Soziologe Florian Engel spricht mit Betroffenen / Geld dient zur Erfüllung von Wünschen / Verbale Angriffe
Von Brigitte Frank-Gauckler
Furtwangen. "Pfandflaschensammeln als Überlebensstrategie der Armutsbevölkerung" titelte Florian Engel seinen Vortrag im Rahmen des Studiums Generale an der Hochschule Furtwangen.
Florian Engel fiel das Phänomen nach einem längeren Aufenthalt im Ausland auf. Zu diesem Thema schrieb der Soziologe seine Abschlussarbeit an der Ruhr-Universität Bochum. Auch sein Vortrag in Furtwangen war wissenschaftlich gehalten.
Ethnografisch sei er vorgegangen, sagte Engel. Das heißt, er hat die Leute angesprochen und befragt. Den Betroffenen reiche das Geld nicht, egal, ob Rente oder Arbeitslosengeld. Die Motivation ist meist nicht direkter Hunger, das zusätzliche Geld diene eher Sonderwünschen wie elektronischen Geräten, Grabpflege oder Fußballschuhen für den Sohn.
Florian Engel traf einen Studenten, der seinen Lebensunterhalt allein durch Flaschensammeln bestritt, er betrieb dies professionell, tourte über Festivals und durch Fußballstadien.
Positives wie Bewegung an der frischen Luft, eine sinnvolle Tätigkeit zum Umweltschutz und soziale Kontakte werde dieser "Tätigkeit" zugeschrieben, doch sei dies fraglich bis zynisch – das sei kein Hobby der Sammlern, sagte Engel.
Untereinander gebe es wenige Freundschaften und eher Konkurrenz, die Gewinne seien seit Jahren rückläufig. Nicht selten werden die Sammler verbal angegriffen.
Erstaunt zeigte sich Engel, wie professionell das Flaschensammeln geplant werde nach Raum, Routen und Orten, Zeit ist die einzige Ressource. Sie sind Einzelkämpfer, für manche fühle es sich jedoch wie ein freiberuflicher Job an.
Statt auf der Straße gegen ihre missliche Situation zu demonstrieren, gingen die Menschen zum Flaschensammeln, lautete Engels nüchternes Fazit.
In der an den Vortrag anschließenden Diskussion ging es auch um die Probleme der Leergutabgabe, teils erhalten die Sammler Verweise in Supermärkten. Diskutiert wurde auch das bewusste Stehenlassen von Pfandgut als Almosen an Bedürftige.
Flaschensammler entlasteten die Sozialsysteme, denn der Staat müsse weniger für sie bezahlen. Der Begriff "Pfandpiraten" sei eine unzulässige Romantisierung der sozialen Misere, sie seien keine Helden des Alltags, sondern die "Putzerfische des Kapitalismus", sagte Stefan Selke, der sich über die Tafeln mit Armut auseinandersetzt.