Der DFB sehnt sich bei der Heim-EM 2024 nach dem nächsten Sommermärchen – doch die Zustände beim Verband und in der Nationalelf sind veritable Stimmungskiller. Eine Analyse.
Wehende Fahnen in Schwarz-Rot-Gold. Strahlende Gesichter. Gastfreundschaft. Sommer, Sonne, Sonnenschein. Deutschland, ein nächstes Sommermärchen: Der Traum für 2024 lebt. Die Heim-EM steht an – und alles, das ist die Vorstellung der Organisatoren und der Strategen des Deutschen Fußball-Bunds (DFB), soll im Juni und Juli bitte so werden wie im Juni und Juli bei der WM 2006. Mit der nicht ganz unerheblichen Einschränkung, dass die Vergabe des Turniers dieses Mal komplett mit rechten Dingen zugegangen sein sollte.
Deutschland, ein Sommermärchen 2.0 also? Es fällt zumindest aus rein deutscher Sicht Ende Dezember 2023 schwer, daran zu glauben. Weil der Albtraum im deutschen Fußball mal wieder kein Ende nimmt. So hat der Niedergang der Nationalmannschaft zumindest in den vergangenen beiden Partien unter dem neuen Bundestrainer Julian Nagelsmann wieder rasant an Fahrt aufgenommen. Dass der Coach seinen Kurs nur drei Monate nach Amtsantritt sowohl taktisch als auch personell wieder ändern will, sagt einiges aus über den Trümmerhaufen namens DFB-Elf, aus dem der Aufbauhelfer Nagelsmann nach drei missratenen Großturnieren ein funktionierendes Gebilde machen will.
Die sportliche Krise der Nationalmannschaft ist dabei nur ein Brennpunkt unter vielen beim DFB. Ein weiterer: Wie geht es weiter nach der EM – oder besser: mit wem? Nagelsmanns Vertrag läuft nach dem Turnier aus, ebenso wie der von Sportdirektor Rudi Völler. Einen Plan für die Zeit danach gibt es nicht. Alles ist kurzfristig gedacht – Ausdruck der Krisen der jüngeren Vergangenheit und der Panik, die damit einhergeht.
Das Nationalteam wird inzwischen geführt wie ein Abstiegskandidat in der Bundesliga, und das geht so: Ein Feuerwehrmann, in dem Fall mit Nagelsmann ein fähiger, der diesen Namen nicht verdient, leitet die Geschicke bis Saisonende. Er soll retten, was zu retten ist, und dann schaut man weiter. Wenn es klappt mit einer guten EM im Sommer, herrscht vielleicht wieder Aufbruchstimmung. Sonst gibt es halt wieder Abbruchstimmung. Weitsicht, Souveränität, Kontinuität? Fremdwörter beim viermaligen Weltmeister, der im ständigen Krisenmodus ist.
Der einst ruhmreiche DFB ist zum taumelnden Riesen geworden. Und der einst so reiche DFB ein zum Sparen verdonnerter Großbetrieb. So geizt die Nationalelf mit sportlichen Erfolgen, der Verband wiederum muss angesichts der höchst prekären Finanzlage jeden Cent umdrehen, auch das ist ein Zustand Ende 2023. Ein Konsolidierungskurs wurde schon vor Monaten verkündet, um vom strukturellen Defizit von jährlich 19,5 Millionen Euro herunterzukommen. Am Ende wies der Finanzbericht 2022 ein Minus von 4,2 Millionen Euro aus.
Der größte Kostenfaktor ist der im Juni 2022 eröffnete Campus in Frankfurt, der die DFB-Verwaltung mit dem sportlichen Bereich vereint. Der Neubau kostete 180 statt der geplanten 150 Millionen Euro. Das Gebäude für rund 600 Arbeitsplätze auf vier Etagen ist überdimensioniert und bleibt teuer. Denn das Riesenbaby des Ex-Direktors Oliver Bierhoff verschlingt 18 Millionen Euro im Jahr an Unterhaltskosten und damit doppelt so viel wie erwartet. Langfristig helfen finanziell nun nur Erfolge des Nationalteams und damit Prämien gegen die roten Zahlen. Alles hängt zusammen. Eine Misere mit der anderen, der Sport mit den Finanzen.
Zu dieser Wahrheit gehört auch, dass dem Verband das Geld fehlte, um dem Bundestrainer Nagelsmann einen langfristigen Vertrag über die EM hinaus zu geben (unabhängig davon, ob Nagelsmann selbst das bei seinem Amtsantritt überhaupt gewollt hätte). Denn wenn es schiefgeht beim Turnier, wäre eine Entlassung bei einem langfristigen Vertrag teuer. Der DFB kann sich das nicht leisten, nachdem er bei Vorgänger Hansi Flick und dessen Freistellung schon Millionen verbrannt hat.
Alles bleibt in der Not kurzfristig gedacht – passend dazu beweist der DFB auch auf einem anderen Feld fehlende Weitsicht. So sitzt Präsident Bernd Neuendorf im Fifa-Rat: in der Regierung des Weltverbandes also, die ohne echte Abstimmung in einer Videokonferenz im Oktober quasi entschieden hat, dass die WM 2034 in Saudi-Arabien stattfindet. Was unter anderem den ehemaligen UN-Botschafter Willi Lemke auf den Plan rief.
Als „absoluten Irrsinn“ bezeichnete der Ex-Manager von Werder Bremen das Prozedere. Er verstehe nicht, „warum der DFB und andere Verbände das haben durchlaufen lassen“. Und, was soll man sagen: Diese Meinung hat Lemke nicht exklusiv. Oder anders: Neuendorf und der DFB haben sich mit dieser (Nicht-)Haltung auch noch ein gesellschaftspolitisches Problem erschaffen, das vor der EM auf die Stimmung im Land drückt.
Neuendorfs Haltung
Neuendorf selbst sagt zur Causa Saudi-Arabien dies: „Ich nehme mir heraus, dass ich mit Menschenrechtsorganisationen spreche, mit Regierungen, auch mit den Saudis, um zu hören: ,Was habt ihr genau vor mit dem Turnier?‘“ Und weiter: „Wenn wir mit einer starken europäischen Position auf bestimmte Dinge drängen, wird sich die Fifa dem auch nicht verschließen können.“
Man wird ja wohl mal träumen dürfen. So ähnlich vielleicht wie von einem Sommermärchen bei der Heim-EM 2024. Die Grenzen zwischen Traum und Albtraum verlaufen fließend beim DFB, Ende Dezember 2023.