Hoffen, dass das neue Schutzkonzept der evangelischen Kirchengemeinde Schwenningen Wirkung zeigt: (von links) Pfarrer Simon Ziegerer, Linda Kaiser-Horstmann, Susanne Orsinger und Gerhard Schilling. Foto: Mareike Kratt

Die evangelische Kirchengemeinde in Schwenningen führt ein Schutzkonzept zur Prävention sexualisierter Gewalt ein. Warum setzen die Verantwortlichen auf mehr Sicherheit?

Es klingt kompliziert, abstrakt und umfangreich, und doch ist das Projekt der evangelischen Kirchengemeinde eine mittlerweile unentbehrliche Voraussetzung, „um Sicherheit in diesem Bereich zu schaffen“: das „Schutzkonzept zur Prävention sexualisierter Gewalt mit Interventionsplan für Krisenfälle“.

 

So also heißt das Endprodukt einer langen und intensiven Erarbeitungsphase, für die sich eine Arbeitsgruppe mit Mitgliedern aus verschiedenen Arbeitsbereichen der Kirchengemeinde – Pfarramt, Diakonie, Jugend, Kindergarten, Musik oder Verwaltung – gebildet hatte.

Der Anlass

Der Anlass? Erst einmal ganz formal: Der Präventionsgedanke sei eine rechtliche Pflicht, der die Kirchengemeinde „gerne nachgegangen ist“, beschreibt Pfarrer Simon Ziegerer, der zur Arbeitsgruppe gehört hat und jetzt zusammen mit den beiden Kirchengemeinderäten Linda Kaiser-Horstmann und Gerhard Schilling als Präventionsbeauftragter fungiert.

Denn: Die evangelische Kirche Deutschland hat bereits im Jahr 2019 auf die Missbrauchsfälle in der Kirche durch Gewaltschutzrichtlinien reagiert, 2021 hat dann die Landeskirche ein Gewaltschutzkonzept verabschiedet – und daraufhin haben die Bezirke eine Vorlage erarbeitet, die infolge auf alle Ehrenamtlichen der jeweiligen Gemeinde ausgeweitet und individuell angepasst werden sollte, erklärt Ziegerer die Entstehung.

Kein Novum

Doch das neue Schutzkonzept, das 2023 erstmals Thema in der Schwenninger Gemeinde wurde, war hier bei Weitem nichts Fremdes: Vor rund zehn Jahren nämlich wurde im Bereich der Jugendarbeit bereits das erste Schutzkonzept erarbeitet, erinnert sich Gerhard Schilling, der sich hier damals schon engagiert hatte. „Ich finde es ganz wichtig“, betont er.

Und auch in den evangelischen Kindergärten nimmt das Schutzkonzept stets den erforderlichen Raum ein, berichtet Fachbereichsleiterin Susanne Orsinger. Über zwei Jahre hinweg sei es Fortbildungskonzept für alle Kindergarten-Mitarbeiter gewesen.

Die Risikoanalyse

Als Grundlage für das neue Konzept sollte zunächst eine Risikoanalyse dienen. Welche Risiken bestehen an welchen Orten, zu welchen Zeiten und welche Personen sind betroffen? Unter dieser Fragestellung hat die Arbeitsgruppe bei ihren monatlichen Treffen jegliche Räume, die zur Kirchengemeinde gehören, ganz genau unter die Lupe genommen.

Doch ist die Kirche nicht eigentlich schon ein sicherer Ort? Und lebt eine Gemeinde nicht von zwischenmenschlichen Beziehungen?, macht Linda Kaiser-Horstmann den Spagat zwischen gewünschter Nähe und gleichzeitiger notwendiger Distanz deutlich. Tatsächlich sei man aber immer mehr in den Prozess gekommen, genauer hinzuschauen.

Auf 206 Seiten reiner Risikoanalyse wurde daraufhin alles dokumentiert, wo und was verändert werden sollte, „damit alles sicher abläuft und keine Vorwürfe entstehen können“, fügt Simon Ziegerer hinzu.

Das Sensibilisieren

Für das Team sei die Arbeit aber nicht nur reine Dokumentation gewesen. Vielmehr sei man vielfältig sensibilisiert worden – unter anderem auch, um zu wissen, wo die eigenen Grenzen im Umgang mit anderen Gemeindemitgliedern liegen. Für Gerhard Schilling ist das Schutzkonzept somit auch eine Art „Selbstschutz“. Gleichzeitig enthält es einen Notfallplan, also praktisches Handwerkszeug, um beim Erkennen von Anzeichen sexualisierter Gewalt richtig reagieren zu können.

Das Langfristige

Im vergangenen Herbst wurde das Opus vom Kirchengemeinderat beschlossen. Doch fertig ist es damit ganz und gar nicht, wie Susanne Orsinger betont. „Es ist als langfristiges Konzept angelegt.“ Das bedeutet: Durch das Vorlegen von polizeilichem Führungszeugnis und Selbstverpflichtung plus Schulung für alle neuen Ehrenamtlichen sowie regelmäßiges Thematisieren im Kirchengemeinderat soll es lebendig gehalten werden, ebenso durchs Erneuern der Risikoanalyse.

Dabei sollen alle Mitwirkenden für ihre Tätigkeit vor allem eines mit auf den Weg nehmen: registrieren, was tagtäglich passiert, sensibel sein und feine Signale wahrnehmen – damit die Gemeinde als lebendiges, aber sicheres Konstrukt erhalten bleiben kann.

Das Schutzkonzept für die evangelische Kirchengemeinde

So ist es erhältlich
Das 35-seitige Schutzkonzept zur Prävention sexualisierter Gewalt enthält sowohl einen Präventionsplan mit Verhaltenskodex als auch einen Interventionsplan mit Handlungsleitfaden und Kontaktadressen. Er steht auf der Homepage der Kirchengemeinde zum Download bereit: https://www.schwenningen-evangelisch.de/wir/schutzkonzept.