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Furtwangerin erzählt Kurioser Silvestertag im Jahr 1935

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Sie kann mit ihren über 90 Jahren Bände von Erlebnissen füllen: Freia Herrmann. Die ehemalige Lehrerin erzählt von einem prägenden Silvestertag in früher Kindheit. Foto: Kouba

Von einer spektakulären Flucht mit langfristigen Folgen und einem bewegenden Familienzusammenhalt erzählt die über 90-jährige Furtwangerin Freia Hermann. Mit beeindruckenden Erinnerungsvermögen berichtet die ehemalige Lehrerin vom Leben in einer gänzlich anderen Epoche - mehr dazu lesen Sie in unserem SB(+)Artikel.

Furtwangen - Sie gehört zu einer geachteten Freiburger Familie. Der Vater Eugen war ein gefragter Schreinermeister. Die Mutter stammte aus dem Markgräflerland und versorgte die Familie. Die Eltern, denen die Nazis abhold waren, waren auf eine gute schulische Ausbildung bedacht und ebneten ihrer Tochter in Kriegswirren und Nachkriegszeit die Ausbildung zur Musikerin. Freia Herrmann erzählt ihre fast unglaubliche, aber wahre Geschichte:

Man schrieb den 31. Dezember 1935. Ein noch nicht sechsjähriges Mädchen in der Freiburger Sternwaldstraße ist alleine zuhause. Die Mutter machte Besorgungen in Auggen, der Vater war beruflich unterwegs und die Oma besuchte eine andere Tochter.

Überraschender Besuch

Plötzlich hörte das kleine Mädchen eine Männerstimme mit den Worten: "Kind, hilf mir doch". Der Mann schien verletzt, lief fast auf allen Vieren. Er hatte eine alte, schon zerfetzte Hose an. Er bat innig, etwas für ihn zu tun. Das Mädchen ließ ihn ins Bad, damit er sich erfrischen konnte.

Seinen Namen oder seine Herkunft wollte der durchaus höfliche Herr nicht nennen. Er bat um Essen. Die Mutter hatte vor ihrem Weggehen noch zwei Brote gerichtet gehabt, die das Mädchen dem Mann übergab. Mit Heißhunger verschlang der Fremde die willkommene Speise und er erzählte, dass er sich von Karlsruhe nach Freiburg durchgeschlagen habe und in die Schweiz wolle. Der Wiehre-Bahnhof war nicht weit weg. Von da wollte er nach Basel.

Das Outfit des Mannes war nicht einladend. Die Hemdärmel waren kaputt, die Knöpfe waren ab. Dem schon ergrauten Mann kamen die Tränen: "was soll ich machen, hast du kein Hemd für mich?"

Die Mutter hatte alle Wäsche eingeweicht und somit entfiel diese Hilfsmöglichkeit. Der Vater hatte jedoch eine eiserne Reserve von zwei Hemden, die sein "Heiligtum" waren und für besondere Anlässe gedacht waren. Eines der Hemden gab die Kleine dem Unbekannten.

Dann war die Fahrt nach Basel das nächste Problem. Der Mann hatte zwar Geld, aber es reichte nicht. Sie kratze alles zusammen, was sie hatte, doch es fehlte noch eine Mark. Beim ihr bekannten Bäcker oder Metzger hätte sie leicht das Geld erhalten, aber die Geschäfte waren schon zu. Im Sonntagsanzug des Vaters wurde sie fündig.

Nun kam die nächste Hürde, denn der Mann konnte sich kaum auf den Beinen halten. Ein Brett mit Rädern, das dem Vater beim Möbeltransport diente, musste her. Und so zog sie den Mann zum Wiehre-Bahnhof und schob ihn durch die Absperrung zum Bahnsteig. Der Bahnhofsvorsteher kam und wetterte, da er Unregelmäßigkeiten vermutete. Auch er war behindert und lief mit Krücke.

Couragierter Einsatz

Couragiert entgegnete das Mädchen: "Der Mann ist doch wie sie ein Versehrter, warum schreien sie ihn an?" Der Beamte antwortete mit kameradschaftlicher Geste in Erinnerung an den ersten Weltkrieg und half dem Fremden in den Zug. "Kind, ich danke dir", rief der Unbekannte ihr noch zu. Am Abend beichtete das Mädchen die Geschichte ihrem Vater, der den Schleier des Schweigen darüber legte.

Langfristige Wirkung

1962 kam es zu einer außergewöhnlichen Begegnung. Ein junger Mann kam in die Schule an der Freia Hermann unterrichtete und wollte die Frau unbedingt während des Unterrichts sprechen. Hausmeister Fehrenbach übernahm für eine Weile die Aufsicht über die Schüler und sie konnte sich kurz mit dem damals 23-Jährigen unterhalten.

Der Israeli war mit einer Studentengruppe in Baden-Baden. Er hatte es eilig. Er war der Enkel jenes Mannes, mit dem die abenteuerliche Geschichte verbunden war. Der Opa habe keine Familienfeier ausgelassen, ohne von der Geschichte zu erzählen. Es stellte sich heraus, dass der Unbekannte jüdischer Bankier und Professor war und ihm die rettende Flucht über die Schweiz durch Vermittlung von Verwandten gelang.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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