Rainer Maria Rilke als Mädchen (1880) als Soldat (1916) und zwei Jahre vor seinem Tod in Sierre (1924) Foto: DLA-Marbach, www.dla-marbach.de

Unter dem Titel „Und dann und wann ein weißer Elefant“ feiert das Marbacher Literaturmuseum der Moderne den 150. Geburtstag des Dichters und präsentiert bisher verborgene Schätze.

Darauf hat man nicht nur in Philologenkreisen sehnlich gewartet, seit ziemlich genau vor drei Jahren die Nachricht die Runde machte, dass das Deutsche Literaturarchiv in Marbach das Gernsbacher Rilke-Archiv erworben hat. Jetzt ist es soweit. Pünktlich zum 150. Geburtstag des in Prag geborenen Dichters an diesem 4. Dezember wird der Jahrhundertschatz erstmals im großen Stil der Öffentlichkeit präsentiert.

 

Und was nun die Runde macht, führt zu Rainer Maria Rilkes Gedicht „Das Carussel“ aus dem Jahr 1906, worin allerlei Tiere am Betrachter vorbeirauschen, bunte Pferde, ein böser roter Löwe – „und dann und wann ein weißer Elefant“. Letztere wiederkehrende Zeile hat der von Vera Hildenbrandt und Sandra Richter kuratierten großen Jubiläumsausstellung im Marbacher Literaturmuseum der Moderne den Titel gegeben.

Der Tiger läuft Besuchern in der Rilke-Ausstellung in Marbach zwei Mal über den Weg

Skizze eines Tigers, vermutlich inspiriert durch die Bronzestatuette eines antiken Tigers, die Rilke bei einem Besuch im Atelier des Bildhauers Auguste Rodin gesehen hat (Rilkes Notizbücher 1902/1903). Foto: DLA-Marbach, www.dla-marbach.de

Auch hier kreist ein ganzes Leben, und wie der sich beschleunigende Rhythmus des Gedichts, erzeugt die fantastische Fülle an Manuskripten, Zeichnungen, Notizbüchern, Briefen und Fotografien einen erhabenen Schwindel. Dabei ist das erste Tier, das einem am Eingang über den Weg läuft, die Reproduktion eines überlebensgroßen Tigers. Später wird man ihm im Original en miniature in einem Notizbuch wiederbegegnen.

Da war Rilke schon in Paris, als Sekretär des Bildhauers Auguste Rodin, unter dessen Leitspruch „Il faut travailler toujours“ sich das gezeichnete Raubtier beugt. Was als geschmeidiger Tiger ins Auge springt, landet als Panther in einem weiteren Evergreen des Meisters. An der Popularität des einsamen Solitärs hat sich nichts geändert. Sie wird getragen von unterschiedlichen Schichten eines Werks, das vom kitschverdächtigen Kalenderspruch zum betörenden Rauschen einer absoluten Sprachmusik reicht, die wie der mythische Sänger Orpheus die entzauberte Schattenwelt der Moderne ins Licht einer höheren Erfahrung führt, in der sich alle Gegensätze aufheben.

Um 1890/91 tuscht Rilke in leuchtenden Farben einen salutierenden Husaren in schmucker Galauniform mit Säbel und Gerte. Foto: DLA-Marbach, www.dla-marbach.de

Und Gegensätze gibt es in diesem Leben so einige, angefangen bei dem ursprünglichen, der im Namen René den Wiedergänger der verstorbenen Schwester feiert. Auf einem Kindheitsbild trägt der Fünfjährige Mädchenkleider, und wirkt darin entschieden glücklicher als der Neununddreißigjährige, der in einer Weltkriegsuniform wie in einem Nessos-Gewand hängt. Dabei reiten und paradieren durch die Zeichenübungen des Heranwachsenden, die zu den Kostbarkeiten der Sammlung zählen, Husaren und Soldaten aller Art in bunter Montur. Niederschlag eines Militarismus, an dem der ursprünglich für eine entsprechende Laufbahn bestimmte junge Rilke traumatisch scheitern sollte.

Von jener Uniform auf dem Bild von 1915 wird er dann auch bald erlöst, dank einer Flut von Bittbriefen, die er an einflussreiche Personen richtet, koordiniert von Katharina Kippenberg, der Frau seines wichtigsten Verlegers. Auf einer Liste markiert sie mit blauen Häkchen, wer bereit ist, sich für ihn einzusetzen, darunter Gerhart Hauptmann und Rudolf Kassner.

Mit Bittbriefen ist ein weiteres Gegensatzpaar berührt, denn der sendungsbewusste Einzelgänger weiß sich geschickt in einem Netzwerk nützlicher Kontakte zu bewegen. „Wie das Geld in die Welt gekommen ist und was es will, kann ich nicht verstehen und ich bin diesem Kampfe nicht gewachsen“, schreibt er an einen Gönner. Diesen Kampf bestehen andere für ihn, und wie weit die Fürsorge seines Verlegers reicht, veranschaulicht eine „das Leibliche betreffende Mitteilung“, in der er eine Kiste mit fünf Kilo Reis, fünf Kilo Weizengrieß, fünf Kilo Bohnen, fünf Kilo Mehl ankündigt: „Hoffentlich kommen Sie gut über.“ Rilke war Vegetarier.

Rilke wird in der Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv Marbach entschnörkelt

In diesem Lebenskarussell geht manches schnell: Gerade hat man das Telegramm gelesen, in dem die Bildhauerin Clara Westhoff kurz nach dem Kennenlernen und der anschließenden Verlobung telegrafiert: „Du bist es und es gehört dir alles.“ Ein paar Schritte weiter versucht Rilke bei einer reichen Bewundererin Geld für einen Paris Aufenthalt locker zu machen, weil das junge Ehepaar sich bereits wieder entschlossen hat, jeder für sich „als eingeschränkter Junggeselle“ zu leben.

Lou Albert-Lasard: Rainer Maria Rilke. Öl auf Leinwand (1916). Foto: DLA-Marbach, www.dla-marbach.de

Die schockhafte Erfahrung der französischen Metropole gibt den Anstoß zu dem ersten deutschen Großstadtroman der „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“. Und mit der Schreibweise ändert sich die Handschrift. 1913 hält ihm die Ersatzmutter und einstige Geliebte Lou Andreas-Salomé, durch die er vom René zum Rainer wurde, seine leichtsinnigen S-Schnörkel vor, wer weiß, welchen Anteil diese Entschnörkelung an der Purifikation der Dichtung hat, die darin erscheint.

An den Autographen der Elegien und Orpheus-Sonette lässt sich ablesen, wie sich himmlische Erleuchtung und das „toujours travailler“ unermüdlichen Ringens um die Form begegnen. Unweit der heiligen Schriften die Schablone von Rilkes Füßen, eine Vorlage zur Fertigung lebensreformerischer Sandalen – für sich ein Dinggedicht wert.

Auf diesen Spuren führt der Weg in einen weiteren Widerspruch, den der letzte Raum inszeniert: das Verhältnis des „unstäten Lebens“ zum bedichteten Welteninnenraum. Um die Nabe einer der ausdruckstarken Porträt-Büsten seiner Frau oszillieren die unzähligen Orte, an die es ihn verschlagen hat. Last Exit ein karges Burgtürmchen im Wallis. „Die Schweiz hat ihre Schuldigkeit getan, die Schweiz kann… bleiben“, notiert er auf einen Zettel. Nicht nur die Rose, wie es auf seinem Grabstein in Raron heißt, sondern auch das Leben ein reiner Widerspruch. Aber hier so schön entfaltet, dass man am Ende sofort noch einmal von vorn beginnen möchte. Wie es sich für ein Karussell gehört.

Info

Eröffnung
Am 4. Dezember, um 11 Uhr, eröffnet Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die große Rilke-Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv Marbach mit einer Videoansprache.

Lesung
Anschließend liest Jens Harzer aus Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, es spricht die US-amerikanische Schriftstellerin Joy Williams (in englischer Sprache), und Sandra Richter diskutiert mit Uljana Wolf über die Rilke’sche Kunst des Rollenwechsels.