Am 8. März wird der neue Landtag gewählt. Wir stellen die fünf Bewerber vor, deren Parteien bereits im Gremium vertreten sind. Wie sehen ihre Positionen aus?
Im Wahlkreis 55, Tuttlingen–Donaueschingen, treten bei der Landtagswahl am 8. März sehr unterschiedliche Persönlichkeiten an. Die Spannbreite reicht von langjährigen Parlamentariern bis hin zum politischen Quereinsteiger aus dem Handwerk. Hier stellen wir die Kandidaten der Parteien vor, die bereits im Landtag sitzen und sich beim Wahlpodium am Mittwoch, 25. Februar, in der Bürgerhalle Aasen den Fragen der Moderatoren und der Bürger stellen werden.
Jens Metzger (Bündnis 90/Die Grünen) beschreibt ein Schlüsselerlebnis, das ihn in die Politik brachte: „Die Erfahrung der Jahrhundertflut 2013 in Passau während meines Studiums hat mich politisch stark geprägt. Sie hat mir sehr deutlich vor Augen geführt, wie verwundbar wir gegenüber Naturgewalten sind.“ Das habe in ihm den Wunsch geweckt, Verantwortung für eine „zukunftsfeste Gesellschaft“ zu übernehmen. Metzger will Politik näher an die Menschen bringen – durch Präsenz, Zuhören und konkrete Lösungen. Der studierte Politikwissenschaftler und gelernte Schreiner betont, keine klassische Politikkarriere hinter sich zu haben und die Perspektive „normal arbeitender Menschen“ in den Landtag tragen zu wollen.
Für den Wahlkreis sieht er drei zentrale Aufgaben: verlässliche Gesundheitsversorgung, erfolgreiche Transformation der Industrie sowie eine konsequente Verkehrs- und Energiewende. Ein besonderer Schwerpunkt ist für ihn das Handwerk, das er als Schlüssel für Ausbildung, regionale Wertschöpfung und Energiewende betrachtet; daher fordert er bessere Ausbildungs- und Meisterförderung und einfachere Verfahren für kleine Betriebe. Gleichzeitig legt er Wert auf Bildungsgerechtigkeit, von der Kita über die Schule bis zur Weiterbildung. Innerhalb der Grünen versteht sich Metzger als Stimme der Praxis. Er will Handwerk, Pflege und Schulen früher in Gesetzgebungsprozesse einbinden, um gut gemeinte, aber schwer umsetzbare Regelungen zu vermeiden. Die Linie der Landesregierung trägt er grundsätzlich mit, fordert aber eine schnellere, reibungsärmere Umsetzung – etwa beim Bauen, Sanieren und Klimaschutz.
Akademische Ausbildung trifft auf Praxis im Beruf
Der 1990 geborene Kandidat lebt in Tuttlingen und verbindet akademische Ausbildung mit praktischer Berufserfahrung. Nach einem Bachelor in European Studies in Passau und einem Master in „Economics for Transition“ in England arbeitete er unter anderem bei Campact, absolvierte eine Schreinerlehre und ist heute in einer Holzmanufaktur in Rottweil tätig. Politisch engagiert er sich seit 2019 bei den Grünen, sitzt im Kreisvorstand Tuttlingen, ist seit 2023 Mitglied im Landesvorstand und kandidierte bereits 2021 im Wahlkreis für die Landtagswahl.
Guido Wolf (CDU) zieht erneut in den Wahlkampf – nach eigenem Anspruch so engagiert, als wäre es seine erste Kandidatur. Er betont, Vertrauen müsse man sich immer wieder neu erarbeiten und verweist auf seine Erfahrung in Stuttgart, „jeden Fördertopf“ zu kennen, um Geld ins ländliche Tuttlingen–Donaueschingen zu holen.
Inhaltlich setzt Guido Wolf klare Schwerpunkte: Er will die Wirtschaft stärken, Bürokratie abbauen und „ein Land, das funktioniert“, in dem Technologieoffenheit Vorrang vor Reglementierung hat. Sicherheit ist für ihn ein zweites Kernthema – er fordert eine starke Polizei und Opferschutz, der über Datenschutz rangiert, sowie ein patientennahes Gesundheitswesen mit wohnortnahen Kliniken und Praxen. Von seiner eigenen Partei und der Landesregierung grenzt der CDU-Politiker sich vor allem in der Bildungspolitik ab. Wolf kritisiert dabei ein „zu Abi-lastiges“ System, möchte Haupt- und Werkrealschulen stärken, die verbindliche Grundschulempfehlung ausweiten und wirbt für „Meister und Master“ als gleichwertige Bildungswege.
Seit 2006 im Landtag
Guido Wolfs Vita ist geprägt von Verwaltung und Landespolitik. Der im Jahr 1961 in Weingarten im Landkreis Ravensburg geborene Jurist war Verwaltungsjurist, Richter, erster Bürgermeister in Nürtingen und Landrat in Tuttlingen. Er sitzt seit 2006 im Landtag und war unter anderem Landtagspräsident sowie Justiz-, Europa- und Tourismusminister. Heute ist er Vorsitzender des Rechtsausschusses und ehrenamtlicher Präsident des Blasmusikverbands Baden-Württemberg.
Christine Treublut (SPD) tritt mit dem Anspruch an, Baden-Württemberg eine deutlich sozialdemokratische Handschrift zu geben. Sie wirbt besonders um Wähler, die eine klare Abgrenzung vom Rechtsextremismus suchen. Als Lehrerin stellt sie Bildung in den Mittelpunkt. Treublut fordert eine „Personaloffensive“ an Schulen, um Unterrichtsausfall zu reduzieren, und möchte Medienkompetenz und politische Bildung fest im Lehrplan verankern. Zudem soll das letzte Kita-Jahr vor der Einschulung gebührenfrei und verpflichtend werden, um Bildungschancen früh zu stärken.
Ein weiterer Schwerpunkt ist der Schutz von Frauen. Christine Treublut plädiert für eine bessere Unterstützung der Frauenhäuser im Wahlkreis, die nur mit ausreichend bezahlbarem Wohnraum gelingen könne – sonst drohe, dass hilfesuchende Frauen abgewiesen werden müssten. In Energiefragen wirft sie der grün-geführten Landesregierung vor, beim Ausbau erneuerbarer Energien zu langsam zu sein. Sie erinnert daran, dass die SPD schon in den 1970er-Jahren den Atomausstieg forderte und sieht ihre Partei als Motor eines ehrgeizigeren Ausbaus.
Seit Jahren im Bildungsbereich tätig
Christine Treublut wurde 1967 im niedersächsischen Meppen geboren und ist seit vielen Jahren im Bildungsbereich tätig. Nach einem Staatsexamen in Geschichte und Deutsch und Stationen im Auslandsschuldienst arbeitet sie seit 2002 als Lehrerin, zunächst in Donaueschingen, heute in Tuttlingen. Sie lebt dort, ist Kreis- und Ortsvereinsvorsitzende der SPD, verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.
Niko Reith (FDP) tritt erneut an, weil er im Land dringenden Bedarf für mehr Freiheit, Chancen und Zukunftsperspektiven sieht. Der langjährige Donaueschinger Stadtrat versteht sich als Politiker „nah bei den Menschen vor Ort“ und wirbt mit dem Motto „Zuhören, Nachdenken, Handeln“. Seine Devise: „Wirtschaft ist nicht alles, aber ohne eine florierende Wirtschaft ist alles nichts.“ Reith fordert bessere Rahmenbedingungen für Mittelstand, Handwerk und Industrie, mehr Start-up-Förderung und konsequenten Bürokratieabbau. Zudem drängt er auf schnelles Internet, flächendeckenden Mobilfunk, verlässliche Verkehrsinfrastruktur und eine Stärkung des Ehrenamts, etwa durch eine gerechtere Helfergleichstellung.
Inhaltlich steht Niko Reith seiner Partei nahe, betont aber seinen besonderen Fokus auf pragmatische, lokale Lösungen, etwa in der Mobilität im ländlichen Raum. Im Gegensatz zur grün-schwarzen Landesregierung kritisiert er eine Politik, die aus seiner Sicht zu sehr auf Misstrauen und Regulierung setzt und Mittelstand wie ländliche Regionen übermäßig belastet.
Fest im Wahlkreis verwurzelt
Niko Reith ist fest im Wahlkreis verwurzelt. Der 56-Jährige wurde in Lahr geboren, wuchs in Donaueschingen auf und lebt dort mit seiner Familie. Er ist gelernter Versicherungskaufmann, arbeitet seit dem Jahr 1995 als unabhängiger Versicherungsmakler und ist landespolitisch wirtschafts- und sozialpolitischer Sprecher der FDP/DVP-Fraktion, zudem ist er kommunal als Fraktionssprecher im Donaueschinger Gemeinderat sowie im Regionalverband Schwarzwald-Heuberg aktiv. Ehrenamtlich engagiert Niko Reith sich unter anderem als Präsident des Deutschen Harmonika-Verbands.
Kay Rittweg (AfD) geht ins Rennen, weil sich seiner Ansicht nach „grundsätzlich etwas in der politischen Landschaft ändern“ muss. Er wirft den Altparteien vor, an der Bevölkerung vorbeizuregieren und Bürger sowie Unternehmen „wie eine Zitrone“ auszupressen, während es aus seiner Sicht kein Einnahmen-, sondern ein Ausgabenproblem des Staates gibt.
Der Oberndorfer setzt auf einen radikalen Kurswechsel in der Wirtschafts-, Energie- und Migrationspolitik. Er will weg von der „ideologischen Energiewende“, setzt auf Kernkraft und günstige Energie als Standortfaktor und fordert zugleich eine harte Linie in der Migrationspolitik. In der Bildung propagiert er eine Wende hin zu „Leistung, Disziplin und Identität“, mit starkem Fokus auf prüfbares Wissen und Deutschkenntnisse. Konkrete Projekte, die er im Wahlkreis angehen will, nennt er nicht, sondern fordert zunächst einen „Kassensturz“ und verweist auf Schwerpunkte wie Infrastruktur, kostenlose Kindergartenplätze und moderne Schulen. Besonders beschäftigen ihn der Erhalt der Automobilindustrie – für viele Arbeitsplätze in der Region – sowie das Bildungsniveau an Schulen. Zur grün-schwarzen Landesregierung sieht er grundlegende Unterschiede und kündigt unter anderem Bürokratieabbau, Stärkung innerer Sicherheit, ein Ende des Verbrennerverbots und eine drastische Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks an.
Der 1979 in Sulz am Neckar geborene Familienvater ist Lackierermeister bei Mercedes-Benz und als einziger Kandidat nicht im Wahlkreis wohnhaft. Politisch engagiert er sich seit 2016 in der AfD, hat verschiedene Vorstandsposten im Kreisverband inne und sitzt im Kreistag Rottweil sowie im Stadtrat von Oberndorf. Zudem arbeitet er als stellvertretender Betriebsrat in einer alternativen Gewerkschaft.
Die beiden Parteien Volt Deutschland und die Linken sitzen noch nicht im Landtag. Doch auch sie schicken zwei Kandidaten für den Wahlkreis 55 ins Rennen und erhoffen sich Chancen, die Fünf-Prozent-Hürde zu meistern: Alexandra Hermann (Linke) und Christiane Fichter (Volt). Diese werden in einem separaten Bericht vorgestellt.
Wahlpodium
Am Mittwoch, 25. Februar,
findet eine Podiumsdiskussion zur Landtagswahl in der Bürgerhalle in Aasen statt, bei der den fünf hier vorgestellten Kandidierenden auf den Zahn gefühlt werden kann. Beginn ist um 19 Uhr, der Saal wird schon um 18.30 Uhr geöffnet, so dass sich die Besucherinnen und Besucher rechtzeitig Plätze sichern können. Eine Anmeldung ist nicht nötig, der Eintritt ist frei. Reservierungen sind nicht möglich, es gilt freie Platzwahl für bis zu 400 Gäste. Die Podiumsdiskussion endet gegen 21 Uhr.