Der österreichische Schriftsteller Tonio Schachinger erhält für seinen Schulroman ein glänzendes Zeugnis. Foto: dpa/Arne Dedert

Tonio Schachinger erhält in diesem Jahr den Deutschen Buchpreis: In seinem Roman „Echtzeitalter“ erzählt er von einer Jugend in einem Wiener Elite-Internat. Wer diesen Intensivkurs in Mentalitätsgeschichte absolviert hat, ist reif für die Gegenwart.

In der Regel beginnt man die Besprechung von Büchern mit der Skizzierung dessen, wovon sie handeln. Bei Tonio Schachingers in Frankfurt mit dem Deutschen Buchpreis geehrten Roman „Echtzeitalter“ hat man dagegen gute Lust, erst einmal bei der geschmeidigen Charakterisierungskunst zu verweilen. Diese spezifische Mischung aus Witz und Präzision, mit der soziale Konstellationen erfasst werden, zum Beispiel das menschliche Erscheinungsbild von Klassenvorteilen: „Alexander ist groß, hat braune Locken und eine dieser schmalen, geraden Nasen, die reiche Menschen manchmal wie schöne Pferde aussehen lassen.“

 

Und auch wie man sich die spezifische Mischung aus reaktionärer Renitenz eines Schultyrannen vorstellen muss, wird unmittelbar einleuchtend: Er hat ein Problem mit dem Katholizismus, aber „der Dolinar verachtet die Kirche nicht wegen der jedes Jahr öffentlich werdenden Missbrauchsskandale, sondern wegen der Ökumene, der neuerdings grassierenden Toleranz, die sie immer näher an den Protestantismus heranführt“. Überhaupt Österreich: „Das Besondere an Wien sind die Wahnsinnigen mit bürgerlicher Fassade, die weitgehend funktionieren, aber nie von hier wegziehen könnten, weil ihr menschenfeindliches Verhalten in keiner anderen Stadt so wenig Konsequenzen hätte.“

Terror des Wahren, Guten und Schönen

Würde man die Schule benennen wollen, in die Tonio Schachinger gegangen ist, fallen einem, was das Verhältnis zu Österreich angeht, Thomas Bernhard ein, im weiteren deutschsprachigen Rahmen und im Fortgang der Handlung aber auch Wolfgang Herrndorf. Zwei Namen, die man auf der Ehemaligen-Liste des Wiener Elite-Internats vergeblich sucht, in dessen Mauern „Echtzeitalter“ spielt. Dafür stößt man hier auf einen Sportlehrer, der zuvor schon an einer anderen Wiener Privatschule Daniel Kehlmann zu ertüchtigen versucht hat und dafür von dem Zwölfjährigen mit dieser wohlgesetzten Replik abgespeist worden sein soll: „Ich brauche eine dritte Option neben Fußball und Basketball, die mir erlaubt, dem nachzugehen, was in meinem Leben wichtig sein wird, und ich kann zu diesem Zeitpunkt bereits ausschließen, dass Ballsport dafür in Betracht kommt.“

Damit ist man eigentlich schon mittendrin. „Echtzeitalter“ ist ein Roman über die Schule, an der die hinter der Fassade gehobener Bürgerlichkeit geborenen Kinder dazu erzogen werden, einmal in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten, Ärzte, Anwälte, Unternehmer – und wehe hier würde gegendert, dann bekäme jener bereits erwähnte Dolinar einen seiner mit drakonischen Strafarbeiten verbundenen Wutanfälle.

Deutschnationale und Rechtsradikale

Der Dolinar – hier immer mit bestimmtem Artikel – ist Deutschlehrer, eine Art Lord Voldemort, dessen Bildungsdiktat dem Kanon der Schulliteratur jeglichen Geist austreibt, Stifter, Thomas Mann, „Krambambuli“. Einer, der unter seiner Fuchtel ächzt, ist der junge Till. Zum Glück gibt es sogenannte Echtzeit-Computerspiele wie „Age of Empires 2“, die erlauben, in eine Sphäre einzutauchen, die den elitentypischen Familientrouble ebenso vergessen lässt wie die Pflicht, Stifters „Brigitta“ lesen zu müssen. In der Gegenwelt der international vernetzten Gamerszene ist der zurückhaltende, sich vorsichtig in den Durchschnitt duckende Adoleszent eine Kapazität. Was ihm im Deutschunterricht natürlich nichts nützt. Man könnte diesen Roman auch lesen als ironische Umkehr von Wertschätzungshierarchien, wenn es darum geht, was zur Entwicklung der Persönlichkeit mehr beiträgt: eine unter dem Verdacht der Gewaltstimulation stehende Subkultur oder der dogmatische Terror des Wahren, Schönen, Guten.

Doch das ist nur einer von vielen Aspekten. Wie der Titel nahelegt, gibt es die traditionsreiche Kaderschmiede in echt, wenn auch nicht unter dem Namen Marianum, sondern Theresianum, und der Autor kennt sich darin bestens aus. Eine gewisse Zeit wurde hier auch Leib und Seele für den Dienst am Führer-Staat trainiert. Tempi passati: „Die Deutschnationalen und Rechtsradikalen sind am Marianum nicht stärker vertreten als im Rest Österreichs, wo sie quer durch alle Klassen circa 25 Prozent der Bevölkerung ausmachen.“

Man kennt ungefähr den Stoff im literarischen Pennälerfach: Außenseiter, Streber, Schnösel, adoleszente Aggregatzustände adulter Ernüchterungen, zusammengebunden vom Erwachen zarter Gefühle. Was diesen Roman aber neben der bereits gewürdigten sprachlichen Präzisionsarbeit besonders und urkomisch macht, ist, dass sich Schachinger keineswegs mit anekdotischen Späßen innerhalb des schulischen Zwangsbiotops begnügt. Er weitet vielmehr den Blick über die Mauer auf das Zeitalter, das Tills Schulkarriere überwölbt. Der Aufstieg des Teams Sebastian Kurz findet darin Platz wie jenes Video, in dem sich der damalige Vizekanzler auf Ibiza in schlabbrigem T-Shirt, Wodka-Red Bull saufend um Kopf und Kragen redet. Dabei unterstützt von einem mit seiner zur Waffe geformten Hand fuchtelnden ehemaligen Zögling des Mari- vulgo Theresianums.

In „Age of Empires“ werden vergangene Geschichtsepochen lebendig, in „Echtzeitalter“ die jüngste Vergangenheit. Bis Till seine Maturitätsprüfung unter Lockdown-Gegebenheiten ablegt, hat man einen mentalitätsgeschichtlichen Intensivkurs durchlaufen. Und auch wenn es an dem Zwangsregime des Dolinars nichts nostalgisch zu beschönigen gibt, legt man dieses Buch nicht ohne Wehmut aus der Hand – und mit leisem Zweifel, ob ein Computerspiel Ähnliches vermocht hätte wie der Roman.

Tonio Schachinger: Echtzeitalter. Roman. Rowohlt-Verlag. 368 Seiten, 24 Euro.