Verdi Baden-Württemberg plant den Generationswechsel: Maike Schollenberger folgt auf Martin Gross. Aufsehen erregt vor allem eine weitere Personalie.
Die Gewerkschaft Verdi – für die Arbeitgeber und Regierenden in Baden-Württemberg oftmals ein Unruhestifter – erweist sich in eigenen Personalangelegenheiten eher als Hort der Stabilität. Seit fast neun Jahren wird der Landesbezirk von Martin Gross geführt. Am 5. Juli gibt er sein Amt bei der Landesbezirkskonferenz in Leinfelden auf, zwei Jahre vor Ende der vierjährigen Amtszeit. Dem 64-Jährigen soll eine neue Dauerlösung folgen: Maike Schollenberger.
Diese ist zwar seit zwei Jahren seine Stellvertreterin und wurde jüngst einstimmig vom Landesbezirksvorstand für den Vorsitz nominiert. Dennoch ist es eine unerwartete Entscheidung. Bis vor zwei Jahren war die 35-Jährige noch Landesjugendsekretärin, bevor sie Landesvize wurde. Dieser rasante Aufstieg lässt auf eine weit vorausschauende Personalauswahl schließen.
„In allen Fragen, für die wir stehen, droht eine Zeitenwende“
„Martin Gross hinterlässt ein gut bestelltes Haus“, sagt sie. „Das Ziel, eine gerechtere Gesellschaft, bleibt das gleiche.“ Doch der Gegenwind nimmt deutlich zu: In allen Fragen, für die Verdi stehe, drohe eine echte Zeitenwende, denn „längst überwunden geglaubte neoliberale Diskurse kehren zurück“, sagt Schollenberger. „Wir werden in den kommenden Jahren viele Kämpfe führen müssen: politische und tarifpolitische – wir werden nicht bei allen als Siegerin vom Platz gehen können; entscheidend ist, dass wir diese Kämpfe führen.“ Sie wolle Verdi „über unser Kerngeschäft hinaus als tragende Säule gesellschaftlicher Bewegungen verankern“, sagt sie mit Blick auf die über Jahre betriebene Vernetzung im Bündnis gegen Altersarmut, in den lokalen Bündnissen gegen Rechts oder in der Klimabewegung. Dies entspricht auch dem von Verdi-Chef Frank Werneke forcierten Kurs.
Noch bis 2014 hat Schollenberger als Briefzustellerin bei der Deutschen Post gearbeitet, kam dann zu Verdi. Ihre größte Stärke sei es, „mit Offenheit und Neugier auf Menschen zuzugehen, zu verstehen, was sie bewegt und was ihre Probleme sind – um dann eine Haltung zu entwickeln, hinter der sich möglichst viele versammeln können“, sagt sie über sich selbst. Verdi stehe nicht nur vor einem Generationenwechsel in der Führung, sondern auch in der Mitgliedschaft, meint sie. „Eine zentrale Aufgabe wird deshalb sein, die organisatorische Stärke zu erhalten.“ Intern wolle sie Verdi mit neuen digitalen Tools stärker zu einer Mitmach-Gewerkschaft entwickeln. Trotz aller modernen Kommunikationsmittel gelte dem direkten Kontakt mit Beschäftigten, Berufseinsteigern und Azubis weiterhin der Fokus.
Sowohl Gross als auch Schollenberger sind parteilos. Die andere stellvertretende Landesvorsitzende hingegen, Hanna Binder, schon seit 2016 in diesem Amt, strebt derweil ins politische Geschäft. Dazu will sie am 8. März 2026 in den Landtag gewählt werden. Ihre Partei, die SPD, stellt die Landesliste für den Wahlkampf – purer Zufall – ebenso am 5. Juli auf. Die 49-Jährige hofft auf einen aussichtsreichen Listenplatz.
„Wir Gewerkschaften brauchen wieder eine stärkere Stimme in der Politik generell, aber gerade auch in der SPD“, sagt Binder. Speziell der gesellschaftliche „Rechtsruck“ mit dem großen Zuspruch für die AfD auch unter Gewerkschaftsmitgliedern bei den vorigen Wahlen mache ihr extreme Sorgen. „Daraus dürfen wir nicht die Konsequenz ziehen, die demokratischen Parteien zu beschimpfen – vielmehr müssen wir enger zusammenrücken“, sagt sie.
„Entfremdungsprozess ähnlich wie zu Zeiten der Agenda 2010“
Sie habe schon etliche interne Diskussionen darüber erlebt, wonach viele Gewerkschafter die Parteien als weit weg von den Sorgen der Arbeitnehmer wahrnehmen, weshalb sie sich nicht in der Lage sähen, eine Empfehlung für die eine oder andere Partei abzugeben. „Das halte ich für gefährlich“, sagt Binder, die einen „Entfremdungsprozess ähnlich wie zu Zeiten der Agenda 2010“ erkennt. So etwas „möchte ich nicht noch einmal erleben“. Deswegen sei es wichtig, die Brücke zwischen Gewerkschaften und Parteien wieder zu stärken. Da es nicht nur um Forderungen an die Sozialdemokratengehen dürfe, was diese zu tun oder zu lassen hätten, verstehe sie ihre Kandidatur auch als „Angebot an die Partei“.
Während die Industriegewerkschaften IG Metall und IG BCE noch eine Nähe zur SPD pflegen, stellt sich Verdi im Südwesten zunehmend links davon auf – was mit Personen, aber wohl auch mit der Vernetzungsarbeit der Linkspartei-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung zu tun hat. Tatsächlich hat schon lange kein namhafterer Gewerkschaftsfunktionär mehr für die SPD im Stuttgarter Landtag gesessen, und die einstige Verdi-Landeschefin Leni Breymaier hat den Bundestag wieder verlassen. Peter Friedrich, Binders Ehemann, war bis 2016 SPD-Bundesrats- und Europaminister – heute ist er Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart. Insofern ist es womöglich auch logisch, dass Hanna Binder diese Lücke füllen will – ein Plan, der nach ihren Worten gegen Ende vorigen Jahres gereift ist.
Regulär läuft Binders Amtszeit bis 2027
Von der Stuttgarter SPD wurde sie für den Wahlkreis I nominiert. Auch vom Rückhalt des Landesvorsitzenden Andreas Stoch ist auszugehen. Binder bewirbt sich quasi ohne wirtschaftliches Risiko um ein Landtagsmandat. Ihre Amtszeit bei Verdi läuft noch bis 2027 – schafft sie es ins Parlament, würde sie den Vize-Posten sofort abgeben und ihre Anstellung bei Verdi ruhen lassen.
Auf dem nun frei werdenden Stellvertreterposten soll Benjamin Stein folgen; der leitet noch den Bezirk Fils-Neckar-Alb, den vor ihm Martin Gross geführt hat und wo auch Maike Schollenberger bis 2019 tätig war.