Eine aufs Land gezogene Großstädterin wird in Kristine Bilkaus Roman „Nebenan“ Opfer der Mutterwelten eines digitalen Neobiedermeiers.
Kleine, bunte Keramikblöckchen laufen in dem Laden am besten, den Julia in dem der Verödung entgegendämmernden Städtchen eröffnet hat. Das kleine Backsteinhaus in der Nähe des Nord-Ostsee-Kanals, in das sie mit ihrem Mann, einem Klimabiologen, eingezogen ist, sollte ein Neubeginn sein, eine Befreiung aus der Dauerabhängigkeit befristeter und prekärer Arbeitsverhältnisse, in denen sie so viel Zeit verloren hat, dass nun die biologische Uhr für ihren leidenschaftlichen Kinderwunsch beunruhigend laut tickt.
Man wird Kristine Bilkaus Roman „Nebenan“ nicht gerecht, ihn als weitere Variation auf das mit geschmackvoller Keramik dekorierte Thema von Landflucht, idyllischer Erwartung und erlebtem Abgrund zu lesen. Eher sollte man sich an das Handwerk ihrer Protagonistin halten. Denn was den Sätzen aus glasierten Steinchen, mit denen diese ein gutes Geschäft macht, auf der Ebene des Erzählens entspricht, sind Motive. Und es sind erstaunlich viele, die in dem schlanken Aufriss des Romans verbaut werden, um miteinander ein Muster zu bilden.
Beunruhigende Briefe
Während ihrer vergeblichen Schwangerschaftszurüstungen scrollt sich Julia durch die neobiedermeierliche Mutterschaftsindustrie, mit der Influencerinnen in den sozialen Netzwerken die pastellfarbene Welt eines idealisierten Familienglücks aufbürsten. Rosige Wangen, Vasen mit blühenden Kirschzweigen, Lichterketten auf Holzhausveranden motivieren Millionen Followerinnen zu einem Salto mortale hinter alle mühsam erreichten emanzipatorischen Errungenschaften. Nur zu gerne wäre Julia ein Teil davon. Stattdessen entdeckt sie die Spur, die ihre Mutter ins patriarchale Gehölz von Rollenmodellen geschlagen hat.
Am anderen Ende des Ortes und der Lebenszeit sieht die Ärztin Astrid ihrem Ruhestand entgegen. Hier der Fall einer erst Stunden nach dem Ableben von ihrem lieblosen Mann in der Badewanne aufgefundene Frau, dort die erkaltete Freundschaft zu ihrer Nachbarin. Ihre Tante, der sie viel zu verdanken hat, wird immer älter. Und dann sind da noch diese beruhigenden anonymen Briefe.
Alles ist aus kleinen Teilen zusammengesetzt, die Klinkerhäuser im Ort, das Mikroplastik, aus dem Julias Mann die drohende Umweltkatastrophe herausliest. In Kristine Bilkaus Roman verbinden sich Schauerelemente, das plötzliche Auftauchen und Verschwinden von Personen, Märchen- und Mythenmotive mit kristallinen sozialgeschichtlichen Beobachtungen. Kunstvoll fügt sich all dies zu einem eindrucksvollen Monument des instabilen, bedrohten Daseinsgefühls zeitgenössischen Lebens.