Furtwanger Professor Andreas Fath schwamm schon tausende Kilometer durch viele Gewässer, jetzt war Indiens heiliger Fluss Ganges das Ziel.
Mit „Blue Source Indien“ untersuchte Fath nun den Ganges. Eigentlich ist es wie immer: Ein hochmotivierter Professor, ein Team aus Studierenden und Mitarbeitenden seiner gemeinnützigen Organisation H2Org, der Fluss, diesmal über 2600 Kilometer lang. Und doch war in Indien alles anders.
Fath konnte nicht, wie sonst bei seinen Forschungsprojekten, von der Quelle bis zur Mündung schwimmen und dabei Wasserproben sammeln. Der Ganges ist ein heiliger Fluss und wird als Gottheit verehrt. Und zugleich ist er eines der schmutzigsten Fließgewässer der Erde.
Diese Diskrepanz machte das Forschungsprojekt zu einer ganz eigenen Herausforderung. Vor wenigen Tagen kehrte Fath mit seinem Team zurück nach Deutschland, und der allererste Satz, mit dem er diese Forschungsreise beschreibt ist: „Es war völlig verrückt.“ Diesen Fluss zu erleben, die Rolle, die er im Leben von 1,5 Milliarden Menschen spielt, zu spüren. Zu begreifen, wie ein Fluss gleichzeitig Lebensader, Religionsinhalt und Gefahr zugleich sein kann – die vielen Eindrücke sprudeln nur so aus dem Professor heraus.
Religiöse Waschungen
Er berichtet vom Schwimmen an einem Flussabschnitt in Varanasi, an dessen Ufer die Leichname Verstorbener verbrannt werden. Von den Abertausenden Menschen, die sich in religiösen Ritualen jeden Tag im Fluss waschen. Von den Gebetsformeln, die er aufsagte, bei jeder Wasserprobe, die er dem heiligen Fluss entnahm. Von CleanUps mit seinem Team entlang des Ufers, bei denen sich spontan Freiwillige anschlossen.
Es geht auch von einem großen Missverständnis: „Die Bevölkerung glaubt daran, dass der Ganges Seelen reinwäscht. Und deshalb haben sie auch das größte Vertrauen, dass ihre Gottheit auch mit Plastik und Verschmutzung zurechtkommt, alles einfach fortträgt“, berichtet Fath.
Mikroplastik und giftige Vipern
Der Professor führte Gespräche mit Partnerschulen, mit Unternehmen, Wissenschaftlern, Organisationen und selbst dem Guru eines Ashrams, eines spirituellen Zentrums. Dazwischen immer wieder hin zum Fluss und hinein in dieses Wasser. In dem es neben giftigen Vipern – die Fath glücklicherweise nur von Land aus sah – neben dem Mikroplastik auch eine enorme bakterielle Verschmutzung gibt.
„Ich hatte Agarplatten dabei; auf dem Warmwasserboiler unserer Unterkunft haben wir die Abstriche ‚bebrütet‘ – und da war nach drei Tagen weit mehr drauf als bei allen anderen Flüssen zusammengenommen“, sagt Fath.
Aus der zufälligen Begegnung in einem Frühstücksrestaurant mit zwei Schulklassen wurde ein improvisiertes Klassenzimmer, eine Aufklärungseinheit zum Thema Gewässerschutz, die mit großen Augen und tiefster Betroffenheit aufgenommen wurde. „Wir mussten bei allen, die wir trafen, erst das Verständnis wecken, dass wir Menschen diesem Fluss helfen müssen“, sagt Fath.
Die Wertschätzung für seine Arbeit, die Aufnahmebereitschaft habe ihn gerührt, überwältigt und sehr zuversichtlich gestimmt, berichtet der engagierte Wissenschaftler. „Die Akzeptanz ist da, jetzt muss man nur anfangen“ – es klingt, als würde Fath am liebsten sofort zurückfliegen. Stattdessen wird er sich nun erst einmal der Auswertung aller Wasserproben widmen, die Netzwerkarbeit von Deutschland aus weiter vorantreiben und mit seinem Team einen Film finalisieren, der das Projekt „Blue Source India“ in all seinen widersprüchlichen Facetten dokumentiert.