Luis Kern Fotos: privat Foto: Schwarzwälder Bote

Bildung: Ein Jahr Fernunterricht am OHG mit Realschule / Schüler beweisen Humor bei Fotowettbewerb

Die Hälfte aller Klassen am Otto-Hahn-Gymnasium mit Realschule bleiben weiterhin im Fernunterricht. Welche Erfahrungen haben die Kinder und Jugendlichen seit einem Jahr mit dieser historisch neuartigen Situation gemacht?

Furtwangen. Einige Schüler der Klassen sieben bis zehn des Gymnasiums, die weiterhin nicht in die Schule gehen dürfen und im Homeschooling lernen, erzählen von ihren ganz persönlichen Erfahrungen.

In der Klasse 10b gibt die Mehrheit in einer Umfrage an, dass es ein Vorteil des Fernunterrichtes sei, jederzeit Musik hören zu können, wie mitgeteilt wird. Eine Minderheit hört selten oder nie Musik bei der Schularbeit, die Mehrheit nutzt insbesondere Spotify per Smartphone und Kopfhörer und stellt sich maßgeschneiderte Playlists für die jeweilige Lernsituation zusammen. Nur bei Mathe und Physik schalten fast alle die Musik aus. Musikvideos, etwa auf YouTube, werden während der Schulzeit dagegen in dieser Klasse eher selten angeklickt. Carina Winterhalder aus der 10b betont darüber hinaus: "Gerade in dieser schweren Zeit des Lockdowns, in der man sich kaum mit seinen Freunden treffen kann, haben Haustierbesitzer Glück. Sie fühlen sich weniger allein, weil immer jemand da ist, der dich aufmuntert, der dir Geborgenheit schenkt und bei dir ist. Ich selbst habe auch zwei Katzen, die mir in dieser Zeit ein bisschen Glück schenken, auch wenn sie eigentlich nichts tun, außer da zu sein."

Viggo Sager aus der 8a bemerkt dagegen: "Ich habe zu meinem Hund während des Fernunterrichts ein sehr gespaltenes Verhältnis. Einerseits ist es natürlich schön, wenn er ab und an in mein Zimmer kommt, um gestreichelt zu werden. Andererseits mag ich es nicht, wenn dieses wunderbare Lebewesen alle drei Minuten an der Tür kratzt oder selbige anbellt, was der Konzentration nicht wirklich zuträglich ist."

Nina Holler aus der 9a hingegen erlebt ihren vierbeinigen Gefährten indirekt als "Motivationstrainer": "Mittags eine große Runde mit meinem Hund laufen zu gehen und den Kopf von all dem Lernen etwas zu befreien, ist für mich die beste Motivationsspritze beim Fernunterricht."

Breit angelegte Befragungen unter Schülern, Eltern und Lehrern zeigten, dass die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen erstaunlich gut mit dem über die Bildungsplattform Moodle organisierten Lernen zurechtkommt. Aber erst, wenn man die jungen Menschen selbst zu Wort kommen lässt, zeigt sich, wie kreativ und konstruktiv viele mit der Situation umgehen. Hier einige Statements aus Klassenstufe 8 und 9: "Ich persönlich nehme Verantwortungsvolles Lernen zum ersten Mal richtig ernst. Ich glaube, es ist eine gute ›Übung‹ für unser späteres Leben", sagt Nina Holler (9a).

Eine andere Schülerin bemerkt: "Homeschooling hat den Vorteil, dass man im Schlafanzug am Schreibtisch sitzen kann und nicht so lange für Aufgaben braucht wie in der Schule!" Eine Mitschülerin bestätigt: "Man muss nicht lange warten bis der Lehrer es den anderen nochmal und nochmal erklärt hat, sondern kann dann anfangen, wann man möchte, wenn man sich die Aufgaben selbst einteilt." Dennoch nehmen die Mittelstufenschüler auch die Nachteile des Fernunterrichtes sehr bewusst wahr: "Man kann sich nicht so gut mit den Lehrern austauschen, weil man immer erst warten muss, bis der Lehrer geantwortet hat." Besonders häufig bezieht sich die Kritik am Fernunterricht auf die nicht immer perfekt funktionierende digitale Technik. Ida Ploetz, Neuntklässlerin und Mitglied des Schülerzeitungsteams, schreibt dazu: "Wenn man schlechtes Internet hat oder einfach der Computer einen im Stich lässt, dann muss man den ganzen Stoff nachholen, versuchen den Lehrer zu informieren, warum man nichts abgeben kann und so weiter. Das ist viel komplizierter als im Präsenzunterricht."

Insgesamt aber kann sie die verbreitete Meinung, Fernunterricht sei schlecht und Präsenzunterricht immer besser, nicht teilen. Auf die Frage, "Worauf freust du dich am meisten, wenn der Präsenzunterricht wieder los geht?", antwortet sie: "Auf meine Freunde, die Struktur und dass man endlich wieder durchblickt. Aber nach einer Woche, wenn die ersten Arbeiten kommen, geht das Gejammer wieder los, wie schön doch das Homeschooling war!"

Seit dem ersten Lockdown organisiert BK-Lehrerin Nadine Weiß OHG-Fotowettbewerbe, die regelmäßig zu zahlreichen künstlerisch herausragenden Bildern führen. Nach dem "Snow-Art"-Wettbewerb im Februar wurden im März wieder weit mehr als 100 Einsendungen gesichtet, diesmal zum Motto "Gemütlicher im Homeschooling". Die vielen preiswürdig fotografierten Arrangements zeigen, dass Kinder und Jugendliche oft humorvoll und kreativ mit der schwierigen Situation umgehen. Augenzwinkernd werden die vielleicht allzu großen Freiheiten im Homeoffice lustvoll in Szene gesetzt. Wer Kinder kennt, den überrascht es dabei nicht, dass bei den meisten Bildern das geliebte Haustier als Freund und "Lernhilfe" erscheint – oder als willkommener Begleiter bei Bewegung in der freien Natur nach einem langen Computerschultag.

100 Jahre nach Abschaffung des "Elternrechts" wird "Homeschooling" zum Normalfall. Am 13. März vergangenen Jahres hatte das Kultusministerium die Schließung der Schulen und Kitas in Baden-Württemberg ab dem 17. März beschlossen. Genau ein Jahr später findet derzeit für die Hälfte aller Klassen nach wie vor 100 Prozent des Unterrichts als Fernunterricht statt. Ein Blick auf die Geschichte der Schulpflicht in Deutschland offenbart, dass im 19. Jahrhundert "Homeschooling" statt "Präsenzunterricht" vielfach in wohlhabenden Familien vorherrschte: Nur wenn der "Hausvater" die "Unterrichtspflicht" nicht "in seinem Hause selbst besorgen kann oder will", bestand im Kaiserreich die Pflicht, die Kinder zur Schule zu schicken. Erst seit der Weimarer Verfassung von 1919 wurde anstelle der "Unterrichtspflicht mit Elternrecht" für ganz Deutschland erstmals die "allgemeine Schulpflicht" gesetzt, wie sie noch heute gilt.

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