Bundestrainer Hansi Flick sieht sich als Teil des Teams und delegiert viele Aufgabenan seine Assistenten. Einer von ihnen ist der Standardcoach Mads Buttgereit, der die Freistöße und Eckbälle der DFB-Elf besser machen soll. Wie geht das?
Stuttgart - Das neue Standardprogramm der DFB-Elf startete im ersten Training unter dem neuen Bundestrainer. Hansi Flick delegiert gerne an seine Assistenten. Er sieht sich als Teil seines Teams, weshalb die Assistenten während der Einheiten in Stuttgart allesamt zu Chefs mit allen Vollmachten in ihren Spezialgebieten werden. Und so kam es, dass der eine Co-Trainer Danny Röhl eine Gruppe des Teams in mehreren Spielformen lautstark und eigenmächtig zum Gegenpressing und zu schnellen Abschlüssen animierte – und der andere Teil der Spieler nach einer halben Stunde beim anderen Assistenten Mads Buttgereit stand.
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Vor der Gruppe um Joshua Kimmich, Marco Reus und Thomas Müller standen auch ein paar aufblasbare Männchen, die die sogenannten Pappkameraden als Mauer von früher beim Freistoßtraining abgelöst haben. Die Vorteile liegen auf der Hand: Aufblasbare Männchen sind nicht so schwer wie Pappkameraden, die oft nicht aus Pappe, sondern aus Eisen waren. Und sie fallen nach den Schüssen auf sie auch nicht so leicht um – weil man sie offenbar irgendwie fest im Rasen verankern kann. Kimmich, Reus, Müller und Kollegen also schossen fleißig (auch einige Male nicht auf, sondern über die Männlein) – und Buttgereit filmte sie. In Nahaufnahme. Seine Kamera war knapp über der Grasnarbe auf die Füße und genau auf den Schuss der Nationalspieler gerichtet.
Neuer Standardtrainer
Der Däne Mads Buttgereit ist der neue Standardtrainer der DFB-Elf. Dass es ihn gibt in diesem Kreis, ist einerseits den fürchterlichen Standards der deutschen Mannschaft bei der EM im Sommer geschuldet – andererseits aber auch der Leidenschaft des neuen Trainers Flick für Eckbälle und Freistöße, die er schon bei der WM 2014 in Brasilien als Assistent von Joachim Löw ausdauernd auf dem Trainingsplatz einstudieren ließ.
Flick, so sagte er es nun kürzlich, hat einen guten Draht zu Bernhard Peters, dem ehemaligen Hockey-Nationaltrainer, der dann auch mal Fußballfunktionär wurde. Peters und Flick vertieften sich ins Gespräch über die Bedeutung von Standardsituationen, sie zogen Quervergleiche in ihren Sportarten, sie kamen von der Hockey-Strafecke zur Fußball-Ecke, sozusagen. Und irgendwann empfahl Peters dem neuen Bundestrainer die Spezialkraft Mads Buttgereit.
Ein wichtiges Thema
Der arbeitete von 2017 bis 2019 als Standardtrainer beim FC Midtjylland in Dänemark. Bei der EM im Sommer gehörte er als Standardcoach dem dänischen Team an – und hatte damit seinen Anteil am herrlichen Freistoßtor von Mikkel Damsgaard zum 1:0 im Halbfinale gegen England (1:2). Man habe bei der EM gesehen, dass Standards „ein Thema sind, das sehr wichtig ist“, sagte Hansi Flick nun. „Deshalb haben wir jetzt Mads dabei. Er wird uns neue Wege aufzeigen, Tore bei Standardsituationen zu erzielen.“
Diese Wege, klar, führen nur über eine gute Technik – beim Schuss selbst, aber auch bei der Auswertung der vielen Trainingsschüsse, die die Nationalspieler von nun an lostreten werden. So nutzt Buttgereit ein modernes System für seine Arbeit: den sogenannten Trackman. Dabei handelt es sich um ein bis zu 25 000 Euro teures, mit entsprechender Software ausgerüstetes Gerät, das vor allem im Golf, aber auch im American Football und Baseball eingesetzt wird. Mit dem Trackman, so erklärte das Buttgereit nun in Stuttgart, werde etwa im Golf die Schwungtechnik präzise analysiert. Das Programm könnte aber nun auch auf die Analyse der Schusstechnik bei Freistoß- oder Eckballschützen im Fußball übertragen werden.
Jeder Schuss wird ausgewertet
Für die Schützen der Nationalelf bedeutet das: Jeder Schuss wird ausgewertet. Verbunden mit diesen Fragen: Mit welcher Fläche des Schuhs wird der Ball getroffen? Mit welcher Geschwindigkeit fliegt er? Mit welchem Spin? Alles wird exakt gemessen. „Wenn du Daten dazubekommst, kannst du deine Arbeit belegen“, sagte Buttgereit noch dazu: Man sehe genau, was passiert, wenn man den Ball zu hart, zu weich oder mit zu viel Spin trete – und was sich an der Flugbahn ändere, wenn man an diesen Details arbeite.
Der Freistoß 2.0 für Fortgeschrittene kommt also auf die deutschen Spieler zu – was dem Freistoßliebhaber Flick Freude bereitet: „Mads kann das den Jungs dann hinterher auch am iPad zeigen und ihnen sagen: ‚Schau, du hast mit diesem und jenem Spin gegen den Ball geschlagen, und er ist dann zu hoch oder im verkehrten Winkel geflogen – probier’s doch mal anders‘.“
Man kann nicht zaubern
Buttgereit selbst wiederum brauchte nicht lange, um die Erwartungen einzuordnen. „Man kann ja nicht zaubern, man kann nicht bei direkten Freistößen zum Spieler sagen: Mach das so und so, dann klappt es“, sagte der 36-Jährige, der einen deutschen Vater hat und fließend und akzentfrei Deutsch spricht. Es stecke vielmehr kontinuierliche Arbeit dahinter, um zum Erfolg zu kommen. Und bestenfalls, so sagte das Buttgereit noch, arbeiten die Nationalspieler bei ihren Clubs einfach an den Standards weiter.