität. Unsere Mentalität, die Lockerheit, das kann uns nach vorne bringen.“

Wohin das alles führen kann, zeigte sich schon in der Qualifikation. Da wurde Kvists Team Gruppensieger. Vor dem EM-Gruppengegner Portugal. Dänemark spielte befreit auf.„Wir haben ein Team, das bei aller Lockerheit auch viel Leidenschaft mitbringt. Und auch wenn das viele nicht glauben mögen: Wir haben uns zu einer spielstarken Mannschaft entwickelt“, sagt Kvist.

Trainer Morten Olsen lässt offensiv spielen. Sein System ist ganz auf Ballbesitz und Ballkontrolle ausgelegt. Kvist kommt dabei jene Rolle zu, die er auch schon beim VfB ausfüllt. Er soll als Sechser vor der Abwehr die defensive Ordnung halten. „William ist der Boss bei uns im Mittelfeld“, sagt Olsen kurz und trocken.

„Ich bin gerüstet für die EM“

Kvist ist zusammen mit seinem Nebenmann, dem Ex-Schalker Christian Poulsen, für die Organisation zuständig. „Vielleicht spiele ich im Nationalteam sogar noch einen Tick defensiver als in der Bundesliga beim VfB“, sagt er. Dänemark sei noch offensiver ausgerichtet als der VfB. Und wenn um ihn herum alles nach vorne rennt, braucht es eben einen Kvist, der hinten bleibt und die Ordnung hält.

„Ich bin gerüstet für die EM“, sagt er – und damit meint er nicht nur sein taktisches Verständnis. Auch körperlich und mental fühlt er sich bereit für das große Turnier. „Ich habe enorm von meinem Wechsel zum VfB profitiert“, sagt er. „In der Bundesliga musst du immer hellwach sein. Die körperliche Intensität ist unglaublich hoch, auch mental wird dir Woche für Woche alles abverlangt.“ Im Training in der Nationalelf merke er das in jeder Szene. Kvist erkennt Dinge früher, ist handlungsschneller. Kann besser antizipieren. Ist wacher. Das erste Lehrjahr in der Bundesliga, es hat ihn besser gemacht.

Sein Plan für die Europameisterschaft ist jedenfalls klar: Vor dem letzten Gruppenspiel gegen Deutschland sollen er und sein Team noch eine reelle Chance haben aufs Weiterkommen. Am besten in dieser Konstellation: „Ich hoffe, dass wir beide schon sechs Punkte haben“, sagt Kvist und lacht: „Dann haben wir vielleicht ein schönes Freundschaftsspiel.“