Wenn die Lehrkräfte an ihre Grenzen kommen, können sie weiterhelfen: die Akteure des multiprofessionellen Teams der Schwenninger Gartenschule.
„Wir sind nicht umsonst Startchancen-Schule geworden“, bringt es Katya Cankovski, Rektorin der Gartenschule, direkt auf den Punkt, wenn es um die gezielte Unterstützung der Schüler geht. Seit dem Schuljahr 24/25 nimmt die Innenstadt-Schule am neuen Förderprogramm von Bund und Land teil und darf in bestimmte Projekte, Kooperationen oder Förderungen investieren – unter anderem auch in ein sogenanntes multiprofessionelles Team.
Dieses setzt sich aus Fach- und Unterstützungskräften unterschiedlicher beruflicher Bereiche zusammen, die da ansetzen, wo die Lehrkräfte nicht mehr weiterkommen. Mit ihrem „anderen Blick“, ihrer „Expertise, die man im Lehramtsstudium nicht erwirbt“, so Katya Cankovski, werden sie gezielt beratend und unterstützend tätig – ergänzend zu den Sozialpädagogen, die schon seit Längerem fester Bestandteil der Schulgemeinschaft sind.
Hilfe im Unterricht
Für die Gartenschule konnte die Schulleiterin bisher fünf pädagogische Assistentinnen gewinnen, die den Lehrkräften im Unterricht etwa bei organisatorischen Abläufen helfen oder Schüler in Kleingruppen betreuen, ebenso wie drei Schulbegleitungen und Physiotherapeutin Stefanie Burm. Sie ist unter anderem im Sportunterricht mit dabei und erkennt bei den Schülern mögliche motorische Auffälligkeiten, und leitet in den Klassen zudem sogenannte Bewegungspausen an, erzählt sie im Gespräch mit unserer Redaktion.
Zum multiprofessionellen Team zählt seit März aber auch Lerntherapeutin Susanne Seyfried. Ihr Ziel: die Basiskompetenzen vor allem in Deutsch und Mathe zu stärken. „Schüler haben ein Recht auf Förderung. Sie werden da abgeholt, wo sie gerade sind.“
„Riesige Chance“
Der Fokus soll vor allem auf die Klassen eins und zwei gelegt werden, um bei den Schülern bewusst früh und präventiv anzusetzen und die „dankbare und riesige Chance“, die sich durch gezielte und individuelle Maßnahmen in Sachen Lese-Rechtschreib- oder auch Rechenschwäche zusätzlich zum normalen Unterricht ergeben, rechtzeitig zu nutzen.
Eine Förderdiagnostik ist für Susanne Seyfried die Grundlage, die individuellen Stärken der Schüler herauszuarbeiten und mit einzubeziehen, um auch ihr Selbstbewusstsein zu stärken.
„Kooperation ist A und O“
Der Expertin, die schon seit vielen Jahren als Lerntherapeutin an verschiedenen Schulen in der Region tätig ist, ist die niederschwellige Zusammenarbeit mit den Lehrkräften besonders wichtig – „die Kooperation ist das A und O“, betont sie. Sie sei in der Schule mit dem „Kurze-Wege-Prinzip“ stets präsent und werde von den Lehrkräften angesprochen, wenn es Förderbedarf gebe. Dann werde sie entweder beratend aktiv oder setze direkt beim Schüler an.
Die Arbeit mit den Schülern erfolge vor allem spielerisch und auch in Bewegung, das mache ihnen besonders Spaß. Schritt für Schritt sollen die Schüler dann die eigenen Fortschritte spüren.
Langfristig Planen
Susanne Seyfried ist angetan von der Arbeit im multiprofessionellen Team und von der – notwendigen – Offenheit, die ihr von den Lehrkräften entgegengebracht wird. „Es ist total schön, was hier entsteht und was durch das Startchancenprogramm möglich ist.“ Im Gegensatz etwa zum Förderprogramm Lernen mit Rückenwind, das von Jahr zu Jahr neu verlängert wird, könne man mit dem Startchancenprogramm, das eine Förderlaufzeit von zehn Jahren hat und nicht vom Haushalt abhängig ist, langfristiger planen und neue Wege gehen.
Auch Schulleiterin Katya Cankovski ist überzeugt von der „wertvollen und bereichernden Arbeit“, die das bisherige multiprofessionelle Team für die Gartenschule – sowohl für Schüler als auch für Lehrkräfte – geleistet hat. Viele Synergieeffekte hätten sich bisher ergeben, das sei „total gewinnbringend“, freut sie sich.
Und hofft, das Fachexperten-Team noch weiter ausbauen zu können, etwa im Bereich Kinderpsychologie, Ergotherapie sowie Logopädie – eben überall dort, wo Bedarf vonseiten der Schüler bemerkbar ist und wo möglichst früh angesetzt werden sollte.
Auf die Zusammenarbeit im Team hat Katya Cankovski, die seit dem Schuljahr 24/25 Schulleiterin ist, von Anfang an großen Wert gelegt – so auch jetzt. Im Zuge des Startchancenprogramms schaue man stets im Team, was sich entwickeln soll und sich optimieren lässt. „Wir leben hier konstruktive Kritik“, betont die Rektorin.
Synergieeffekte spürbar
Einen Startchancenstandort zu stärken gelinge also vor allem, wenn sich die Schule selber bereit mache und auch solch ein multiprofessionelles Team zulasse. So seien die erhofften Synergieeffekte durch die zusätzlichen Blickwinkel der Experten bereits nach einem Jahr deutlich spürbar. Die Schüler ausreichend zu fördern sei eine „riesengroße Aufgabe. Sie kann erst recht mit einem multiprofessionellen Team gelingen.“
Das Förderprogramm
Startchancen BW
Mit dem Startchancen-Programm fließen in zehn Jahren 2,6 Milliarden Euro an die Schulen, an denen Unterstützung am meisten benötigt wird. In Baden-Württemberg nehmen 56 Schulen an dem Programm teil, in Villingen-Schwenningen sind es acht Schulen. Gefördert werden Schüler, die aufgrund ihrer Herkunft (Migrationshintergrund) oder ihrer familiären Verhältnisse (Sozialstrukturen) einen besonderen Förderbedarf haben. Das Förderprogramm habe schon jetzt viele positive Effekte, zieht Gartenschulleiterin Katya Cankovski nach einem Jahr das Fazit. Wichtig sei, dass die Erfahrungswerte der teilnehmenden Schulen in einem Netzwerk stets ausgetauscht werden.
Das multiprofessionelle Team
Wer als interessierte Einzelperson und Kooperationspartner Teil eines Experten-Teams werden möchte, muss sich auf der Plattform LOBW Up (Lehrer-Online Baden-Württemberg Unterstützungsprogramme) – ein zentraler Marktplatz im Netz, um Schulen und Unterstützungskräfte zusammenzubringen – unter Angabe der Qualifikationen beziehungsweise Angebote, bevorzugten Schularten und Einsatzgebiete registrieren. Die berufliche Selbstständigkeit ist Voraussetzung für die Tätigkeit als Kooperationspartner, für die Tätigkeit als pädagogische Assistenzkraft allerdings nicht.