Damit die Hesse-Bahn fahren darf, wurde viel Arbeit in den Artenschutz investiert. Wir haben gefragt, ob die wohl wichtigste Maßnahme Früchte trägt – und was alles insgesamt kostet.
Der Betrieb der Hesse-Bahn steht und fällt mit der Fledermaus. Das ist seit vielen Jahren klar – und sorgte bereits für zahlreiche Schlagzeilen. Doch es geht nicht nur um die Fledermäuse in den Tunneln bei Calw und Althengstett.
„Es sind ganz, ganz viele andere Themen auch mit drin“, betont Susan Knowles, Kaufmännische Geschäftsführerin des Zweckverbands Hermann-Hesse-Bahn, im Gespräch mit unserer Redaktion. Dadurch handle es sich insgesamt auch um ein „super umweltfreundliches Projekt“, ergänzt Frank von Meißner, Geschäftsführer des Zweckverbands.
Je größer der Eingriff, desto größer der Ausgleich
Grundsätzlich gilt in Deutschland per Gesetz, dass ein Eingriff in die Natur andernorts kompensiert werden muss. Zerstört etwa ein Straßenbau ein wertvolles Biotop, muss an einer anderen Stelle eines geschaffen oder eine bereits bestehende Fläche entsprechend ökologisch aufgewertet werden. Je größer der Eingriff, desto größer der geforderte Ausgleich.
Für die Hesse-Bahn wiederum seien Ausgleichsmaßnahmen im ganzen Nordschwarzwald umgesetzt worden – oder würden noch umgesetzt, erklären Knowles und von Meißner.
Kompletter Umwelt-, nicht nur Artenschutz
Dazu wurden etwa viele Hektar Wald in der ganzen Region von der Bewirtschaftung ausgenommen und für die Natur reserviert, Hunderte Fledermauskästen aufgehängt oder eine Waldweide in Gechingen geschaffen.
Dabei gehe es nicht nur um Fledermäuse, sondern auch um Vögel, Eidechsen oder Pflanzen – kompletter Umwelt-, nicht nur Artenschutz, erklären beide.
Insgesamt schlagen all diese Maßnahmen mit derzeit voraussichtlich rund 80 Millionen Euro zu Buche. Vieles wurde explizit vom Regierungspräsidium gefordert.
Maßnahmen zeigen Wirkung
Obwohl mit den Schutzmaßnahmen nicht nur Fledermäuse Hilfe erhalten, entfallen große Brocken zweifellos auf die kleinen, geflügelten Säugetiere. Allein für die Trennwandkonstruktionen in den Tunneln bei Calw und Althengstett waren zuletzt rund 24 Millionen Euro veranschlagt.
Am Rande bemerkt: Immerhin scheinen die Maßnahmen Wirkung zu zeigen. Wie Knowles erklärt, werde die Fledermauspopulation jährlich gezählt – und sie sei gewachsen.
Ebenfalls ein großes Thema waren und sind die Steinkrebse, die im Hau bei Heumaden siedelten. Erst vor wenigen Wochen traf die bereits 2016 beantragte Genehmigung ein, dort arbeiten zu dürfen, wo die seltenen Tiere vor Jahren eingesammelt worden waren. Vor allem die Stellungnahme durch die EU-Kommission hatte hier auf sich warten lassen.
Die größte Hürde stellt aber nach wie vor der Fledermausschutz dar. Denn es genügt nicht, den Tieren neue Refugien anzubieten. Die in den Tunnel lebenden Tiere müssen auch davon abgehalten werden, künftig in die abgetrennten Bereiche zu fliegen, wo die Züge fahren sollen.
Dazu liefen im vergangenen Jahr sogenannte Vergrämungsversuche an, um den Fledermäusen die Röhren zu verleiden. Der Einsatz von Schallwellen funktionierte dabei jedoch noch nicht restlos.
Der Landesvorsitzende des Nabu Baden-Württemberg, Johannes Enssle, vermutete im September 2024, „dass das an der technischen Umsetzung liegt“. Zwei der mehr als 15 Fledermausarten, die mit insgesamt mehr als 1000 Tieren in den Tunneln leben, hätten auf die Töne nicht so reagiert wie erhofft. Da es sich um bislang weltweit einmalige Versuche handle, gebe es auch noch kaum Erfahrung damit.
Das Landratsamt Calw zeigte sich dagegen schon im vergangenen Jahr zuversichtlich. Geschäftsführer von Meißner bestätigte diese Einschätzung gegenüber unserer Redaktion vor Kurzem. Gut 90 Prozent der Tiere würden bereits durch den Schall abgeschreckt. Im Juli werde die Methode nun noch durch Lichteffekte erweitert. Alle Beteiligten, auch die Experten, seien überzeugt, dass das funktionieren werde.
„Wir haben die Blaupause für viele, viele andere Projekte“
Die Lebensräume in und vor den Tunneln gelten als eines der bedeutendsten Schwärmquartiere für Fledermäuse im Südwesten, die Hesse-Bahn als Pioniervorhaben bei der Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken. „Wir haben die Blaupause für viele, viele andere Projekte“, meinte entsprechend Calws Landrat Helmut Riegger im Frühherbst vergangenen Jahres.
Und obwohl er „zu 150 Prozent“ dazu stehe, beschäftige ihn doch das Thema Verhältnismäßigkeit, so der Landrat.
Nabu-Landesvorsitzender Enssle stellte damals die Gegenfrage: „Wäre es angemessen, für eine kleine, eher untergeordnete Regionalbahn eines der bedeutendsten Fledermausquartiere Deutschlands zu zerstören?“